Drogengroteske "Endlich Kokain" Alle Nasen führen nach Berlin

Koksfeldzug in der Kunstszene: Der große Lügner, Fabulierer und Klischee-Penetrierer Joachim Lottmann hat sich in "Endlich Kokain" dem Kulturbetrieb zugewandt - mit fast realen Protagonisten namens Kai Diekmann und Helene Hegemann.
Von Thomas Andre
Lottmann-Thema Rauschmittel: Auf beinahe jeder Seite eine Line

Lottmann-Thema Rauschmittel: Auf beinahe jeder Seite eine Line

Foto: Corbis

Nirgendwo werde "soviel gekokst und gefickt wie in der Kunstszene", sagt eine der vielen Figuren in Joachim Lottmanns neuem Roman. Der heißt "Endlich Kokain". An einprägsamen Titeln herrscht kein Mangel im Werk des Autors Lottmann, des selbsternannten Erfinders der Popliteratur, der einst über "Die Jugend von heute" schrieb, den "Geldkomplex" und zuletzt "100 Tage Alkohol". Das neue Buch ist sein neuntes, es ist wie fast immer ziemlich komisch - und es wird tatsächlich auf beinah jeder Seite eine Nase genommen. Und wenn keine Lines gezogen werden, dann entfaltet das Koks als Bodylotion mit Goldflocken und Weihwasser seine aufputschende Wirkung: Was für ein grandioser Quatsch.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der frühere Fernsehjournalist Stephan Braum, Mitte 50 und wohnhaft in Wien wie Lottmann. Ein fetter Kerl, der so ungesund der Völlerei frönt, dass ihm der Arzt nur noch drei Jahre gibt. Er muss nun also fasten und runter von den 135 Kilo, er entdeckt die Drogendiät und wird Kokainist. Gerät in Kreise, die ihm, dem ORF-Spießer, vorher verschlossen waren, nämlich in den Kunstbetrieb mit seinen Schwätzern, Halbgenies und Volldepperten. Er nimmt ab bei diesem "Koksfeldzug", betreibt Koksen als Sport, trifft Leute, die sich "um Kopf und Kragen koksen". Da ist besonders der perverse Maler Hölzl (Josef, nicht etwa Johann wie der Popstar Falco) zu nennen. Der Künstler treibt es so bunt wie einst Martin Kippenberger. Weshalb Hölzl sich in diesem wie von Lottmann gewohnt und überaus absichtsvoll schludrig geschriebenen Satireroman ins Koma befördert.

Braum, der Koksvernichter, ist mittlerweile selbst wieder sexuell aktiv, vollzieht mit steilen, großbusigen Bräuten Sadomaso-Geschlechtsverkehr, wird Hölzls Nachlassverwalter, der vor Fälschungen nicht zurückschreckt, Beltracchi lässt grüßen. Lottmanns neue Gegenwartsvolte ist mehr noch als ein Kunstwelt- ein Drogenroman, das groteske Kapriolen schlagende Produkt eines mit der Schamlosigkeit des literarischen Grobians operierenden Beobachters.

Finale Orgie

Es ist Lottmanns Stammpersonal, das in "Endlich Kokain" auftritt oder zumindest anzitiert wird: Die alten Berliner Popkultur-Repräsentanten Diedrich Diederichsen und Rainald Goetz. Von seiner Wiener Neu-Bekanntschaft, dem Schriftsteller Thomas Glavinic, klaut sich Lottmann den Titel eines Hölzl-Gemäldes, es trägt den Namen "Das größere Wunder II". Eine Figur namens Kai Diekmann schwafelt im Borchardts von einer Art-Section bei bild.de, "ohne Bezahlschranke", und ein Rezzo Schlauch ist der Zombie aus der "Öko-Mainstream"-Vergangenheit des Protagonisten, mit dem man einst einmal im Jahr speiste, sich dabei gut vorkam - und heute genau diesbezüglich peinlich berührt ist.

Der große Realitätserfasser und Wirklichkeitsfälscher, der Milieubeschreiber und Szenenunterwanderer Lottmann wiederum, zu dessen epischem Programm die Übertreibung und Lobhudelei gehören, kommt diesmal erst langsam in die Gänge. Am Anfang unterlaufen ihm beinah seichte Gags. Vielleicht, weil die Fettsucht humoristisch nicht viel hergibt, vielleicht aber auch, weil Lottmanns böse Phantasien am Handlungsort Wien nicht so recht gedeihen.

Richtig gut wird es erst, als er seinen Helden nach Berlin schickt, wo Lottmanns an Michel Houellebecq geschulter Wirklichkeitsekel zielsicherer seine Gegenstände findet. Houellebecqs bislang letzter Roman "Karte und Gebiet" handelte unter anderem vom Kunstmarkt, natürlich auf subtilere Weise. In Lottmanns Version einer wahrscheinlich nur unwesentlich verzerrten Realität ist Berlin ein verseuchtes Ego-Gefahrengebiet, in der unzählige Kulturmilieudarsteller unterwegs sind, jeder von ihnen darauf bedacht, seinen Schnitt zu machen. Helene Hegemann etwa, deren Lesung (aus dem neuen Roman "Reite zwei Tiger"!) Braum besucht: "Es war die erste gute deutschsprachige Lesung seit dem Tode Gottfried Benns."

Ungnädiger und ehrlicher lässt Lottmann seinen Helden über die "kunsttypische Machtatmosphäre" räsonieren und über die Handlangerinnen in den Kunst-Hotspots: "In allen Galerien der Welt traf man sie an: dünne, ätherisch-schöne Frauen zwischen 25 und 35, leicht verblüht, kunstsinnig und eingebildet, mit einem Hang zum Masochismus und zum Dienen." Es sind aber nicht nur die Frauen, die bei Lottmann schlecht wegkommen: Sein Spott trifft jeden.

Lottmann ist ein Fabulierer und Lügner, ein Fiesling, der das Klischee penetriert, bis es am Ende wahr zu sein scheint - und ein Chronist der Jetzt-Zeit, der bei der finalen Orgie im Hotel Adlon den notorischen Boris Becker als quallenartiges Wesen mit Knopfaugen auftreten lässt - "Braum überlegte, ob er zu ihm gehen und den Tip mit dem Kokain geben sollte".

Es ist schon ein Vergnügen, dieses Eintauchen in die Kulturboheme, in ihre angeblich unendlich dekadenten Leidenschaften. Langweilig ist Lottmann selten, und wenn Drogen verlogen sind, dann macht er sich genau daraus einen großen Spaß. Die nächste Party kommt garantiert. Und der Maler Hölzl ist sogar wieder aus dem Koma aufgewacht.

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