Joshua Cohen Die seltsame Angst vor dem schmalen Haus

Drogen, Nutten, Exzesse, Suizid - der US-amerikanische Autor Joshua Cohen lässt in seinen virtuosen Kurzgeschichten nichts aus. Das ist auch nur logisch, denn schließlich geht es in den Texten um das Internet.
Von Vivien Timmler
Joshua Cohen: Aus Banalitäten werden identitätszerstörende Massenphänomene

Joshua Cohen: Aus Banalitäten werden identitätszerstörende Massenphänomene

Foto: Adam Gong

Es ist das allwissende Lexikon, das geniale Wörterbuch, die unerschöpfliche Nachrichtenquelle und das globale Telefonbuch in einem: das Internet. So omnipräsent, so sehr Teil unseres Alltags, dass es schon fast müßig erscheint, es ständig kritisch zu beleuchten. In seiner Gesamtheit ist es nicht zu fassen, gleichzeitig unmöglich zu reduzieren. Was für eine Macht hat dieses Internet eigentlich genau? Und was macht es mit uns?

Diese Fragen hat sich offenbar auch der US-Autor Joshua Cohen gestellt, und er beantwortet sie mit vier Shortstorys, die unter dem Titel "Vier neue Nachrichten" versammelt sind. Es geht darin um Banalitäten, die zu identitätszerstörenden Massenphänomenen werden und um das ewige Gedächtnis des Netzes. Also um jene eher unangenehmen Dinge, um die wir wissen, die wir aber nicht so genau wissen wollen.

Ein ungleiches Quartett

Die erste Kurzgeschichte, "Emission", beginnt mit der Veröffentlichung prekärer Sex-Details über den jungen Drogendealer Mono auf einem Online-Blog. Aus privatem Vergnügen wird bald regelrechter Rufmord. Jeder Versuch, seine Daten zu löschen, zieht Mono nur noch tiefer hinein in die Abgründe der Internetwelt. Eine düstere, zerrüttete Geschichte, die auf mehreren Ebenen erzählt wird. So entsteht ein faszinierendes Mosaik aus schwer durchschaubaren Gedankengängen, starken Momentaufnahmen und minimalistischen Dialogen. Der eher konventionelle Plot und der überspitzt gezeichnete Protagonist hingegen sind aber für Cohens virtuosen Sprachstil fast schon wieder zu gewöhnlich.

In "McDonald's" stößt ein Lohnschreiber an seine Grenzen, weil er es nicht mit seinem Selbstverständnis vereinbaren kann, den Namen des Fast-Food-Giganten auszuschreiben. Cohen zelebriert diesen inneren Gewissenskonflikt. Er taucht tief in strukturelle und syntaktische Experimente ein, reichert seine Sätze mit so vielen scheinbar unbedeutenden Details und gesellschaftskritischen Nuancen an, dass es schwerfällt, den Überblick zu bewahren. "McDonald's" ist definitiv die Geschichte, die am skurrilsten anmutet, die am exzentrischsten, absurdesten und kryptischsten daherkommt - sie ist aber literarisch so genial und sprachlich so tiefsinnig, dass man Cohen all das verzeiht.

"Der Uni-Bezirk" ist ein Wirrwarr aus Prä-Geschehnissen und Parallelereignissen. Ein Familienvater reist mit Frau und Tochter nach New York, wohl wissend, dass ihn dort sein ärgster Feind erwartet: das Flatiron Bulding. Stets geplagt von seltsamen Angstzuständen, dem Gebäude zu nahezukommen, tritt der Protagonist eine verflochtene Reise in die Vergangenheit an. Statt einem stringenten Plot zu folgen, nährt Cohen diese Kurzgeschichte mit Abschweifungen. Zeit- und Ortswechsel werden dem Leser nicht angekündigt, mit jeder Veränderung des Settings wird die Geschichte undurchschaubarer - aber auch genialer.

"Gesendet" ist die längste Geschichte des ungleichen Quartetts. Es geht um einen Journalisten, der sich nach Osteuropa begibt, um einen Artikel über Mädchen in amerikanischen Pornofilmen zu schreiben. Er taucht immer tiefer in die (sur)reale Welt des Pornogeschäfts ein, bis er nach und nach unverhofft auf sämtliche Pornodarstellerinnen trifft, deren Videos er jemals online angeschaut hat. Fast reportagig wirkt die Geschichte passagenweise, Perspektivwechsel geben dem Plot Tiefe und Relevanz. Ein wenig überkonstruiert ist die Geschichte, denn der Weg führt von einem verzierten Bett über zahlreiche Generationenkonflikte bis zum blutroten Van, der die Pornoindustrie widerspiegelt.

Geschichten mit Matrjoschka-Charakter

Aber egal, denn schlicht und einfach genial ist Cohens Umgang mit Sprache, seine Fähigkeit, Dinge beim Namen zu nennen und gleichzeitig aufregend zu abstrahieren. Er gilt als der Nachfolger Thomas Pynchons, wird in den USA bereits mit David Foster Wallace verglichen. Seine Art zu schreiben ist erfrischend neu, aufregend anders. Seine Kurzgeschichten sind wie Matrjoschkas, stets verbirgt sich eine Erzählung in der Erzählung in der Erzählung.

Wer allerdings auf de Suche nach einer entspannten Bettlektüre ist, der wird bei Joshua Cohens Kurzgeschichtenquartett nicht fündig. Cohen fordert seine Leser heraus, verlangt ihnen einiges ab, nimmt sie weniger an die Hand als an die lange Leine. Er schreibt selten durchschaubar, meist kryptisch, immer virtuos und über weite Strecken komisch und ernsthaft zugleich. Er wirft den Leser aus der Bahn, nur um ihn ein paar Seiten später wieder einzusammeln, überhäuft ihn mit intellektuellen Absurditäten, nur um diese mit rotzfrechem Humor im Folgenden wieder zu relativieren.

Vier weitere Romane von ihm sollen bis 2019 ins Deutsche übersetzt werden. Man kann sich auf sie freuen.

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