US-Bestsellerautor John Grisham "Als Demokrat hoffe ich, dass Trump nominiert wird"

In seinem neuen Thriller knöpft sich US-Bestsellerautor John Grisham Amerikas kaputtes Justizsystem vor. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über korrupte Cops, rassistische Gerichte - und Donald Trump.

Jonas Karlsson

Ein Interview von , Charlottesville, Virginia


Charlottesville, ein idyllischer Ort in Virginia: John Grishams Name steht nicht auf dem Klingelschild. Doch dann kommt er die Treppe herunter, in Jeans und Hemd, und öffnet die Tür. Er führt in ein riesiges Loft, sein "Stadtbüro", wenn er nicht auf seiner Farm arbeitet. Überall Bücher, Poster, Souvenirs seiner Krimiverfilmungen. Und stapelweise Fanpost, die er meist persönlich beantwortet. Nach den Amerikanern, erzählt er, schrieben ihm die Deutschen am meisten: "Und nur die Deutschen legen immer ein Autogrammfoto mit frankiertem Rückumschlag bei."

Zur Person
  • AP/ Invision
    John Grisham, 61, ist einer der erfolgreichsten Krimiautoren der Welt. Die Justizthriller des Amerikaners haben sich mehr als 300 Millionen Mal verkauft. Viele wurden erfolgreich von Hollywood verfilmt, darunter "Die Firma", "Die Akte" und "Der Klient". Sein jüngstes Buch "Der Gerechte" handelt von einem Anwalt, der sich selbst nicht immer ans Gesetz hält. Grisham, der in den US-Südstaaten aufwuchs, lebt und arbeitet auf einer Farm in Virginia, zweieinhalb Stunden südlich von Washington.
SPIEGEL ONLINE: Mr Grisham, anders als in Ihren vorherigen Büchern ist die Hauptfigur Ihres neuen Krimis "Der Gerechte" ein richtiger Antiheld - ein Anwalt, der Angeklagte verteidigt, die man gerne als Bodensatz der Gesellschaft bezeichnet, und der auch selbst nicht immer mit dem Gesetz im Einklang ist. Wie sind Sie auf den gekommen?

Grisham: Diese furchtlosen Justiz-Cowboys haben mich immer schon fasziniert.

SPIEGEL ONLINE: Gibts die wirklich?

Grisham: Ja. Der Richter ruft dich an und sagt, ich will, dass du diesen Kerl verteidigst, er ist mittellos, und er ist wegen einer brutalen Vergewaltigung und Mordes angeklagt. Und du sagst, nein, bitte, ich will diesen Fall nicht, er könnte meinem Ruf schaden. Ich war ja auch mal Anwalt, und ich hatte Glück, dass ich selbst nie so einen Anruf bekam.

SPIEGEL ONLINE: Was hätten Sie getan?

Grisham: Man kann da nicht Nein sagen. Wenn man an unser System und unsere Verfassung glaubt, dann hat jeder das Recht auf einen Anwalt und einen fairen Prozess.

SPIEGEL ONLINE: Doch ein Anwalt garantiert ja noch lange keinen fairen Prozess.

Grisham: Die meisten Prozesse hier sind in der Tat nicht fair. "Der Gerechte" thematisiert diese Probleme. Die militärisch aufgerüsteten Cops. Polizeilicher Machtmissbrauch. Masseninhaftierung. Der Verlust individueller Freiheiten im "Krieg gegen den Terror". Die vielen Fehlurteile, weil Polizei und Anklage nicht fair spielen, sondern betrügen.

SPIEGEL ONLINE: Die Wut auf solche Ungerechtigkeiten, die Ihren Antihelden treibt, scheint auch Sie anzufeuern.

Grisham: Ich sitze im Vorstand des Innocence Projects, einer Organisation, die dafür kämpft, zu Unrecht Verurteilte - und oft zum Tode Verurteilte - durch DNA-Beweise rückwirkend freizusprechen. In den letzten 15, 20 Jahren gab es viele dieser hochkarätigen Freisprüche. Was dazu führte, dass Geschworene nun immer weniger Todesurteile fällen. Sie sind nicht mehr gewillt, den Cops und Staatsanwälten zu vertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Todesstrafe in den USA nicht jetzt schon umstrittener denn je?

Grisham: Fest steht, dass es weniger Todesurteile und Hinrichtungen gibt. Die Zahl der Hinrichtungen ist in den letzten Jahren dramatisch zurückgegangen, und sie beschränken sich nur noch auf eine handvoll Bundesstaaten: die Südstaaten, aus denen auch ich stamme, die alten Bürgerkriegsstaaten, wo sie noch ans Töten glauben. Ich habe das nie verstanden. Und Rassismus spielt dabei eine enorme Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Wieso leiden die USA immer noch so sehr an Rassismus?

Grisham: Rassismus ist bei so vielen Menschen im Wesen verhaftet, vor allem bei Menschen in Machtpositionen. In vielen Justizfällen werden schwarze Verdächtige anders behandelt als weiße Verdächtige. Denn fast alle Cops sind weiß, fast alle Staatsanwälte sind weiß, fast alle Richter sind weiß. Diesem Rassismus kann man offenbar nur sehr schwer entkommen.

SPIEGEL ONLINE: Das war schon das Thema Ihres ersten Buchs "Die Jury", und es trifft heute, 27 Jahre später, immer noch zu. Ist das nicht ein Armutszeugnis für Amerika?

REUTERS
Grisham: Das Rassismus-Problem ist in diesem Land so tief verwurzelt und kompliziert. Ich frage mich, ob wir es jemals überwinden werden.

SPIEGEL ONLINE: Trotz des ersten schwarzen Präsidenten?

Grisham: Wir haben uns Barack Obama angeguckt und gesagt, haben wir das nicht toll gemacht, wir haben einen schwarzen Präsidenten gewählt! Doch in anderen Bereichen bezweifle ich, dass wir wirklich so viele Fortschritte erzielt haben.

SPIEGEL ONLINE: Politisch waren Sie Obama gegenüber anfangs ja eher skeptisch eingestellt.

Grisham: Ich hielt ihn für einen Grünschnabel, als er gewählt wurde. Seither hat er ganz gute Arbeit geleistet. Nicht großartig, nicht schlecht. Schockiert hat mich, wie der Rassismus seitdem erst recht wieder aufgeflammt ist.

SPIEGEL ONLINE: Eine Gegenreaktion? Erklärt sich so auch das Phänomen Donald Trump?

Grisham: Trump zielt auf die wütenden Weißen. Wütende, meist ungebildete Weiße, die sich ausgeschlossen fühlen. Und er ist die untauglichste Person, die sich in der Geschichte dieses Landes je um ein politisches Amt beworben hat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst, dass er gewinnen könnte?

Grisham: Nein, Trump macht mir keine Angst. Als Demokrat hoffe ich sogar, dass er nominiert wird. Denn ich sehe nicht, wie er die Wahl gewinnen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch dann dürften die wütenden Weißen nicht verschwinden. Was bedeutet das fürs politische Klima hier?

Grisham: Die Spaltung des Landes wird immer tiefer. Die meisten meiner Freunde sind Republikaner, meine Familie ist halbe-halbe. Wir diskutieren nie über Politik, denn es würde sehr schnell sehr hässlich werden. Wir können darüber nicht reden.

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SPIEGEL ONLINE: Angesichts dieser deprimierenden Realitäten - wie gelingt es Ihnen, die Ruhe zum Schreiben zu finden?

Grisham: Ich habe vor langer Zeit gelernt, dass ich von sieben Uhr morgens bis etwa elf Uhr nachts alles andere ausschalten kann. Ich schreibe in meinem Büro auf der Farm. Das Büro hat kein Telefon, kein Fax, kein Internet, es ist sehr dunkel und ruhig. Ich sitze da mit der ersten Tasse starken Kaffees und tauche in eine andere Welt ein. Das beste und längste Buch, das ich seit Jahren geschrieben habe, war "Die Erbin". Ich schrieb es in sechs Monaten - während wir unser Haus renovierten, ein Strandhaus bauten und die Hochzeit meiner Tochter organisierten.

SPIEGEL ONLINE: "Die Erbin" war eine Fortsetzung von "Die Jury", was wiederum enorm erfolgreich verfilmt wurde. Den letzten Grisham-Kinofilm gab es 2004. Wann kommt der nächste?

Grisham: Meine ersten Filme waren alles gute Filme mit großer Besetzung, großen Namen, Kassenknüller. 20 Jahre später kriegen wir keinen Film mehr zustande.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Grisham: Ich weiß nicht. Es ist so frustrierend! Dabei habe ich eine sehr gute Erfolgsbilanz. Aber das bedeutet heute nichts mehr. Mein Agent fliegt zwei-, dreimal im Jahr nach Hollywood und putzt Klinken, mit jedem neuen Buch. Doch nichts passiert.

SPIEGEL ONLINE: Hollywood will keinen Grisham mehr?

Grisham: Es gibt kaum mehr gute, erwachsene Filmdramen, wie sie aus meinen Büchern entstanden. Stattdessen geben sie lieber 250 Millionen Dollar für "Batman v Superman" aus.

SPIEGEL ONLINE: Kaufen die Leute überhaupt noch Bücher?

Grisham: Immer weniger. Die Verlage verdienen mit E-Books Geld, weil sie da nichts drucken müssen. Das ist ja jetzt der große Streit mit Amazon. Amazon schöpft 30 Prozent vom Verkaufspreis ab, das steht ihnen auch zu, sie haben diesen Markt ja geschaffen. Die restlichen 70 Prozent müssen sich der Verleger und der Autor teilen. Und darum drehen sich die internen Kämpfe gerade.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte sich da jemand überhaupt noch neu ins Buchgeschäft wagen?

Grisham: Es war immer schwer, als neuer Autor den Durchbruch zu schaffen. Gleichwohl erscheinen jedes Jahr eine ganze Reihe Erstlingsromane, und nicht wenige bekommen gute Kritiken.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst hatten es am Anfang ja auch schwer.

Grisham: "Die Jury" hat sich zuerst überhaupt nicht verkauft. Ich hatte keine Ahnung, dass ich eines Tages mal 38 Bücher schreiben und 61 Jahre alt sein würde - und dass mir das trotzdem noch Spaß macht.

Zum Autor
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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Seite 1
srsw 09.04.2016
1. Grisham zu lesen ist immer ein Gewinn
Er kennt das US-Justizsystem und macht es uns mit all seinen Abgründen verständlich. Seine Bücher sind spannend, warmherzig und humorvoll und lenken mutig den Blick auf Dinge, die schief laufen in der Gesellschaft, mehr und mehr auch bei uns. Er schreibt einfaches englisch, sodass man ihn sehr gut auch im Original lesen kann. Danke für das Interview! Ich habe gerade heute "Gray Mountain" ausgelesen. Es spielt in seiner Heimat Virginia. War super!
musca 09.04.2016
2. Interessantes Interview
Das Ende des US-amerikanischen Bürgerkriegs liegt mittlerweile zwar nun schon etwas mehr als 150 Jahre zurück, in sich gespalten ist dieses Land namens USA , die letzte verbliebene Supermacht und nebenbei noch immer die mächtigste Demokratie der Welt in grossen Teilen wohl aber nach wie vor. Auch wenn schon mehr als 150 Jahre seit dem Ende des US-Bürgerkrieges verstrichen sind, das wirkt irgendwie wohl bis heute nach. Es scheint derzeit sehr viele Risse quer durch die politische Landschaft der Vereinigten Staaten von Amerika zu geben. Nicht nur bei den Republikanern. Auch bei den Demokraten. Bernie Sanders Anschauungen haben mit Hillary Clintons favorisierter Politik auch nicht immer so viel gemeinsam, auch wenn beide "für" die Demokraten kandidieren. Bei den Republikanern geht es halt in das andere, zum Teil Extreme - wobei ein Ted Cruz ist sicher kaum besser als ein Donald Trump. Besser da noch Clinton als das weniger schlimmere Übel für die USA und die restliche Welt , als einen Trump , aber auch einen Ted Cruz. Sanders kann es ja kaum noch werden bei den Demokraten, bleibt also realsitisch nur Hillary übrig..naja..gibt schlimmeres wohl.. aber auch Clinton ist und bleibt umstritten. Clinton wird sich dann gegen Cruz oder wahrscheinlich Trump behaupten müssen und das natürlich auch schaffen und damit die erste Präsidentin in der Geschichte der USA werden.
IntelliGenz 09.04.2016
3. vielleicht hätte er sagen sollen
"meine deutschen Fans liebe ich sehr ! Sie schicken mir Lobesbriefe und legen ein Autogrammfoto bei, zusammen mit einem frankierten Rückantwort-Umschlag. Leider ist es nicht einfach, sich in die Psyche der Deutschen hinein zu versetzen - sie kleben immer eine deutsche Briefmarke auf den Rück-Umschlag!"
loncaros 09.04.2016
4.
Es ist schon sehr bezeichnend, wenn man sich nicht über ein Thema gesittet unterhalten kann. Wenn die Fronten derart verhärtet sind, dass man sich nicht mal traut über Politik mit Leuten zu reden, mit denen man auch sonst zu tun haben will. The decline of western Civilization: The political years
diego666 09.04.2016
5. Vielleicht...
sollte er mal ins Seriengeschäft einsteigen. Da sucht man nach guten niveauvollen Stoffen. Und eine Gerichtsserie mit dem Siegel Grisham auf dem richtigen Sender, das wird ein Selbstläufer. Man könnte sagen, es ist traurig, was in den USA passiert, aber leider entwickeln wir uns in Europa ja auch in die Richtung. Pegida/AfD, Ungarn, Polen, Front Nationale, man kann soviel Stichwörter nennen, die eine ähnliche Entwicklung bei uns zeigen. Das Ergebnis, zu dem man kommen muss, ist, die Menschheit ist wieder geil auf Krieg, weil in den entscheidenden Ländern zu wenig Menschen wirklich Krieg miterlebt haben.
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