Jelineks Nobelpreis-Rede Ratlose Worte aus dem Abseits

Wie angekündigt wird die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek am Freitag nicht an der Vergabe des Literaturnobelpreises in Stockholm teilnehmen. Ihre Dankesrede hat sie auf Video aufgenommen. Auf dem Band gibt sie sich ratlos und desillusioniert, was die Rolle des Schriftstellers in der Gegenwart betrifft.


Preisträgerin Jelinek: "Eine Art Lustkotzen"
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Preisträgerin Jelinek: "Eine Art Lustkotzen"

Wien - Unter das Thema "Im Abseits" hat Elfriede Jelinek ihre Rede zur Vergabe des Literaturnobelpreises am Freitag in Stockholm gestellt. Die 58-Jährige spricht darin in sehr persönlichen Worten von ihrem Verhältnis zur Sprache und beschäftigt sich mit der Position des Schriftstellers in der Gesellschaft. Das Videoband, das bereits im November in ihrer Wohnung in Wien aufgezeichnet worden war, wurde am Dienstagabend in Stockholm gezeigt und am Abend im österreichischen Rundfunk ausgestrahlt.

Jelinek hatte schon bald nach der Vergabe des Nobelpreises angekündigt, dass sie aus gesundheitlichen Gründung nicht selbst zur Verleihung der international bedeutendsten Auszeichnung für Literatur nach Stockholm reisen werde. Der Preis wird eine Woche nach der Stockholmer Zeremonie in Wien übergeben. Die Autorin will auch nicht an der Feier teilnehmen, die das Burgtheater am Freitagabend ihr zu Ehren veranstaltet. Bei Würstchen, Gulaschsuppe und Glühwein soll um 23.00 Uhr auf einer Videoleinwand an der Fassade des Theaters Jelineks Rede öffentlich gespielt werden. Auch das Berliner Ensemble will die Rede auf der Bühne zeigen.

In der Rede spiegelt sich das widersprüchliche Verhältnis der Autorin zur Öffentlichkeit: "Man achtet meiner nicht. Man achtet mich vielleicht schon, aber meiner achtet man nicht." Der Dichter steht für Jelinek "immer im Abseits. Von dort sieht er einerseits besser, andererseits kann er selbst auf dem Weg der Wirklichkeit nicht bleiben. Er hat dort keinen Platz. Sein Platz ist immer außerhalb."

Über weite Passagen beschäftigt sich Jelinek in ihrer Rede mit dem Sprachverlust: Die Sprache als der "einzige Schutz vor dem Beschriebenwerden" sei ihr abhanden gekommen: "Sie ist in aller Munde, nur in meinem Munde nicht." Sie konstatiert ratlos: "Was bleiben soll, ist immer fort. Es ist jedenfalls nicht da. Was bleibt einem also übrig."

Jelinek hatte in verschiedenen Interviews bereits angekündigt, sie könne sich vorstellen, gar nicht mehr oder zumindest eine Zeit lang nur für sich selbst zu schreiben, ohne zu veröffentlichen. Die Autorin leidet nach eigenen Angaben unter einer psychischen Störung, die es ihr schwer macht, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und sich mit einer großen Zahl von Menschen zu konfrontieren.

Schreiben sei für sie eine "Art Lustkotzen", sagte die Schriftstellerin der Tageszeitung "Die Welt". Man wolle es nicht, aber man müsse - und es sei ein unglaublich befreiendes Gefühl, wenn alles rauskommen dürfe. "Man tut ja immer, was man muss. Jetzt möchte ich einmal ausprobieren, wie es ist, wenn man tut, was man will", betonte sie zugleich. "Aber ich glaube, das kann ich nicht."



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