Brexit-Roman "Middle England" Globalisierung? Oh no!

Das Leben in der englischen Provinz fließt träge dahin, bis das Brexit-Referendum Furcht und Misstrauen sät: Jonathan Coe erzählt in "Middle England" von einem Mittfünfziger und persönlichen Exit-Strategien.
Brexit-Unterstützer am Austrittstag aus der Europäischen Union

Brexit-Unterstützer am Austrittstag aus der Europäischen Union

Foto: Matt Crossick/ imago images

Unlängst kursierte eine Grafik . Rot, Blau, Türkis, lauter Zackenlinien, die zeigten, was die Briten seit 2007 beschäftigte. Darunter das Gesundheitssystem NHS, Immigration und: die EU. Erstaunlich: vor 2016 zeigten die Briten kaum Interesse für Europa. Dann schießt die Linie der Aufmerksamkeit nach oben, es war die Zeit des EU-Referendums. Der Kipppunkt. Danach der ewige Brexit-Strudel.

Wie auf einmal die EU zum Fixpunkt allen Übels wird, wie Ressentiments sich in Familien einschleichen, das zeichnet Jonathan Coe in seinem multiperspektivischen Gesellschaftsroman "Middle England" nach. Von 2010 bis 2018, als der Austritt längst schon mehrfach vollzogen hätte sein sollen. Und eine Handvoll Figuren seines Ensembles doch einen Weg finden, dem Irrsinn zu entkommen.

Das kann man als solide Unterhaltungsliteratur vor politischer Kulisse  einordnen. Und weil Coe sein Personal so sympathisch lebensnah gestaltet, kauft man ihm das ab. Hauptfigur Benjamin Rotter - sein Alter Ego, so Coe - ist Schriftsteller, der null publiziert hat, aber seit 30 Jahren an einem Epos schreibt. Er hat nach Jahrzehnten als Buchhalter seine Wohnung in London verkauft und mit der Kohle eine alte Mühle erworben, Flussblick inklusive. Dazu gibt es die Perspektiven seiner Schwester Lois und seiner Nichte Sophie, einer promovierten Kunsthistorikerin, verheiratet mit einem Fahrlehrer. Außerdem die Ansichten von Bens alten Freunden Doug und Philip, der eine Politjournalist, der andere Kleinverleger. Und etlichen weiteren, die Liste ist lang; teils nur Randfiguren, unmotiviert, da bleibt nur Achselzucken (oder zu Zadie Smith greifen, eventuell zu Ian McEwans neuer Brexit-Kafka-Satire "Die Kakerlake").

Alles Menschen, die langsam durch ihr Leben driften. Bis das Knirschen von Rassismus Beziehungen ins Rumpeln bringt (und übrigens, liebe Übersetzer, "race" sollte hier wirklich nicht mit dem deutschen Wort "Rasse" übersetzt werden), die Brexit-Frage Familien und Ehen spaltet, man sich aber dennoch kümmert, um altwerdende Väter, kränkliche Schwiegermütter, gebrochene Kumpels; derweil manche suspendiert werden, andere auf "political correctness" schimpfen, und außerdem: "Die BBC spricht nicht für die normalen Leute." Klingt bekannt genug.

Ein England jenseits der Metropolen, eher furchtsam vor Fremdem

Doch das Existenzielle, das dieser historische Austritt mit sich bringt, es dringt nicht durch. Denn alles, wirklich alles, wird ausbuchstabiert, die Furcht, das Misstrauen, alles. Als würde hier einer mit Leuchtpfeilen auf Erkenntnisse zeigen, statt sie entstehen zu lassen. "Ich wohne in einem Haus in Chelsea, das Millionen wert ist", lässt Coe Doug etwa sagen, "Ich weiß nicht, wovon ich rede. Und das macht sich in meinen Artikeln bemerkbar. Ist ja wohl klar." Ach, echt?

Schauplatz sind Birmingham, Shrewsbury, Provinz, echtes Mittelengland - trotz des Big Bens auf dem deutschen Cover. "Middle England" als klar soziokulturell gemünzter Begriff ist damit auch Portrait einer Wählerschaft und ihrer Randbezirke: englische Mittel- und Unterschicht jenseits der Metropolen, eher konservativ, eher furchtsam vor Fremdem, vor Wandel. Banksy ließ es einst  von Omas bombardieren.

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Titel: Middle England (Transfer Bibliothek): Roman
Herausgeber: Folio
Seitenzahl: 480
Autor: [Jonathan Coe]
Übersetzung: Cathrine Hornung, Dieter Fuchs
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Preisabfragezeitpunkt

06.02.2023 21.23 Uhr

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Es herrsche der Zeitgeist "radikaler Unentschiedenheit", heißt es einmal, geprägt von "unserer maßlosen Liebe zum Maßhalten". So unaufgeregt wie der Fluss, auf den Benjamin in seiner Mühle immer starrt. Der Zustand, in dem in dieser sogenannten Mitte Grenzüberschreitungen normal werden. Wie volatil diese Idee von Mitte ist, war hierzulande gerade in Thüringen sehr gut zu sehen.

Schicksalsgeschichten vor dem Alltagsrauschen tatsächlicher Ereignisse

Teile von Coes Truppe tauchten in seinem Universum schon auf - in "Erste Riten", das Anfang der Siebzigerjahre spielt, sind sie noch in der Schule, in "Klassentreffen" von 2007 in ihren Vierzigern und in "Middle England" nun Mitte 50. Fortsetzungen sind eh das Ding des Endfünzigers, der selbst aus jener Gegend stammt, stets arrangiert vor dem Alltagsrauschen tatsächlicher Ereignisse. Die Finanzkrise, 9/11, die drohende Schließung der Birminghamer Fordwerke, wo Benjamins Vater einst arbeitete, der am Ende von "Middle England" stirbt und somit die Tür einer Generation hinter sich zufallen lässt.

Damit ist der Roman Dokument der letzten Ära Großbritanniens vor dem EU-Austritt. Die Wahl von David Cameron zum Premierminister, seine Wiederwahl, das Referendum, sein Rücktritt, die neue Parlamentswahl, mit der Theresa May ins Amt kam. Hier der Tod des letzten Elternteils, dort der dräuende Brexit, sie bestimmen die Atmosphäre des letzten der drei Buchteile.

"Merrie England", "Deep England" und "Old England": Die Titel gehören zum kulturellen Bewusstsein des Landes, alle kreisen um die Idee einer Gegend, die bewahrenswert ist, pastoral. Globalisierung? Um Himmels Willen! Dass Coe sein Finale "Old England" nannte, hat den größten Charme. Das Lied "The Roast Beef of Old England" ist ein patriotischer Klassiker - und Frankreich darin nur der Idiot. Klar also, wohin Ben und ein paar andere abhauen. Dazu kann man The Waterboys singen lassen: "Old England is Dying" .

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