Autor Jan Brandt über Wohnnöte "Diese schrecklichen Neubaugebiete überall"

Eigenbedarfskündigung - fast ein Jahr lang war Jan Brandt wohnungslos. Auf der Suche nach einer neuen Bleibe schrieb der Bestsellerautor zwei Bücher in einem: über das Wohnen in der Stadt und auf dem Land.

Neubaugebiet (bei Bochum-Hiltrop)
Hans Blossey/ imago images

Neubaugebiet (bei Bochum-Hiltrop)

Ein Interview von


Zur Person
  • Anika Büssemeier/ Dumont
    Jan Brandt (*1974) ist in Ostfriesland geboren - und lebt seit 20 Jahren als Autor in Berlin. Schon in seinem Debüt "Gegen die Welt" (2011) porträtierte er sein Heimatdorf, danach folgten "Tod in Turin" (2015) und "Stadt ohne Engel" (2016).In seinem jüngsten Buch "Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt" beschreibt Brandt in einem Teil seine Wohnungssuche in Berlin, im anderen den Erhalt seines Familienheims in Ostfriesland.

SPIEGEL ONLINE: Herr Brandt, was steht da auf Ihrem Pulli - "Unreality"?

Brandt: Ja. Ich habe nach diesem Buch einen Realitätsüberdruss, jetzt freue ich mich wieder aufs Fabulieren, ohne Rücksicht auf andere nehmen zu müssen. Und auch die Ruhe zum Schreiben ist wieder da. Während meiner Wohnungssuche durchforstete ich vormittags das Internet, nachmittags ging ich zu Besichtigungen. Ich war nach einer Eigenbedarfskündigung elf Monate wohnungslos, zog mit zwei Koffern durch Berlin, von Zwischenmiete zu Zwischenmiete, kam bei Freunden unter. Mir fehlte ein Gefühl von Sicherheit, ein Ort, von dem mich keiner vertreiben kann.

SPIEGEL ONLINE: Laut Buch fanden Sie eine Zweizimmerwohnung. Wohnen Sie dort noch?

Brandt: Ja, aber es hat ein Jahr gedauert, bis diese Grundnervosität verschwand. Die ganze Zeit dachte ich: Irgendwas kommt noch auf mich zu. Deswegen schob ich das Buchprojekt vor mir her, aber ich wusste: Ich muss das machen. Es betrifft ja nicht nur mich, es ist ein gesellschaftliches Thema.

SPIEGEL ONLINE: In "Eine Wohnung in der Stadt" listen Sie die Quadratmeterpreise all Ihrer Wohnungen auf. Es liest sich wie eine Berliner Mietspiegelstatistik von 1998 bis heute. Kommt Ihnen die Enteignungsdebatte zu spät?

Brandt: Nein. In der Forderung nach Enteignung drückt sich eine große Ohnmacht und Existenzangst aus. Ich war in Kreuzberg immer schon im Brennpunkt dieser Entwicklung, habe die Demos, die Bürgerinitiativen verfolgt und den Protest von Hausgemeinschaften gegen die Methoden der Investoren und Eigentümer, die Mieter zu verdrängen. Es betrifft Familien und Geringverdienende, Paare, die sich nicht trennen, Paare, die nicht zusammenziehen können. Es ist die totale Stagnation. Da hat sich enorm viel Aggression angestaut.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Jan Brandt
Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen

Verlag:
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
Seiten:
424
Preis:
EUR 24,00

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hat Ihre Wohnungslosigkeit Ihr Schreiben verändert?

Brandt: Die Erfahrung hat mich sehr politisiert. Sie hat mich gezwungen, etwas gegen die herrschenden Verhältnisse zu unternehmen. Sei es publizistisch oder indem ich auf Demonstrationen gegangen bin. Damit einher geht eine Wut auf die Politik. Sie hat die Wohnungsmisere auf vielen Ebenen mit verursacht - vom Bankenskandal über den Verkauf der städtischen Wohnungsgesellschaften bis zur Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus - und ist unfähig und nicht willens, gegenzusteuern. Ich hatte das Gefühl, allein gelassen und unverstanden zu sein. Aus dieser Ohnmacht heraus entstand auch viel Energie, die sich ein Ventil gesucht hat - im Schreiben darüber.

SPIEGEL ONLINE: Im anderen Teil des Buchs erzählen Sie, wie Sie ein Haus in Ihrem Heimatdorf in Ostfriesland kaufen wollen. Wollten Sie doch nicht nur Mieter, sondern auch Eigentümer sein?

Brandt: Ich habe keine Sehnsucht, ein Haus zu besitzen. Es ging nur um dieses Haus: das Haus meines Urgroßvaters. Es war ein Anker, etwas Unverrückbares. Wegen der Wohnungskündigung war in meinem Leben etwas ins Wanken geraten. Ich habe mich noch stärker als vorher nach etwas Bleibendem gesehnt. Wenn es geklappt hätte, hätte ich aber zurückziehen müssen. Ich weiß gar nicht, ob das funktioniert hätte.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Jan Brandt lernen wir da kennen?

Brandt: Einen geschichtsversessenen Paranoiker, der sich viel mit sich selbst beschäftigt und in einer Lebenskrise steckt. Ein ortloser Mensch. Der auf einmal - das ist seine umfassende Zerrissenheit - auch in der Stadt keine Zuflucht mehr findet.

SPIEGEL ONLINE: Auch deshalb klingt das Doppelbuch wie eine einzige Heimatsuche. Was war Heimat für Sie? Was ist es?

Brandt: Herkunft war das Dorf, in dem ich aufwuchs, wo ich die ersten 20 Jahre lebte. Berlin war die Wahlheimat, der Ort, an dem ich sein wollte - das waren die vergangenen 20 Jahre. In Meyers Konversationslexikon von 1905 steht: Heimat meint den Ort, an dem man geboren wurde oder an dem man sein Heim hat. Diese nüchterne Definition finde ich plausibel. Mehr ist es nicht. Man kann sich einen Ort aneignen, mehrere Heimaten haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie definieren es aber auch wirtschaftlich: Berlin ist die Heimat, die Sie sich leisten können.

Brandt: Als ich 1998 nach Berlin kam, war es utopisch, vom Schreiben leben zu können. Um das zu schaffen, musste ich meine monatlichen Fixkosten so gering wie möglich halten. In Berlin ging das. Heimat als Ort, wo ich einen Großteil meiner Ziele verwirklichen kann: Diese Utopie von einst wurde für mich nun erschüttert. Freunde beschließen in solchen Phasen: Wir ziehen in die Uckermark. Ich denke dann: Leute, ihr wisst überhaupt nicht, worauf ihr euch einlasst!

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Brandt: Das kann doch nicht die Lösung sein: im Nirgendwo zu leben. Wo jeder Künstler ein Exot ist.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem schreiben viele darüber: Juli Zeh mit "Unterleuten", Jan Böttcher mit "Das Kaff", Lola Randl mit "Der Große Garten". Was lesen Sie daraus?

Brandt: Bei Juli Zeh, Jan Böttcher oder auch Dörte Hansen dient diese Auseinandersetzung als Ressource für große Literatur. Aber ansonsten ist das Ganze ein Rückzug. Man zieht einen großen Zaun um sein Grundstück und lässt die Welt nicht mehr hinein. Auf dem Land ist die Utopie nur noch: Ich und mein Garten. Und nicht mehr: Ich und die Welt.

SPIEGEL ONLINE: Oder der Grund für die Stadtflucht ist wie bei Ihnen damals: Man geht dorthin, wo man sich eine Heimat leisten kann.

Brandt: Das hat sicher auch damit zu tun. Es gibt in der Lebensmitte aber oft neue Prioritäten, aufgrund von Familie, der Überforderung der Stadt, ihrer Lautstärke, der Sehnsucht nach Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: Die Folge ist die Gentrifizierung der Dörfer.

Brandt: Ja, klar. Das hat etwas unfassbar Homogenes. Diese schrecklichen Neubaugebiete überall. Und dann sitzt man in diesen uniformen Vorstadtsiedlungen und alle führen das gleiche Leben.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit der Homogenität vom Prenzlauer Berg?

Brandt: Ja, stimmt. Aber Städte waren immer die Orte, die die Gesellschaft vorangetrieben haben. Man wird hier konfrontiert mit globalen Problemen. Wir bekommen permanent gespiegelt, wie man selbst lebt, wie andere leben.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben Berlin resigniert als Ort des Provisoriums. War das nicht der Grund, weshalb einst alle dort hinzogen?

Brandt: Aber damals wusste man noch nicht genau, was man wollte. Die günstigen Mieten ermöglichten eine permanente Veränderung. Das war ein Gefühl unfassbarer Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Und dann kamen die Kreativschaffenden - und die Gentrifizierung.

Brandt: Es gibt zwei Phasen: Künstler werten einen Stadtteil auf, dadurch wird er attraktiv für Investoren. Der Begriff Gentrifizierung taucht erst seit der Finanzkrise 2008 und der Nullzinspolitik täglich in den deutschen Medien auf. Diese Art der Verdrängung hat eine ganz andere Qualität: Seither geht es nur noch um hohe Wertschöpfung, statt darum, die Stadt zu gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehören als Schriftsteller aber auch dazu. Wie sehen Sie Ihre Rolle dabei?

Brandt: Mir war wichtig, mich in dem Buch auch als Täter zu zeigen. Der Wohnungen weitergibt, die Schrott sind, ohne es zu sagen. Trotzdem: Ich habe niemanden verdrängt, ich kannte alle meine Vormieter. Aber man kann sagen, dass die Masse der Kulturschaffenden für diese erste Phase mitverantwortlich ist - und ich Teil davon bin.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie eigentlich zwei Bücher in eines gepackt?

Brandt: Weil es zwar eine Wechselbeziehung zwischen Stadt und Land gibt, aber für mich ein Leben in zwei Sphären ist. Das zeigt sich auch in einem grundlegenden Missverständnis zwischen Stadt und Land: In Ostfriesland ist die Eigentumsdichte sehr hoch. Was die Existenzängste der Mieter in der Stadt bedeuten, dringt dort nicht durch. Es fällt mir schwer, mich nur auf eins einzulassen. Ich bräuchte einen dritten Weg. Was gibt es außerhalb von Stadt und Land?

SPIEGEL ONLINE: Das Unterwegssein.

Brandt: Aber dann schreibt man ja nur noch Reiseberichte. Sich unterwegs auf einen großen Roman einlassen? Ich weiß nicht.

insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
tomquixote 26.05.2019
1. Lieber Herr Brandt -
so ganz verstehe ich nicht, was Sie eigentlich wollen. Einerseits brauchen Sie als Schriftsteller doch eine gewisse Ruhe, um an Ihren Büchern zu arbeiten - also warum nicht Opas Haus in Ostfriesland? Andererseits suchen Sie zwischenmenschliche Erlebnisse und die können sie besser in der Stadt finden. Also warum beschaffen Sie sich nicht einen festen Punkt in Form von Opas Haus und mieten in Berlin ein Studio, von dem aus Sie den Zauber der Spreemetropole erkunden können. Oder lassen Sie beides beiseite und ziehen nach Erkner; von da aus sind Sie in einer halben Stunde am Alex und können morgens im Flakensee baden. Oder, was ganz anderes: nehmen Sie sich einen Monat frei und gehen Sie den Jakobsweg, aber nicht den von Hape, sondern die Ruta de la Plata von Sevilla aus nach Norden - nach drei Wochen Marsch sagt Ihnen der Weg, was Sie eigentlich wollen. Falls Sie mehr über den Weg wissen wollen, fragen Sie mich (thomas.dunskus@gmx.de). Ansonsten alles Gute.
Ossibär 26.05.2019
2. "Diese schrecklichen Neubaugebiete überall."
Wo früher Felder und Wiesen waren,stehen heute auch in Thüringen die Ökohäuser der üblichen Verdächtigen. Natürlich mit bestens ausgebauten Straßen. Man will sich ja nicht den SUV kaputt machen. Mit dem fährt man dann zur Arbeit , zum Einkaufen und die Kinder zur Schule und zur Klima Demo. Und fährt dabei natürlich durch die Straßen und Wohngebiete mit Mehrfamilienhäusern oder Plattenbau derer ,die sich das nicht leisten können und bringt den Lärm und Staub mit, gegen den man dann eifrig demonstriert. Man selbst wohnt in Einbahnstraßen oder Sackgassen, die für Fremde fast tabu sind. Einfach mal durchfahren ist schwierig und fast unmöglich. Die Parteifreunde auf dem Amt haben da schon geholfen und aufgepasst. Z.B. am Steigerwald im Süden von Erfurt. Dort wurde die Straßenführung an die Bedürfnisse der Leistungsträger angepasst. Dort kamen auch keine Flüchtlinge unter. Die wurden auf die Neubaugebiete,die sozialen Brennpunkte und Problemviertel, verteilt. Ein Schelm...
sven2016 26.05.2019
3. Klingt spannend.
Und alles Gute dem Autor für seine weitere Zeit!
salomohn 26.05.2019
4. Au weia
Andere Leute beurteilen, ohne die Situation zu kennen, ist gewagt (oder unprofessionell?). "Ich und mein Garten. Und nicht mehr: Ich und die Welt" ist natürlich Unsinn. Praktisch alle wirklichen Macher in allen Lebensbereichen leben auf dem Land. Sie genießen die Abende und das Wochenende ohne Lärm, schlechter Luft und zigmal aufbereitetem Wasser. In den Innenstädten leben die Leute mit Bart, die noch strampeln müssen. Keine Chefs.
euro-paradies 26.05.2019
5. Er sollte mal überlegen, ob es nicht besser wäre selbständiger
zu leben und sich eine Wohnimmobilie kaufen. Als Journalist mit einem guten, sicheren Einkommen dürfte das kein Problem sein und man kann sich dann besser auf seine Arbeit konzentrieren. Oder auf´s Land ziehen, da gibt es noch genügend billigen, guten Wohnraum zu mieten.
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