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06. November 2013, 12:54 Uhr

Neu entdeckter Roman "Stoner"

Eine lebenslange Niederlage

Von Thomas Andre

Das falsche Fach studiert, die falsche Frau geheiratet - überhaupt das falsche Leben gelebt: In seinem 1965 erschienenen, aber erst jetzt gefeierten Roman "Stoner" erzählt John Williams das berührende Drama eines Uni-Professors, dem langsam schwant, dass er nie glücklich sein wird.

Der Campus-Roman ist ein wichtiges Genre der englischsprachigen Literatur. Große Schriftsteller haben sich daran versucht: J.M. Coetzee, Don DeLillo, Philip Roth, Zadie Smith, Jeffrey Eugenides. Fast immer ging es um Identitätssuche und zwischenmenschliche Dramen. Ein entscheidender Campus-Roman allerdings ist den Lesern lange verborgen geblieben: John Williams' "Stoner" erschien erstmalig 1965. Seinen weltweiten Siegeszug trat das Buch erst vier Jahrzehnte später an, als es in den USA neu erschien. Jetzt steht "Stoner" auch in Deutschland auf der Bestsellerliste.

"Stoner" ist ein literarischer Schatz, ein Buch, das von den kleinen Siegen und den großen Niederlagen des Universitätsprofessors William Stoner erzählt. Der betritt kurz vor dem ersten Weltkrieg erstmals die Universität von Missouri. Er ist der einzige Sohn einer Farmersfamilie, die in der einfachsten aller Welten lebt und ein karges Land beackert. Es sind vormoderne Zustände, die der junge Mann verlässt. Lange Wege legt man noch mit der Kutsche zurück.

William will Agrarwissenschaft studieren. Dann kommt, einer Epiphanie gleich, die Dichtung über ihn. Er sitzt in einem Grundkurs vor einem Shakespeare-Sonett über Liebe und Verlust - und weiß nicht weiter. Wegen seiner Probleme bei der Texterfassung wird er vom Dozenten bloßgestellt. Trotzdem verliebt er sich rückhaltlos in die Literatur - und wechselt das Studienfach.

Die große Liebe, die nicht sein darf

Angetrieben wird er von einem Dreiklang aus Lieben, Leben, Lernen - die Emanzipation von seiner Herkunft aber misslingt ihm, obwohl es Stoner, anders als seine bedürfnislosen Eltern, mit der Gesellschaft aufnimmt. Sein Scheitern ist total. Er heiratet die falsche Frau und wird Opfer einer Intrige, die so wohl nur an der Uni stattfinden kann. Er reagiert stur und eitel, verliert sich im Labyrinth seiner Rechtschaffenheit. Seine Gleichgültigkeit der eigenen Niederlage gegenüber ist die eines tragischen Mannes, der nicht nach Höherem strebt; es klänge pathetisch, würde man ihn einen Moralisten nennen.

John Williams (1922 - 1994) lehrte lange als Literaturdozent in Denver - auch seine Großeltern hatten einen Bauernhof. Sein Werk umfasst zwei Gedichtbände und vier Romane, für "Augustus", einen historischen Roman über den römischen Kaiser gleichen Namens, bekam er 1973 den National Book Award.

Es dürfte jedoch der vorübergehend vergessene "Stoner" sein, dessentwegen man sich auch in Zukunft an Williams erinnern wird. Weil er auf psychologisch meisterliche Weise von einem Jedermann erzählt, und von den Fesseln, die vor der sexuellen Befreiung Lebensläufe einschnürten. Eine große Liebe (zu einer Studentin, so viel Klischee muss sein) kann und darf der Professor nicht leben, und wie er stoisch sein Schicksal erträgt, das schildert Williams auf berührende Weise.

Zwei Weltkriege lichten die Reihen der Studierenden. Es zermürbt die Lehrenden, die in der nachfolgenden Generation immer so etwas wie Hoffnung sehen wollen. In "Stoner" gibt es von der ersten Seite an wenig Hoffnung, man spürt beinah in dem gesamten Text ein stetes Nachlassen der Kraft beim Protagonisten. Als ahnte er langsam, von Geburt an verdammt zu sein, nie glücklich werden zu können - das Schicksal jedes modernen, entwurzelten Menschen. Aber hätte er ein erfüllteres Leben gehabt, wenn er auf dem Land geblieben wäre?

"Hinterher lag er neben ihr und redete zu ihr in der Stille seiner Liebe", heißt es einmal. Die Stille ist der Preis, den er zahlt für ein gewisses Linkischsein, in dem sich sein Herkommen aus einfachen Verhältnissen untrennbar an ihn heftet. "Stoner" ist auch der erbarmungslos und doch zart geschriebene Bericht über die Karriere eines Mannes und über verblassende Aufstiegsträume.

Und doch ist es ein exemplarisches Leben, das Williams porträtiert, und sein "Stoner" ist zeitlos gültig: Es gibt kein Anrecht auf eine gelingende Existenz.

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