Romanautor über Mexiko "Jemand wie Sherlock Holmes läge innerhalb eines Tages unter der Erde."

Als Journalist hat Jorge Zepeda Patterson den Mächtigen Mexikos auf die Finger geschaut. Doch um ihren wahren Charakter zu zeigen, hat er einen Thriller geschrieben - "Die Korrupten".
Ein Interview von Isabel Metzger
Kreuze mit den Namen ermordeter Journalisten bei einer Demonstration (Archivbild)

Kreuze mit den Namen ermordeter Journalisten bei einer Demonstration (Archivbild)

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Rebecca Blackwell/ AP

Zur Person
Foto: Blanca Charolet/ Elster & Salis

Jorge Zepeda Patterson, geboren 1952 in Mazatlán / Mexiko, ist Schriftsteller und Journalist, schreibt Kolumnen wie auch politische Analysen u.a. für die spanische Zeitung "El País" und das mexikanische Online-Magazin "SinEmbargo.mx". Sein Debütroman "Die Korrupten" war Finalist des Dashiell Hammett Awards. Er ist der erste Teil einer Romantrilogie über Kriminalität und Korruption, die derzeit für Netflix verfilmt wird.

SPIEGEL: Señor Zepeda Patterson, als Ihr Debütroman "Die Korrupten" auf Spanisch erschien, waren Sie als Politik-Reporter in Mexiko unterwegs. "Jeden Romanautor hätte man der Fantasterei bezichtigt", kommentierten Sie die realen Ereignisse. Warum haben Sie sich als Journalist trotzdem dazu entschieden, einen fiktionalen Roman über Korruption zu schreiben?

Patterson: Ich arbeite seit rund 25 Jahren als Reporter. Dabei habe ich festgestellt, dass journalistische Texte nicht das ganze Bild der Korruption in Mexiko wiedergeben können. Korruption findet in erster Linie in verborgenen Teilen der Gesellschaft statt. Vieles ist nicht dokumentiert. Betroffene können kaum über ihre Erfahrungen sprechen. Das wäre für viele ein Todesurteil. Ein Großteil meiner Recherchen endete deshalb in der Schublade. Weil es einfach keine Beweise gibt. Ich habe mich deshalb dazu entschlossen, ein politisches Buch wie "Die Korrupten" zu schreiben.

SPIEGEL: Entstanden ist ein Psychothriller mit fiktiven Figuren. Der allerdings voller Anspielungen auf reale Ereignisse steckt. Kann ein Roman wirklich das leisten, was ein journalistischer Beitrag nicht kann?

Patterson: Fiktion lässt sich leichter verdauen als der Bericht eines Journalisten. Die Leute mögen es nicht, ihren Namen in einem Text zu lesen. Ein Romanschreiber hat deshalb mit weniger Bedrohungen zu kämpfen als ein Reporter. Durch fiktive Figuren kann ich außerdem ein authentischeres Bild von Korruption zeichnen. Mich interessieren die psychologischen Mechanismen.

SPIEGEL: Wie sehen die aus?

Patterson: Korruption beruht darauf, dass alle Beteiligten mitmachen. Wenn das funktioniert, lässt sich Korruption nicht aufhalten. Dann gibt es keine Strafen. Korruption kennt auch keinen Bösen. Weil hier andere Spielregeln gelten. Wer im System Korruption einmal drinsteckt, für den ist sie etwas Normales. Dann gehört sie sogar irgendwie zum Berufsalltag dazu.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Patterson: Ein durchschnittlicher mexikanischer Politiker sieht nicht morgens in den Spiegel und sagt: Ich bin sehr korrupt. Auf dem Konto hat er, sagen wir einmal, zwei Millionen Dollar - um sich selbst zu schützen. Wenn er Pech hat, dann hat sein Gegner sechs Millionen Dollar. In Mexiko gibt es deshalb eine bekannte Redewendung, die noch von dem mexikanischen Politiker Carlos Hank González stammt: "Un político pobre es un pobre político." - Ein armer Politiker ist ein armseliger Politiker. Nur wer reich ist, hat Macht und kann sich in der Öffentlichkeit gut präsentieren.

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Die Korrupten: Roman

Verlag: Elster
Autor: Jorge Zepeda Patterson
Übersetzt von: Nadine Mutz
Seiten: 520
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SPIEGEL: Zur Öffentlichkeit gehört auch die Arbeit von Journalisten. In dem Roman recherchiert der Journalist Tomás zusammen mit drei Freunden zu dem Mord und verstrickt sich im Laufe seiner Recherchen immer mehr in Machtgeflechten von Politik und Drogenkartellen. Wie weit muss ein Journalist in diesem System mitspielen, um an Informationen zu kommen?

Patterson: Als Journalist muss man mit Druck klarkommen. In Mexiko ganz besonders. Als Einzelner hat man außerdem in einem System von Korruption keine Chance. Man braucht Kontakte. Deshalb entschied ich mich für vier Hauptfiguren. Alle vier zusammen sind mein Sherlock Holmes...

SPIEGEL: Sie lachen?

Patterson: In Europa gibt es dieses Image eines guten, ehrlichen und sauberen Ermittlers. In Mexiko würden Ihnen die Leser so etwas nicht abkaufen. Jemand wie Sherlock Holmes läge dort innerhalb eines Tages unter der Erde. Für meine Geschichte brauchte ich authentische Charaktere. "Gute" gibt es hier nicht.

SPIEGEL: Mexiko liegt in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen  gerade auf Platz 144 von 180. Dutzende Journalisten sind demnach in den letzten zehn Jahren spurlos verschwunden oder wurden ermordet. "Dich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen, wird dein bester Schutz sein", heißt es im Roman. Tomás veröffentlicht deshalb immer neue Enthüllungen. Klappt so eine Strategie?

Patterson: Das kommt darauf an. Für einen weniger namhaften Journalisten kann es hoch gefährlich sein, über politische Skandale zu schreiben. Das gilt besonders in Regionen Mexikos, in denen ein autoritärer Politiker oder ein lokaler Krimineller die Kontrolle hat. Als ich zu Beginn meiner Karriere noch als Redakteur in der Stadt Guadalajara im Westen Mexikos arbeitete, war ich deshalb vorsichtiger. Bei Skandalthemen habe ich meinen Text vor Veröffentlichung an Kollegen aus der internationalen Presse geschickt. So konnte ich ihm mehr Gewicht verleihen. Heute muss ich mich nicht mehr zurückhalten, schreibe für Medien wie die spanische Zeitung "El País". Wenn ein Journalist über gute Kontakte verfügt und bekannt ist, kann er für Politiker in Mexiko auch gefährlich werden.

SPIEGEL: Seit 2018 ist Präsident Lopez Obrador an der Macht. Er erklärte den Kampf gegen Korruption zu einem seiner Schwerpunkte, bislang allerdings scheinbar ohne großen Erfolg. Wie schätzen Sie seine Absichten ein?

Patterson: Sagen wir: Anders als viele andere seiner Vorgänger hat Obrador das Thema zumindest offiziell auf seiner Agenda. Noch habe ich Hoffnung. In ein paar Jahren werden wir herausfinden, ob der Präsident ehrliche Absichten hatte - oder alles nur eine Wahlkampflüge war.