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"Das Haus der unfassbar Schönen": Strike a Pose!

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Joseph Cassara über queere Ballroom-Szene "Wie eine Familie"

Sie warfen sich in Pose, liebten einander, kämpften gemeinsam: New Yorker Latinos bildeten in der LGBT-Clubszene das "House of Xtravaganza". Joseph Cassara wollten sie bei dessen Roman über die Szene aber nicht helfen.
Zur Person
Foto: Amanda Kallis/ KiWi

Der Autor Joseph Cassara kommt aus New Jersey. In seinem Debütroman "Das Haus der unfassbar Schönen" schreibt er über die Queer-Ballroom-Szene von New York in den Achtzigerjahren. Mit dem Buch war er einer der Finalisten des Lambda Literary Award in Gay Fiction und gewann den National Arts & Entertainment Journalism Award im Bereich Belletristik. Aktuell arbeitet er an seinem zweiten Roman, über die LGBT-Szene in Kuba.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Cassara, "Das Haus der unfassbar Schönen" ist ein Roman über die queere Ballroom-Szene der Achtzigerjahre. Das Buch beschreibt das Leben von Transsexuellen in der Latino-Community von New York. Ein hochpolitisches Thema, nicht nur in Deutschland wird die Stellung der LGBT stark diskutiert. Wie fanden Sie zu dem Thema für Ihren Debütroman?

Cassara: Begonnen hat das, als ich ungefähr 18 Jahre alt war. Damals sah ich zum ersten Mal die Dokumentation "Paris Is Burning". Der Film zeigt die Ballroom Culture in New York. Zu den Figuren gehören auch die Begründer des House of Xtravaganza. Den Film habe ich total geliebt, sah ihn rauf und runter. Als Student fing ich an, über die Charaktere aus dem Film Texte zu schreiben. Anfangs waren das nur einzelne Episoden. Irgendwann dachte ich: Daraus könnte ich einen Roman machen.

SPIEGEL ONLINE: Was faszinierte Sie an der Szene?

Cassara: Mir gefiel die Musik, die Kleider, das Haus, in dem sie zusammen lebten. Besonders aber faszinierte mich die Verbindung zwischen den Menschen, die das Haus besuchten. Sie alle hatten irgendwie in ihrem Leben zu kämpfen. Viele waren von zu Hause weggelaufen und waren obdachlos, andere nahmen Drogen. Im House of Xtrvaganza gaben sie einander Unterstützung. Das hatte für mich etwas von Familie.

SPIEGEL ONLINE: Klingt fast schon idyllisch. In dem Buch aber gibt es auch oft Auseinandersetzungen, Schlägereien. Mehrere Menschen in der Gruppe sterben...

Cassara: Menschen, die nicht weiß und heterosexuell sind, sind in unserer Gesellschaft oft benachteiligt. Das ist etwas, was ich selber leider oft erlebt habe. Für Homosexuelle hat sich in den letzten Jahren vieles gebessert. Für Transgender gibt es aber immer noch kaum Aufmerksamkeit. Das House of Xtravaganza schien mir deshalb ein ganz eigener Ort zu sein. Hier kamen queere Menschen verschiedener Kulturen zusammen und liebten einander.

SPIEGEL ONLINE: Was machte die Queer-Szene der Achtzigerjahre in New York so besonders?

Cassara: Vieles aus der damaligen Zeit ist bis heute überliefert. Wörter, die wir benutzen, die Art zu tanzen. New York war ein günstiger Ort für eine Szene. Es ist eine weitläufige Stadt. Trotzdem braucht man kein Auto, öffentliche Verkehrsmittel sind 24 Stunden am Tag in Betrieb. In New York war genug Platz und Freiraum für so eine Szene.

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"Das Haus der unfassbar Schönen": Strike a Pose!

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SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie für Ihr Buch recherchiert?

Cassara: Glücklicherweise bin ich in New Jersey aufgewachsen. Meine Eltern kommen aus Brooklyn und der Bronx. Die Szene war mir also nicht völlig unbekannt. Ich habe mit verschiedenen Leuten der Ballroom-Szene gesprochen, einem Tänzer zum Beispiel. Ich wollte hören, wie sie in der Szene sprechen, wie sie sich bewegen. Außerdem habe ich mir verschiedene Archive und Memoiren der Ära angesehen. Da habe ich gelesen, wie die Menschen in der Paradise Garage getanzt haben, wie sie trotz fehlender Bar Alkohol getrunken haben. Die Paradise Garage war eine der führenden Queer-Diskos der Achtziger.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch mit früheren Mitgliedern des House of Xtravaganza gesprochen?

Cassara: Ich habe es versucht. Als ich meinen Roman anfing, habe ich ihnen geschrieben. Sie haben mir aber nie geantwortet. Auch später, als das Buch erschienen ist, habe ich nie eine Reaktion erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Warum, glauben Sie, kam keine Reaktion?

Cassara: Das kann ich nur vermuten. Für mich war es das erste Buch. Als ich ihnen das erste Mal schrieb, war ich 24 Jahre alt, noch ganz jung. Ich konnte das damals durchaus verstehen. Später versuchte ich es noch einmal per Facebook-Nachricht, da hatte ich schon einen Verlag gefunden. Als ich dann immer noch keine Antwort erhielt, war ich doch etwas enttäuscht.

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Cassara, Joseph

Das Haus der unfassbar Schönen: Roman

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 448
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04.02.2023 17.00 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Übersetzung wurde recht kurzfristig noch umbenannt. Anfangs hieß das Buch "Das Haus Xtravaganza", jetzt ist es eher neutral an den englischen Titel ("The House of Impossible Beauties") angelehnt: "Das Haus der unfassbar Schönen" Wie kam das?

Cassara: Im Deutschen gibt es sehr viele Übersetzungen für die Wörter "beauty" und "impossible". Da uns das einfacher schien, nannten wir das Buch erst einmal nach dem House of Xtravaganza. Dann kam eine E-Mail: Die früheren Mitglieder schrieben uns, dass sie mit ihrem Namen nicht im Titel auftauchen wollen. Also benannten wir es um. Das ist schade, aber auch nicht wirklich schlimm.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Cassara: Dieses Buch ist keine historische Abhandlung. Es ist inspiriert von der Geschichte um das House of Xtravagaza. Die Verbindung wollte ich mit dem Namen deshalb auch behalten. Sonst wäre der Reiz abhanden gekommen. Am Ende aber ist das Buch Fiktion. In jedem der Charaktere steckt auch viel von mir, von meinen persönlichen Erfahrungen, von Partys und Gesprächen, die ich selbst erlebt habe. Das Buch ist also keine Dokumentation. Aber doch eine sehr persönliche Wahrheit.

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