Stalking-Roman von Judith Hermann Das halbnackte Grauen

Eine junge Frau zwischen niedlichem Stalker und abwesendem Bauarbeiter-Gatten: In ihrem neuen Roman "Aller Liebe Anfang" erzählt Judith Hermann eine sanfte Horrorgeschichte aus der Vorortidylle.
Judith Hermann: Flugangst in Reihe 18

Judith Hermann: Flugangst in Reihe 18

Foto: Andreas Labes

Was Judith Hermann kann, zeigte schon ihr erstes, 1998 erschienenes Buch "Sommerhaus später": die stimmungsvolle Beschreibung leicht verlorener Mittzwanzigerinnen; das Leben spielt sich ab zwischen Gesprächen mit den Freundinnen und stilvollem, egozentrischem Nichtstun. Hermanns Hauptfiguren, häufig sind es Frauen, sind damit beschäftigt zu reden, zu rauchen, zu trinken, gelegentlich lernen sie einen fremden Mann in der Straßenbahn kennen und gehen mit ihm ins Bett.

Das alles ist lange her, 16 Jahre. "Die Entscheidungen für dieses oder jenes oder ein ganz anderes Leben", wie es bei Hermann heißt, sind getroffen. Die eine Freundin hat geheiratet. Die andere Freundin hat Kinder. Und Judith Hermann veröffentlicht ihr viertes Buch, ihren ersten Roman: "Aller Liebe Anfang".

Im Mittelpunkt des Buchs steht Stella. Auf der Rückreise von der Hochzeit ihrer besten Freundin bekommt sie eine Panikattacke. Stella hat Flugangst - doch zum Glück sitzt in Reihe 18 ein kräftiger Kerl. Jason heißt er, schuftet auf dem Bau - und hat sich offenbar aus Martina Brandls Comedy-Roman "Halbnackte Bauarbeiter" in die ätherische Welt der Judith Hermann verirrt.

Man kann nur darüber spekulieren, welche erotischen Motive die Autorin dazu bewogen haben, eine derartig semipornografische Klischeefigur auftreten zu lassen. Als viriler Deckhengst allerdings wird Jason nur kurz gebraucht. Schon im zweiten Kapitel hat Stella ein Kind von ihm: Ava. Und während die Leserschaft noch darüber rätselt, ob wirklich alle Figuren eines Buchs derart geschmackvolle Namen tragen sollten, hat Jason sich aus der Handlung schon fast wieder verabschiedet - bis zum erneuten Auftritt im Finale bleibt er größtenteils auf eine andere klischeehafte Männerrolle reduziert: den abwesenden Gatten.

Mister Pfister ist Stalker

Stella und ihre Tochter leben in einer nicht genauer lokalisierbaren Vorortidylle, in einem Häuschen mit Garten. Das Jahr nimmt seinen Lauf, es knospen die Winterlinge, blühen die Tulpen, reifen die Erdbeeren. Der harmonische Rhythmus der Jahreszeiten könnte ewig so weitergehen, wären da nicht die irritierenden Nachrichten, die ein gewisser Mister Pfister in den Briefkasten wirft. Was zuerst als verlockende Möglichkeit eines anderen Lebens angesichts der Gleichförmigkeit von Stellas Alltag erscheint, erweist sich schnell als bedrohlich: Mister Pfister ist Stalker. Jeden Tag legt er etwas in den Briefkasten: große, kleine Umschläge, einzelne Blätter, Zettel, ein Diktiergerät, einen USB-Stick, eine selbst gebrannte CD.

Auch wenn "Aller Liebe Anfang" aus der Sicht von Stella erzählt ist, der blasse junge Mann, der in einem verwahrlosten Haus in Stellas Nachbarschaft wohnt, ist eine starke Figur - anders als die weibliche Hauptprotagonistin, ihr klischeehafter Gatte oder gar die völlig eindimensionale Tochter.

Mister Pfister ist widersprüchlich in seinem Wunsch, Stella nah zu sein, und der Verschrecktheit, mit der er ihr aus dem Weg geht, wenn er ihr im Supermarkt begegnet. Er ist passiv und aggressiv, schüchtern und distanzlos, hübsch und abstoßend. Wie die von Stella betreuten Alten (sie arbeitet als Krankenpflegerin), ist er zudem ein Eingeständnis der Autorin, dass die Abgründe der Welt wohl tiefer sind, als man es anhand einer harmlosen Frauenfreundschaft darzustellen vermag.

Für den Verlauf der Geschichte aber ist der lange ruhige Fluss von Hermanns konventionell aufgebauter Erzählung entscheidend. Kapitel für Kapitel entwickelt sie sich chronologisch und so auch ziemlich übersichtlich, dazu kommt der typische, poetisch klare Hermann-Duktus mit seinen leichten, bewusst gewählten Redundanzen. Der Auftritt eines Stalkers kann hier nur Episode bleiben.

Und so wirkt "Aller Liebe Anfang" seltsam hybrid. Was Hermann in diesem Buch gelingt, gelang ihr schon vor 16 Jahren. "Sommerhaus später" löste eine Welle von Judith-Hermann-Plagiaten aus. Deren Autorinnen sind heute größtenteils vergessen. Auch weil sie ähnliche Fehler gemacht haben wie die, die Judith Hermann in diesem Roman macht: Wer allein mit den Mitteln von Reduktion und Ästhetisierung von der Welt zu erzählen versucht, macht sie possierlicher, als sie ist.

Ein Thema wie Stalking in seiner Komplexität und in seinem Schrecken zu erfassen, ist da kaum möglich.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.