"Ich"-Roman über Hirnblutung "Es hatte mich erwischt"

Wenn die eigene Existenz plötzlich am berühmten seidenen Faden hängt: Martin Simons großartiger Roman-Bericht "Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon" erzählt von den Folgen einer Hirnblutung. Schonungslos.
CT-Aufnahme einer Hirnblutung

CT-Aufnahme einer Hirnblutung

Foto: stockdevil/ Getty Images/iStockphoto

"Plötzlich wusste ich, und ich wusste es wirklich, nicht nur theoretisch, sondern körperlich, ich würde sterben." 16 Worte, die hart und unmissverständlich die Summe eines Lebens ziehen, das mit gerademal 44 Jahren an sein jähes Ende gekommen zu sein scheint.

So jedenfalls beschreibt es der Berliner Schriftsteller und Journalist Martin Simons in seinem neuen Buch "Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon" im Rückblick auf die Ereignisse im Dezember 2017, als ihn eine Gehirnblutung unversehens aus seinem Berliner Alltag riss - und "diesen Panzer, unter den ich so oft flüchtete" brutal sprengte. "Was zur Folge hatte, dass ich unerreichbar war - für meine Familie, meine Freunde, meine Mitmenschen - für das Leben selbst."

Bereits diese ersten Sätze, mit denen Simons uns teilhaben lässt an seiner Grenzerfahrung und dem, was diese als Konsequenz für sein weiteres Leben bedeuten wird, zeugen von einer beeindruckenden schriftstellerischen Courage. Der Autor versucht schonungslos, Antworten zu finden auf die sich plötzlich stellenden, letzten Fragen.

So werden wir im Verlauf des gerade mal 185 Seiten langen Berichts zu Zeugen einer von allen erdenklichen Ängsten und Selbstzweifeln begleiteten Lebensrückgewinnung. Simons inszeniert sie berührend als tagebuchartig angelegte Rückschau auf die vier hinter ihm liegenden Jahrzehnte.

Denn schon bald sieht er - der an Leib und Leben Bedrohte - sich zu einer Art innerer Inventur gezwungen. In der Folge flimmert sein bis dahin gelebtes Leben wie ein Film durch sein überwaches, zu Tode erregtes Bewusstsein: Seine Kindheit als schikanierter Außenseiter. Seine als Abwehr darauf ausgebildete Hybris. Und auch sein späteres Dasein als Ehemann und Vater eines kleinen Jungen.

Autor Simons

Autor Simons

Foto: Jan Friese

"Ihre Blutung liegt ungünstig", erhält er einmal von dem behandelnden Arzt auf die Frage, wie es um ihn stehe, zur Antwort. "Normal komme ich ganz hinter das Hämatom. Aber bei Ihnen gibt es da diesen toten Winkel. Wir müssen uns einfach gedulden, bis das Blut abgeflossen ist." Und aus eben jenem "toten Winkel" heraus, in den er sich schlagartig mit seiner ganzen Existenz versetzt fühlt, erzählt Simons Protagonist im übertragenen Sinn. Er verdichtet seine Erfahrungen und Erkenntnisse zu einer faszinierenden Chronik seiner Stunden der wahren Empfindung.

"Jeder könnte als Nächster an der Reihe sein"

In seinem 2013 erschienenen Debütroman "Die Freiheit am Morgen" erzählte der studierte Jurist Simons die Geschichte des Anwalts Paul Stern, der nach einem Zusammenbruch im Büro aus seinem Großkanzlei-Alltag aussteigt, um fortan einer entfesselten Lust am Flanieren und sich Treibenlassen durch die Berliner Nächte zu frönen. Nun sagt Martin Simons unverstellt "ich" - und dies, künstlerisch betrachtet, mit Erfolg.

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Simons, Martin

Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon: Roman

Verlag: Aufbau Verlag
Seitenzahl: 186
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Denn sein von einem nie ganz verblassenden Horror begleiteter Bericht einer Rekonvaleszenz ist weit mehr als bloß der Versuch, Worte und Bilder für das zu finden, was im Grunde unsagbar scheint. Simons gelingt vielmehr - trotz aller Ästhetisierung der erlebten Schrecken, die man kritisieren könnte - das Kunststück, seinen Horror zu unserem zu machen, die wir seinen Schilderungen (noch) aus (scheinbar) sicherer Distanz folgen. Mit dem Resultat, dass ihm die plötzliche schmerzhafte Erfahrung der eigenen Zerbrechlichkeit die Erkenntnis beschert, "dass das Schicksal brutal war. Jeder andere, der sich noch glücklich wähnte, konnte als Nächster an der Reihe sein."

Nach Wochen des Bangens und Ausharrens kehrt Simons' Protagonist schließlich ins Leben zurück. Nun aber in dem Wissen, dass in dem heute glücklich errungenen Sieg am Ende womöglich nur die dann alles besiegelnde Niederlage von morgen angelegt ist. Das kann beängstigend wirken - Simons erlebt es als Befreiung. "Es hatte mich erwischt. Sehr empörend war das nicht. Ich war über vierzig Jahre alt geworden. Ohne etwas wirklich Schreckliches zu erfahren. Selbst wenn dies sich nun ändern sollte, hatte ich noch immer eine Menge Glück gehabt."

"Das Leben hat etwas wunderbar Ernsthaftes" heißt es in den "Tagebüchern" des 1982 verstorbenen Amerikaners John Cheever. "Und es macht für einen Schriftsteller keine Ausnahme. Unterhalb unserer Existenz gibt es noch eine andere Welt - und darüber hängen wir an einem seidenen Faden. Aber der Faden hält." Von der Spannung in diesem Faden - und dem, was mit uns geschieht, wenn er plötzlich reißt, erzählt Martin Simons' großartiges Buch.