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Jonas Jonasson: Naivität trifft auf große Politik

Foto: Sara Arnald

Bestseller-Autor Jonas Jonasson Der Mann, der das gleiche Buch zweimal schrieb

Können zwei Millionen Käufer irren? So viele Exemplare von "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" wurden allein in Deutschland abgesetzt. Nun erscheint "Die Analphabetin, die rechnen konnte", der neue Roman von Jonas Jonasson. Er folgt demselben Strickmuster.

Einmal setzte sich ein Mann an seinen Schreibtisch und verfasste einen Weltbestseller. Der Mann war Schwede und hieß Jonas Jonasson. Er hatte eine Schwäche für Atomwaffen.

Mit diesen Sätzen könnte die Autobiografie des Autors beginnen, der seinem ersten Roman einen eigensinnig sperrigen Titel gab: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" war eine irrwitzige Abenteuergeschichte und zugleich ein Ritt durch die politischen Landschaften des 20. Jahrhunderts. Die Flucht eines Rentners aus dem Altenheim, gegengeschnitten mit dessen Leben, in dem er ganz nebenbei den Amerikanern und Sowjets die Atombombe verschafft und anschließend für die nukleare Abrüstung gesorgt hatte.

Jonasson, Jahrgang 1961, gelang mit seinem Debüt, was in der Literatur eher selten gelingt: ein gewaltiger Erfolg aus dem Nichts. Der "Hundertjährige" ist 2009 in Schweden erschienen, zwei Jahre später in Deutschland, inzwischen in 27 Ländern, von Brasilien bis Japan.

Mehr als zwei Millionen Exemplare des Buches wurden hierzulande verkauft, über ein halbes Jahr führte es die SPIEGEL-Bestsellerliste an. Eine Bühnenfassung feierte vor wenigen Wochen in Hamburg ihre Premiere, die Verfilmung wird im kommenden Frühjahr die deutschen Kinos erreichen.

Literarische Version von "Forrest Gump"

Nun erscheint der zweite Roman von Jonasson, und schon der Titel lässt ahnen, wie treu der Autor seinem Erfolgsrezept geblieben ist, das man - weniger wohlwollend - auch als Strickmuster bezeichnen könnte. "Die Analphabetin, die rechnen konnte" wiederholt die Idee hinter dem "Hundertjährigen", die literarische Version des Films "Forrest Gump": Naivität trifft auf große Politik.

An die Stelle des schwedischen Sprengstoffexperten Allan Karlsson tritt diesmal eine junge Frau aus Südafrika. Nombeko Mayeki wird 1961 ins Elend des Slums von Soweto hineingeboren, bald ist sie Waisenkind, arbeitet als Latrinentonnenträgerin und wird mit 15 Jahren von einem Weißen über den Haufen gefahren. Im Apartheidsregime gilt jedoch sie als die Schuldige und muss fortan als Putzfrau eines Kernwaffeningenieurs ihre Strafe abgelten.

Allein: Nombeko kann rechnen, sehr gut sogar, und auch sonst zeichnet sie sich durch übermäßige Klugheit aus. So kommt es, dass sie später eine Atombombe nach Schweden schmuggelt, mit dem dortigen König Hühner schlachtet und dafür sorgt, dass die Automarke Volvo an Chinesen verkauft wird.

Komplexe Weltordnung ganz simpel

Auch das Figurenpersonal der "Analphabetin" nimmt es in seiner Skurrilität mit Jonassons Welterfolg auf. Zwillingsbrüder mit demselben Vornamen bietet es, einer von ihnen ist erst erbitterter Feind und am Ende glühender Verehrer der Monarchie. Dazu drei chinesische Schwestern, die beruflich Hunde vergiften und später in einer Poststelle arbeiten, wo sie unentwegt die Adressaten vertauschen.

Wer in Jonassons Romanen klug ist, der ist unsagbar klug, wer ein Idiot ist, ist auch dies in Vollendung. Menschen verlieben sich auf den ersten Blick ineinander, Treue währt ewig. Es ist eine einfache, bewusst schematisch gehaltene Welt, die unumstößlichen Gesetzen gehorcht. In dieser Hinsicht funktionieren die Geschichten wie mittelalterliche Aventüren, deren Ritter kaum anders sein dürfen als heldenhaft und tapfer.

Aber dann gibt es bei Jonasson noch die andere, reale Welt, die als Folie unter den Abenteuern liegt. Harry Truman, Stalin und Kim Jong Il tauchten im "Hundertjährigen" auf, alle in Gestalt von mehr oder minder lachhaften Trotteln, als putzige Karikaturen ihrer historischen Vorbilder.

Als Klamauk getarnte Polit-Satire

Jonassons Sprache bleibt auch im neuen Roman lakonisch, sein Humor schmerzfrei und meist auf die schnelle Pointe abzielend. Allan und Nombeko platzen beide hinein in die Welt der großen Politik, wie Clowns in einen Staatsempfang, und verändern den Lauf der Dinge durch ihre unbedarfte Raffinesse.

So wirken Jonassons Bücher tröstlich, sie lassen die komplexe Weltordnung mit ein wenig Fiktion plötzlich ganz simpel erscheinen. Es sind diese zwei kollidierenden Ebenen, auf denen der schwedische Autor brilliert und die den Erfolg seiner Romane ausmachen: die historische Folie, kenntnisreich und detailgetreu nachgezeichnet, und die ins Schelmenhafte überzeichneten Figuren.

Zugleich hat Jonasson in der "Analphabetin" mehr gewagt als zuvor, indem er mit seiner als Klamauk getarnten Polit-Satire nun auch die unmittelbare Gegenwart erreicht. Auf die Seitensprünge des schwedischen Königs spielt er an, den amtierenden Ministerpräsidenten Fredrik Reinfeldt lässt er als Weichei mit Putzfimmel auftreten. Über die rechtspopulistischen "Schwedendemokraten" schreiben die Zeitungen bei Jonasson, ihr Einzug ins Parlament sei ja nun wirklich höchst unwahrscheinlich. Ein dezenter Seitenhieb, denn in der Realität gelang er 2010.

Spitzen wie diese werden mit so viel Humorbeigabe versehen, dass sie nicht altklug klingen. So polemisch mancher politische Kommentar auch ist, in Jonassons bunter Welt des Slapstick und der Albernheit schluckt man ihn artig, ohne dem Autor Besserwisserei unterstellen zu wollen.

Jonas Jonasson könnte wohl noch weitere Bücher schreiben, die funktionieren wie seine ersten beiden. Solange ihm die Phantasie für absurde Figuren nicht ausgeht, wird die Weltgeschichte verlässlich den entsprechenden Hintergrund liefern. Der Unterhaltungswert scheint folglich gesichert. Und dennoch sollte es Jonasson das nächste Mal mit einem neuen, mutigeren Sound probieren.

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