Jonathan Lethems Rockroman Der Ton macht die Musik

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem gilt als Experte für Erzählwelten in popkultureller Kulisse. Dennoch trifft sein Rockroman "Du liebst mich, du liebst mich nicht" nicht den richtigen Ton.

Von Frank Schäfer


Was unterscheidet einen gelungenen Rockroman von einem weniger guten? Es sind nicht drei, es sind nicht vier, es sind genau zwei Attribute, die so ein Werk notwendig aufweisen muss. Zum einen muss der Autor eine authentische, suggestive, zwingende Sprache finden für das, was er sich akustisch imaginiert – und dies umso mehr, als der Leser eines Romans anders als der Leser einer Musikzeitschrift nicht auf reale Tonkonserven zurückgreifen kann, um sein Hörbild plastischer zu machen, schließlich handelt es sich hier um reine Fiktion.

Autor Lethem: Musik ist nicht nur Thema, sondern auch literarisches Mittel
Shelley Jackson

Autor Lethem: Musik ist nicht nur Thema, sondern auch literarisches Mittel

Zum anderen muss die Musik in irgendeiner Weise ästhetisch integriert sein. Das heißt, sie ist nicht nur Thema des Romans, sondern zugleich auch sein literarisches Mittel, determiniert also den Gehalt genauso wie die Form. Etwa, um es mal an einem Beispiel zu verdeutlichen, wenn ein Song eine verschlüsselte Vorausdeutung für die Handlung selbst enthält, oder, noch abgefeimter, wenn sich in ihm symbolisch oder leitmotivisch die Idee des Romans verdichtet.

Diese beiden Parameter angelegt, handelt es sich bei Jonathan Lethems "Du liebst mich, du liebst mich nicht" um ein halbwegs, aber doch nicht ganz gelungenes Exempel des Genres. Lethem hat in der Vergangenheit immer wieder seine profunde Pop-Affinität unter Beweis gestellt, er hat seine Erzählwelten gern mit popkultureller Staffage geschmückt, zum Beispiel Science-Fiction- und Comic-Szenarios als Setting benutzt, hat Lyrics geschrieben für befreundete Bands und seit einiger Zeit beliefert er den "Rolling Stone" mit ausgreifenden Studioreportagen und Musikerporträts (etwa über James Brown).

Insofern war das Buch beinahe erwartbar, jedenfalls hätte man eigentlich davon ausgehen können, dass er sich dem Thema sprachlich gewachsen zeigt. Doch so ist es dann leider nicht ganz: "Lucinda griff in die Saiten, produzierte einen Kaltstart des Songs und stellte sich diesmal mit dem Gesicht zu Denise, von der sie die Antwort der Drums einforderte. Denise ging darauf ein, hämmerte den Beat in doppelter Geschwindigkeit. Der Sound war dynamisch, unheimlich, vorsprachlich, Bass und Schlagzeug wie die Rudimente des Lebens selbst, Behauptung und Widerspruch, und jede Interpretation der Figur eine Abfuhr, bis der Notenschwarm erneut einsetzte. Lucinda fühlte sich wild und unversöhnlich. Auch als die Gitarren einsetzten, ließ sie sich nicht besänftigen. Lucindas Ansage hatte sogar Bedwin wachgerüttelt, der gerade mit seiner Leadline zugab, dass der wortlose Song einen melodischen Aufhänger hatte."

Das Prinzip des Teufels

Abgesehen davon, dass in Lethems Illuminationen so recht kein Sound hörbar wird, lesen sie sich geziert, auf eine halbgare, fast verzagte Weise prätentiös. Ein richtiger Leadgitarrist treibt den Solo-Drillbohrer unter dem lauten, von unmenschlicher Pein erfüllten Schreien des Materials immer tiefer in den Granit des Songs. Aber er gibt doch nicht zu, dass der Song einen melodischen Aufhänger hat. Hat man denn so was schon gehört? Wenn schon Prätention, dann aber bitte schön mit Rechtsanschlag – "all men play on ten", wie schon Manowar wussten –, also mit weitaus mehr sprachlicher Amplifikation. Nichts davon bei Lethem. "Denise dagegen schlug unaufhörlich ihr Becken, schwebte über dem Sound der Band. Die Wörter waren beladen mit einer Rechtschaffenheit und Paranoia, die jedem Musiker wie ein Geständnis vorkam. Eine Vertonung, die der Einzelne nicht hätte billigen können, nur das Kollektiv." Man wünscht sich guten Norman Mailer und bekommt nur schlechten Greil Marcus. So in etwa.

Die narrative Inkorporation der Musik gelingt Lethem dann aber durchaus. Die Songs bedeuten nicht nur etwas für die Protagonisten, sondern auch für den Roman selbst. Das macht er ziemlich virtuos. Die Wendepunkte des Plots werden hier hübsch chiffriert, fast orakelhaft vorweggenommen. Und "Monster Eyes", das Stück, das der Band, deren Schicksal Lethem hier verfolgt, den Namen gibt, spiegelt im Grunde das analytische, alles zerlegende und damit zerstörerische Prinzip des Teufels Carl Carlton, dem alles, was er anfasst, in die Brüche geht und der so auch die Band auseinander bringt: "Best thing I ever did for you, was get you out of range of my monster eyes ... Bevor my eyes destroy you, better run, better run ..."

Furcht vor dem Plagiat

Lucinda, Bassistin der Band, jobbt als Telefonistin bei einer Nörgel-Hotline und verliebt sich in den Stammkunden Carl, eine Art Werber, der sich griffige Slogans ausdenkt und offenbar gut daran verdient. Carls Eloquenz begeistert sie, sie schreibt mit, und als ihrem Songwriter Bedwin die Worte ausgehen, überlässt sie ihm ihre Notizen, und Bedwin macht gute Songs daraus. Der erste Auftritt wird ein Triumph, die Plattenfirmen stehen Schlange, und ein legendärer Radio-DJ, so eine Art John-Peel-Verschnitt, bietet ihnen ein Live-Auftritt in seiner Sendung an. Aber Carl, der Lucinda mittlerweile eine ganze Nacht lang bewiesen hat, dass er nicht nur gut reden, sondern auch machen kann, ist zufällig auch auf dem Konzert und bemerkt ihren Ideendiebstahl. Zum Ausgleich will er in der Band mitspielen, man lässt ihn – und das ist dann das Ende. Der Radio-Auftritt gerät zum Desaster, weil Carl sich um Kopf und Kragen redet. Anschließend verlässt er Lucinda. Die wiederum verführt in ihrem Kummer den schüchternen Nerd Bedwin, meint das aber gar nicht so, woraufhin das kreative Genie, waidwund und tödlich beleidigt, die Band auflöst.

Wie man einem begleitenden Essay Lethems entnehmen kann, der auf deutsch im Juni-Heft der "Literaturen" zu lesen war, will er den Roman auch als so eine Art Plädoyer für die Kunst des Plagiats, des "höheren Abschreibens" verstanden wissen. Nicht "Einflussangst", sondern "Einfluss-Ekstase" sollte den zeitgenössischen Künstler umtreiben. Nun, das muss man der Hochkultur möglicherweise noch mal hinter die Ohren schreiben, im Rock'n'Roll war das von je her gängige Praxis. Lethem macht sich hier allerdings auf ziemlich durchtriebene Weise lustig über die starke Stellung des Urheberrechts: indem er dafür das mittlerweile auch in der Popkultur, etwa in vielen Musikfilmen, sattsam erprobte Motiv des Teufelspakts variiert. Kurzum, er karikiert die Furcht vor dem Plagiat auf die einzige konsequente Weise – mit einem weiteren Plagiat.

Bekenntnis zum Pop

Hier fährt denn auch keiner zur Hölle, im Gegenteil. Der Nörgler Carl will das Böse und schafft doch stets das Gute. Gute Songs nämlich. Und selbst die letztlich von ihm initiierte Auflösung der Band hat eine positive Seite: Lucinda und Matthew, der Sänger, die vorher zueinander nicht kommen konnten, kriegen sich am Ende doch noch.

Der Roman schließt mit einem Bekenntnis zum Pop. Lucinda berührt Matthew und schwärmt von seiner schlanken Gestalt, die in kalkulierter Opposition steht zur faunischen Feistheit Carls. Matthew tut das als "oberflächlich" ab, aber Lucinda zitiert ein letztes Mal den genialischen Sprücheklopfer: "Es gibt keine Tiefe ohne Oberfläche."

Man könnte das so verstehen, dass erst die auf Hochglanz polierte, gefällige, anmutige Hülle eines Kunstwerks einen genügend starken Affekt beim Betrachter erzeugt, der dafür sorgt, dass er sich wirklich einlässt auf die artifizielle Tiefenstruktur. Da ist ja was dran. Bei Lethems "Du liebst mich, du liebst mich nicht" will man zwar durchaus wissen, was den Roman im Innersten zusammenhält – aber man wird auch den Eindruck nicht los, dass er die Oberfläche ruhig noch etwas länger hätte polieren können.


Jonathan Lethem: "Du liebst mich, du liebst mich nicht". Aus dem Amerikanischen von Michael Zöllner. Tropen Verlag, 249 Seiten, 19,80 Euro.



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