Schwangerschafts-Roman Jammern auf Wohlstandsniveau? Nein, es ist Resignation
Eigentlich ist alles in Ordnung. Andrea hat einen Job, der halbwegs Spaß macht, ist seit gefühlten Ewigkeiten mit Georg zusammen, der ein netter Kerl ist. Warum, verdammt noch mal, kann sie nicht einfach zufrieden sein? Läuft doch alles - aber irgendwie plötzlich aus dem Ruder.
Schon im Urlaub in Jesolo, wo die Sonnenschirmreihen in akkurat vermessenen Abständen im Sand ihren Schatten über die Liegen werfen, spürt sie diese Unruhe. Es könnte alles so leicht sein. Aber so hat sie es sich nicht vorgestellt: Georg wird immer mehr wie sein Vater. Er kaut mit offenem Mund, erzählt dem italienischen Besitzer des Fahrradverleihs im Urlaubsort, dass Italiener nichts von Arbeit verstehen. Er sucht ihre Nähe, sie sucht ihre Freiheit.
Weg von dem Rotkohl-Braten-Sonntagsduft
Mit Mitte 30 wird das Leben plötzlich wieder so kompliziert. Die angeblich wirklich wichtigen Entscheidungen stehen an, ständig steht ein "Jetzt oder Nie" im Raum, so zumindest sagen es alle: Georgs Vater, Georgs Mutter, die ehemaligen Freundinnen beim Klassentreffen, ihre Freundin Marlene. Dabei hatte Andrea ihre Entscheidungen ja schon vor einigen Jahren getroffen: Raus aus dem Dorf, rein in die Stadt, weg von dem Rotkohl-Braten-Sonntagsduft.

Tanja Raich
Foto: Kurt FleischStändig versucht Georg sie zu überreden, zu ihm zu ziehen. Eigentlich beruhigend. Er meint es ernst. Für ihn ist es ausgemacht, dass sie zusammengehören. Vielleicht wäre es leichter, wenn seine Wohnung nicht im Dorf läge, noch dazu bei seinen Eltern. Andrea weiß nicht, was ihr wichtiger ist: Freiheit oder Sicherheit und Geborgenheit.
Und plötzlich ist sie auch noch schwanger, und alle reden mit, ihre Freunde, die Familie, der Mann, seine Eltern. "Wir kümmern uns um das Kind, und du kannst halbtags arbeiten gehen!", sagen sie. Selbstverständlich halbtags, wie sich das für eine Mutter gehört, die sich selbst verwirklichen möchte, aber irgendwie nicht kann.
Nichts ist mehr sicher - nicht mal, ob die Wünsche echt sind
Tanja Raich erzählt in ihrem Debütroman "Jesolo" aus Andreas Perspektive von einer Frauengeneration, die gelernt hat, ein freies, unabhängiges und selbstbestimmtes Leben zu führen, um mit einer Schwangerschaft wieder Stück für Stück in alte, traditionelle Rollenbilder gezwängt zu werden, die längst überwunden schienen. Die gebürtige Meranerin, die jetzt in Wien wohnt, beobachtet ihre Protagonistin zehn Monate lang dabei, wie sich alle Lebensentscheidungen zuspitzen und Andrea einen Kompromiss nach dem nächsten eingeht. Sie beschreibt, wie das ganze Umfeld versucht zu helfen und zu unterstützen, dabei aber massiv in die Pläne der jungen Frau eingreift, die irgendwann gar nicht mehr unterscheiden kann zwischen dem, was richtig und falsch ist.
"Eine Frau wird ab einem gewissen Alter ständig mit der Frage nach dem Kinderwunsch konfrontiert und erst als vollständig wahrgenommen, wenn sie ein Kind in die Welt setzt. Alles andere wird als Mangel oder Fehlentscheidung gewertet", erklärt die Autorin, die mit ihren 32 Jahren gerade selbst in dieser vermeintlichen Umbruchphase steckt.
Sie hat die Zustandsbeschreibung einer Gesellschaft geschrieben, die sich als modern empfindet - aber noch immer so verkrustet ist, dass ein Ausbrechen kaum möglich ist. In der Frauen irgendwann nicht einmal mehr selbst wissen, ob sie es später vielleicht bereuen, wenn sie jetzt nicht das tun, was das Leben mit ihnen vorhat. Dass doch eigentlich am Ende nur die Familie zählt, weil nichts anderes sicher ist - nicht die Arbeit, nicht die Freundschaften, nicht die Liebe und nicht einmal die Echtheit der eigenen Wünsche.
"Wir haben ein Haus, zwei Autos, ein Kind"
Wird man am Ende allein sein, wenn man zum richtigen Zeitpunkt die falsche Entscheidung trifft? Ist Glück vielleicht einfach das Vertrauen darauf, dass alles schon gut gehen wird? Muss man wirklich einfach ins Wasser springen, um schwimmen zu lernen? Das Gute ist: Egal, welche Entscheidung wir treffen, wir werden nie erfahren, ob eine andere besser oder schlechter gewesen wäre.
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07.06.2023 06.47 Uhr
Keine Gewähr
Tanja Raich schreibt in knappen Sätzen mit viel Verständnis für alle ihre Figuren von der Zerrissenheit, die sich im Laufe des Erwachsenseins breit macht, die man mit Arbeit und Freizeit übertünchen, aber wohl nie ganz ablegen kann. Es ist schwierig, zwischen Prägung und eigenem Willen zu unterscheiden. Und selbst wer das schafft, stößt an die Grenzen, die bis zu einem gewissen Alter vorgaukeln, nicht existent zu sein, sich aber tatsächlich seit ewigen Zeiten scheinbar nur um Millimeter verschieben. Und so bleibt ein Gedanke Raichs exemplarisch: "Wir fügen uns ein, wir fallen nicht auf, wir haben ein Haus, zwei Autos, ein Kind."
Dieser Satz klingt, je nach persönlicher Verfassung, nach Zufriedenheit, nach Jammern auf Wohlstandsniveau - oder nach Resignation.