Neuer Roman von John le Carré Nicht sein bestes Buch, aber eines seiner wichtigsten

Seinen 88. Geburtstag hat John le Carré auf einem Anti-Brexit-Marsch verbracht. Die Sorge um die Gegenwart durchzieht auch seinen neuen Roman "Federball": Er lässt die Figuren über Trump und England schimpfen.

Badmintonspieler (Symbolbild): "List, Geduld, Tempo"
Getty Images

Badmintonspieler (Symbolbild): "List, Geduld, Tempo"


Was er getan habe, sagt George Smiley, John le Carrés großartigste Schöpfung, am Ende des vor zwei Jahren veröffentlichten Romans "Das Vermächtnis der Spione", ob gut oder böse, das habe er weniger für England als vielmehr für Europa getan. Seine Mission sei es gewesen, "Europa aus dem Dunkel in ein neues Zeitalter der Vernunft zu führen. Das Ziel habe ich heute noch." Smiley, einer der hellsten Köpfe des britischen Geheimdienstes, sieht natürlich, dass es auch drei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges, an dessen Front er als Spion gekämpft hatte, alles andere als gut steht um die Welt und Europa und England.

Der Schlussmonolog von le Carrés letztem Roman findet sich als Echo auch in seinem neuen wieder: "Ich bin durch und durch Europäer", sagt Nat, der Icherzähler von "Federball". Mit seinen 47 Jahren, dem natürlichen Charme und den guten Manieren wirkt er wie eine jüngere Ausgabe des unscheinbaren, oft unterschätzten George Smiley.

Nat, zwei Jahrzehnte lang im Ausland als Agentenführer tätig, kehrt zurück nach London, als Leiter einer "Die Oase" genannten Abteilung, in der vor allem inzwischen überflüssige Geheimdienstmitarbeiter geparkt werden. Ein Sammelsurium der Gescheiterten ist diese "Oase" und erinnert an Slough House, die Abstellkammer verbannter Spione aus der "Slow Horses"-Romanreihe von Mick Herron, der in Großbritannien schon länger als Anwärter auf le Carrés Thron gehandelt wird.

Nat weiß, dass er nicht mehr im Zentrum der Macht agiert, und konzentriert seine Ambitionen folglich vor allem darauf, seine Ehe zu retten und in seinem Badminton-Klub die Nummer eins zu bleiben. Badminton ist eine ernsthafte Sportart - und eben nicht das luftig-leichte "Federball" der ansonsten gelungenen deutschen Übersetzung: "Badminton ist List, Geduld, Tempo. Man wartet in Lauerstellung auf seine Gelegenheit zum Angriff." Eigenschaften, die Nat auch für seinen bisherigen Job brauchte, die Anwerbung und Extrahierung von Überläufern.

So wie Nat ein Wiedergänger Smileys ist, spiegeln sich viele bekannte Motive aus früheren Romanen in "Federball". Wieder einmal geht es um einen möglichen Maulwurf im britischen Geheimdienst. Wieder einmal hat der Held ein kongeniales Pendant auf der anderen, der feindlichen Seite, nur dass Nats Widersacher, anders als Smileys Gegner in der "Karla"-Trilogie, eine Frau ist. Wieder einmal ist der Geheimdienst durchzogen von Misstrauen, Missgunst und Intrigen.

Was, wenn es das Richtige ist, sein Land zu verraten?

Doch etwas hat sich geändert. Der Sinn ihres Tuns, der bei allen internen Querelen und Eitelkeiten früher stets spürbar blieb, scheint den Spionen heute abhanden gekommen zu sein. Ein erschreckendes ideologisches Vakuum herrscht bei den Beschützern der Macht, die nicht wissen, die es vielleicht gar nicht interessiert, für wen oder was sie eigentlich kämpfen sollen. Für Queen und Vaterland? Oder für "Firmen, die so groß sind, dass sie dein verschissenes kleines Land mit einem Bissen verschlingen können", wie ein früherer Partner Nats einmal sagt?

Den desillusionierten, ermatteten oder einfach nur pragmatischen Spionen stellt le Carré eine Figur entgegen, die all das nicht repräsentiert. Ed ist einer dieser typischen le Carréschen Helden, die irgendwann in die Mühle der Geheimdienste geraten und geschreddert werden: ein intelligenter, schüchterner, etwas naiver Idealist. Einer, der noch daran glaubt, etwas ändern zu können.

Ed wird zu Nats Badminton-Partner - und schließlich zur Gefahr für den alternden Agenten. Denn Ed arbeitet für den US-Geheimdienst, ein unbedeutender Analyst, der eher zufällig auf ein ungeheures Komplott stößt und mundtot gemacht werden soll. Für Nat wird sich bald die Frage danach stellen, wem seine Loyalität gilt - seinem Land oder einem Individuum? Was, wenn es das Richtige, das Anständige ist, sein Land zu verraten?

Preisabfragezeitpunkt:
22.10.2019, 10:02 Uhr
Ohne Gewähr

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John le Carré
Federball: Roman

Verlag:
Ullstein Hardcover
Seiten:
352
Preis:
EUR 24,00
Übersetzt von:
Peter Torberg

Vor allem aber ist Ed ein Sprachrohr le Carrés, der dessen Besorgnis um den Zustand der Welt in deutliche Worte fasst: Trump sei "eine Bedrohung der gesamten zivilisierten Welt, ein Aufwiegler, der der systematischen ungebremsten Nazifizierung der Vereinigten Staaten vorsitzt".

Und Englands Rolle dabei? Hier lässt le Carré eine andere Figur, den früheren Kalten Krieger Arkady, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit nicht ganz legalen Methoden ein Vermögen gemacht hat, Klartext reden: "(Trump) ist Putins Latrinenputzer. Er tut alles für den kleinen Putin, was der kleine Putin nicht selbst tun kann, und pisst dabei auf die europäische Einheit, pisst auf die Menschenrechte, pisst auf die Nato. (...) Und ihr Briten, was macht ihr? Ihr lutscht seinen Schwanz und ladet ihn zum Tee bei der Queen ein."

Bestsellerautor John le Carré
Christian Charisius/ DPA

Bestsellerautor John le Carré

John le Carré, der am vergangenen Samstag seinen 88. Geburtstag beging, indem er in London am Anti-Brexit-Protestmarsch People's Vote teilnahm, sagte unlängst in einem Radio-Interview mit NPR, dass er glaube, die Menschheit sei auf dem Weg, sich selbst auszulöschen. Eine Besorgnis, die in seinem 25. Roman so spürbar ist wie nie zuvor.

Le Carrés politischer Pessimismus, seine Empörung und Wut über den Zustand der Welt, die emotionale Wucht, die in den Dialogen spürbar wird, und der immer wieder aufblitzende Sinn fürs Absurde dieser Situation tragen die ansonsten eher routiniert abgespulte Story, die inhaltlich wenige Überraschungen und kaum Spannung bietet. "Federball" in seiner Thesenhaftigkeit gehört sicherlich nicht zu le Carrés besten Büchern. Aber es ist eines seiner wichtigsten. Zumindest für den Augenblick, für eine Zeit, in der das Dunkel sich zunehmend über die Vernunft hinabsenkt.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
dirk.resuehr 24.10.2019
1. Chapeau!
den Großmeister! "... glaube, die Menschheit sei auf dem Weg, sich selbst auszulöschen." Da ist man schon zu zweit.
Sonia 24.10.2019
2. Ich liebe seine Bücher
und nun muss ich das bestellen, was vielleicht nicht sein bestes ist, aber ein wichtiges. Danke für die Rezession.
toninotorino 26.10.2019
3. Selbstzerstörungstrip
Alles zerfällt in Particularinteressen. Und dabei werden wichtige Grundlagen im Kleinen wie Großen vergessen. Insofern könnte le Carre´s Befürchtung nicht daneben liegen. Es ist ein egozentrisches Zeitalter. Genau richtig für Psychopathen.
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