Gleichberechtigung "Ich wollte männliche Verhaltensweisen verlernen"

Was gilt als normaler: zwei Männer, die sich prügeln? Oder zwei, die sich küssen? Als Jugendlicher entdeckte JJ Bola, dass er mit der Idee des starken Mackers fremdelt. Jetzt hat er ein Buch darüber geschrieben.
Ein Interview von Isabel Barragán
Der Autor JJ Bola strebte früher eine Basketball-Profikarriere an

Der Autor JJ Bola strebte früher eine Basketball-Profikarriere an

Foto:

Tunde Somoye/ B1 Creates/ Hanser

SPIEGEL: Herr Bola, Ihr neues Buch trägt auf Deutsch den Titel "Sei kein Mann". Welche Art von Mann sollen die Leser nicht sein?

Bola: Das gesamte Rollenbild "Mann" in unserer Gesellschaft basiert auf falschen Vorstellungen. Wenn wir sagen: Sei ein Mann! Dann meinen wir eigentlich: Sei stark, weine nicht, kämpfe für dich. Dabei haben auch Männer Gefühle, genau wie Frauen. Ich sage darum: Sei kein Mann.

SPIEGEL: Sie sind heute Autor, früher entsprachen Sie selbst durchaus diesem Männerbild. Sie waren damals ein ambitionierter Basketballspieler mit Ausblick auf eine Profikarriere. Und, wie Sie schreiben: Sie zeigten wenig Gefühl, waren dafür häufig aggressiv.

Zum Autor

JJ Bola, Jahrgang 1986, lebt als Autor in London. Er veröffentlichte bislang mehrere Gedichtsammlungen, die sich meistens mit Migration und Identität auseinandersetzen. Geboren ist JJ Bola in Kinshasa / Demokratische Republik Kongo. Im Alter von sechs Jahren floh er mit seinen Eltern nach Großbritannien. Als Jugendlicher war er Basketballspieler, spielte zeitweise auch auf nationaler Ebene. Nach seinem Studium im Kreativen Schreiben kümmerte er sich als Sozialarbeiter für mehrere Jahre um junge Menschen mit psychischen Problemen. "Sei kein Mann" ist sein erstes Sachbuch.

Bola: Männer unterdrücken Ängste und Trauer oft und zeigen stattdessen Wut und Aggressionen. Aber auch das sind Gefühle. Als Jugendlicher bemerkte ich deshalb: Die Erwartungen an Männer entsprachen oft nicht dem, was ich empfand.

SPIEGEL: Was meinen Sie genau?

Bola: Patriarchat ist ein menschliches Konstrukt, Männlichkeit ist etwas Veränderbares. Es gibt ein Schlüsselerlebnis, das ich als Jugendlicher hatte. In London lief ich mit meinem Onkel durch den Stadtteil Tottenham. Wir hielten Händchen, unter Kongolesen ist das eine Geste des Respekts und der Zuneigung. Im Vereinigten Königreich aber gilt man damit schnell als schwul. Was dort soviel bedeutet wie: unmännlich. Als wir so durch die Straßen gingen, wurden wir von Passanten ausgelacht. Das war mir peinlich. Aber mir wurde auch bewusst, dass Männlichkeit nicht für alle Kulturen das Gleiche bedeutet - auch wenn bestimmte Erwartungen dann doch wieder alle Vorstellungen von Männlichkeit über die Kulturen und Jahrhunderte verbinden.

SPIEGEL: Welche?

Bola: Etwa die, dass ein Mann dominant sein soll. Männer haben im Patriarchat meistens die Rolle eines Versorgers, eines Beschützers. Und sie haben Privilegien in unserer Gesellschaft, bekommen zum Beispiel oft bessere Jobs.

SPIEGEL: Was ist für Männer am Patriarchat dann verkehrt?

Bola: Das Patriarchat ist ein System, das Menschen unterdrückt. Zwar sind Frauen am meisten davon betroffen. Allerdings auch viele Männer: die, die nicht ins typische Bild passen. Die Männer, die von diesem System profitieren, das ist nur eine kleine Elite.

SPIEGEL: Wie macht sich das bemerkbar?

Bola: Stärke ist oft nur eine Maske. Das habe ich als Sozialarbeiter bei jungen Männern immer wieder erlebt. Bei Problemen versuchten sie anfangs, hart zu sein. Wenn die Probleme größer wurden, gingen manche daran kaputt. Im Alter schlägt sich das bei vielen auf die Psyche. Von Obdachlosigkeit, Drogenmissbrauch und Selbstmord sind Männer im Schnitt stärker betroffen als Frauen. Männer sollen im Patriarchat für sich selbst sorgen und allein mit ihren Problemen klarkommen. Wenn sie älter werden, haben viele deshalb zum Beispiel kein soziales Netzwerk, das sie auffangen könnte.

SPIEGEL: Wenn die Problemfelder so offen liegen - warum ändert sich dann nichts?

Bola: Die meisten Männer würden die Probleme nicht zugeben. Ein Mann, der sich von außen beeinflussen lässt? Auch so etwas ist gesellschaftlich nicht akzeptiert. Wir Männer wissen auch um die Privilegien, die wir haben, und wollen die wenigen Vorteile, die wir in diesem System haben, nicht einfach aufs Spiel setzen. Das System hält sich genau damit selbst am Leben.

SPIEGEL: Macht und Stärke gilt bei Frauen oft als Vorbild, als Zeichen von Emanzipation. Trügt das? Ist es falsch, als Frau "typisch männliche" Werte zu übernehmen?

Bola: Ich glaube, es ist wichtig, sich künstlicher Rollenbilder bewusst zu sein. Vorbildern sollten wir nicht blind nacheifern. Das bedeutet nicht, das Frauen keine "typisch männlichen" Verhaltensweisen an den Tag legen dürfen. Es macht aber auch keinen Sinn, Männer- und Frauenrollen einfach nur auszutauschen. Gewalt und Unterdrückung, wie wir sie von patriarchialen Gesellschaften kennen, werden ansonsten einfach nur in neuer Form reproduziert.

SPIEGEL: Wie lässt sich dann etwas ändern?

Bola: Das Hauptproblem liegt aus meiner Sicht in der Erziehung. Kinder und Jugendliche übernehmen Werte und Verhaltensmuster von uns. In den Medien und in der Werbung sehen wir die Männer als Gewinner, die muskulös sind. Die meisten haben Geld, sind erfolgreich in ihrem Beruf, werden teilweise auch als gewalttätig und aggressiv dargestellt. Wenn zwei Männer sich schlagen, dann finden wir das immer noch "normaler", als wenn sich die beiden küssen. Man könnte also sogar sagen: Je destruktiver das männliche Verhalten, desto normaler kommt es uns vor. Junge Männer sehen solche Männlichkeitsbilder jeden Tag.

SPIEGEL: Heute arbeiten Sie als Schriftsteller. Das ist nicht unbedingt das Klischeebild eines "typisch männlichen" Berufs. Was hat sich in Ihrem Leben bewegt?

Bola: Als Jugendlicher begann ich ja, frühere "männliche" Verhaltensweisen anzuzweifeln. Ich wollte sie verlernen. Das Schreiben half mir dabei. Als junger Mann schrieb ich zuerst Tagebuch. Später entstanden Gedichte daraus. Damit konnte ich das, was ich erlebte und empfand, besser verarbeiten. Und ich traf immer mehr andere Männer, die ähnlich fühlten. Darunter auch einige, die mir zeigten, wie man authentisch leben kann.

SPIEGEL: Was ist für Sie heute ein authentischer Mann?

Bola: Ein menschliches Wesen. Einer, der sowohl maskuline als auch feminine Züge in sich tragen kann. Das heißt nicht, dass sich Männlichkeit oder Weiblichkeit als Begriffe vollkommen auflösen müssen. Es sollte aber keine Hierarchien mehr geben. Jeder Mensch sollte sich frei fühlen, seine Identität zu definieren. Und sie bei Bedarf auch zu verändern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.