Porträt von Judith Kerr "Ich hatte so ein unglaublich glückliches Leben"

Ihr Vater war der Kritiker der Weimarer Republik, sie selbst lehrte Kinder zu begreifen, was Nationalsozialismus bedeutet. 2016 besuchte der SPIEGEL Judith Kerr in London. Lesen Sie den Bericht - anlässlich ihres Todes mit 95 Jahren.

Autorin und Zeichnerin Kerr
Olivier Hess/ DER SPIEGEL

Autorin und Zeichnerin Kerr

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Der folgende Artikel erschien im SPIEGEL 37/2016. Wir zeigen ihn anlässlich des Todes von Judith Kerr in unveränderter Form.

Den schönsten Satz sagt Judith Kerr an diesem sonnigen Vormittag in London ganz nebenbei: "Ich hatte überhaupt so ein unglaublich glückliches Leben." Kerr ist 93 Jahre alt, doch sie wirkt 10, 15 Jahre jünger. Darf man einer Dame, die auf die hundert geht, ein solches Kompliment machen? Kerr lacht. Es ist ein tiefes, rollendes Lachen. "Ich arbeite viel", sagt sie, "das hilft."

Sie lebt in einem viktorianischen Reihenhaus südlich der Themse, das sie vor langer Zeit mit ihrem Mann Nigel Kneale bezogen hat. Nichts Herrschaftliches, sondern eher das Abbild ihres Lebens. Eine verwitterte Gartenpforte; ein Sofa, auf dem schon viele gesessen haben; an den Wänden hängen Erinnerungen, Bilder, die ihre Tochter Tacy gemalt hat, Fotos, die ihren Sohn Matthew auf Weltreise zeigen.

Als die beiden noch Kinder waren, Anfang der Siebzigerjahre, beschloss Judith Kerr, dass sie ihrem Sohn und ihrer Tochter von damals erzählen müsse. Von ihrer eigenen Kindheit, von ihrer Flucht aus Deutschland, von ihren Erlebnissen im Exil. Sie wollte beiden Kindern auch eine Erinnerung an die verstorbenen Großeltern mitgeben, an Julia und Alfred Kerr.

Bevor sie ihre Geschichte aufschrieb, erzählte sie ihrem Mann, der Drehbuchautor war, was sie schreiben wollte.

Das Buch sollte im Winter Anfang 1933 in Berlin beginnen, im Haus in der Douglasstraße, in dem es ein rotes Zimmer gab, mit einem ausgestopften Seehund darin, und einen Salon mit einem Blüthner-Flügel, auf dem ihre Mutter spielte und komponierte. Sie erzählte von ihrem Vater, der Grippe hatte und deshalb ausnahmsweise mal nichts schrieb, von der Rodelbahn im Grunewald – und dass ihr Vater eines Morgens nicht mehr da war. Verschwunden nach Prag. In der Schule mussten sie und ihr Bruder Michael behaupten, der Vater sei noch krank.

Die Mutter begann zu packen; der Abschied vom Hausmädchen Fräulein Heimpel; die Zugfahrt in die Schweiz; aber dort dann das Wiedersehen mit dem Vater. Sie hatte ihrem Mann noch gar nicht von dem prächtigen Sommer in Küsnacht am Zürichsee erzählt und auch nicht von der Ankunft der ganzen Familie gut ein Jahr später in Paris. Paris! Der Blick vom Arc de Triomphe, "als stände sie im Mittelpunkt eines riesigen, funkelnden Sterns". Ihr Mann sagte: "Du kannst nicht nur darüber schreiben, wie interessant deine Kindheit war. Hitler muss auf der ersten Seite stehen." Hitler, den hätte Judith Kerr beinahe vergessen. "Ich habe ihn dann auf die zweite Seite genommen."

Zu Beginn des Gesprächs hatte Judith Kerr vorgeschlagen, deutsch zu sprechen. "Ich habe nicht so oft die Möglichkeit, und ich spreche gern deutsch." 83 Jahre sind vergangen, seit sie das Land verlassen musste, doch ihr Deutsch ist lebendig, ohne jeden Akzent, und im Laufe der zweistündigen Begegnung fehlt ihr nur zwei-, dreimal das passende Wort. Der Begriff "Holz hacken" fällt ihr nicht ein, als sie davon erzählt, dass sie Zweifel beschlichen, nachdem sie das Manuskript ihres Buches fertiggestellt hatte. "Wissen Sie, in Kinderbüchern ist es ja meist so, dass Eltern Helden sind. Wenn furchtbare Schwierigkeiten auftauchen, können die Eltern alles lösen, meist sind sie geschickt, die Mutter kann Kleider nähen und kochen, und der Vater kann Holz hacken und Feuer machen. Meine Eltern waren doch ganz anders. Und ich dachte mir, darf ich das überhaupt schreiben?"

Sie gab ihrem Buch den Titel "When Hitler Stole Pink Rabbit", denn sie hat es auf Englisch geschrieben. Nicht nur ihre Kinder Tacy und Matthew haben durch diese Geschichte von den Anfängen der Nazizeit erfahren und vom Schicksal der aus Deutschland vertriebenen Juden. "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" ist eines der besten Jugendbücher, die jemals geschrieben wurden. Sieben Millionen Mal hat sich der autobiografische Roman bis heute verkauft. Ergreifend und klar erzählt Kerr, wie sich die Katastrophe der Zeit in das Leben einer jüdischen Familie gräbt. Das Buch kommt ohne Pathos aus, für viele junge Leser begann durch diese Lektüre die Auseinandersetzung mit der Nazizeit.

Cover von "When Hitler Stole Pink Rabbit", 1971
Kerr Kneale Productions Ltd

Cover von "When Hitler Stole Pink Rabbit", 1971

Nachdem der Roman 1973 in Deutschland erschienen war, wurde Kerr zu Lesungen und Gesprächen eingeladen. Bis heute erinnert sie sich an ein junges Mädchen, das sich zu Wort meldete und fragte: Was ist ein Konzentrationslager? Kerr erkannte am Blick des Mädchens, dass es die Antwort genau wusste. "Sie wollte, dass ich vor ihrer Mutter von Konzentrationslagern spreche. Seltsam war das."

Es war nie Kerrs Absicht, Einfluss auf die Erziehung und das Denken jüngerer Generationen zu nehmen. Die Rolle der erzählenden Zeitzeugin ist ihr zugewachsen, sie hat sie akzeptiert, auch wenn ihr die Fragen zur Vergangenheit manchmal zu viel werden. Immer wieder die Nazis.

Eigentlich sei sie Zeichnerin und Illustratorin, in England ist Judith Kerr bekannt für den Bilderbuch-Klassiker "Ein Tiger kommt zum Tee" und für die Figur des Katers Mog, über dessen Abenteuer sie verschiedene Geschichten gezeichnet hat. Nun veröffentlicht Kerr in Deutschland ein neues Kinderbuch, sie hat es geschrieben und illustriert, "Ein Seehund für Herrn Albert" heißt es, die Widmung lautet: "Für meinen Vater, auf dessen Balkon einmal ein Seehund wohnte".

Dass Judith Kerr die Tochter Alfred Kerrs ist, des Schriftstellers und Feuilletonisten, der im Berlin der Zwanzigerjahre mit einem einzigen Artikel Karrieren beginnen oder beenden konnte, hat andere immer mehr beeindruckt als sie selbst. Mit Gelassenheit nimmt sie hin, dass alles, was sie schreibt und sagt, immer auch als Ergänzung zu seinem Leben betrachtet wird. Doch im Laufe der Jahre ist es ihr zu einer Herzensangelegenheit geworden, die Erinnerungen an ihren Vater wachzuhalten. Er starb 1948 in Hamburg, wo er zum ersten Mal nach dem Krieg wieder eine deutsche Theateraufführung besucht hatte.

Judith Kerr war eine Vatertochter, die Nähe zu ihm war größer als die zu ihrer Mutter, sein Einfluss auf sie war prägender. Sie erinnert sich gut, wie er einmal eine Tierzeichnung von ihr mit den Worten lobte: "Für mich ist das das Lamm aller Lämmer." Es hat sie ermuntert und bestärkt, dass er sagte: "Du hast Talent." Aber sie war eben seine Tochter, kaum zehn Jahre alt, Anfang 1933, während der letzten Monate in Berlin, gerade mal Teenager, als die Familie Ende 1935 von Paris nach London zog. Der berühmte Alfred Kerr erhielt im Exil so gut wie keine Aufträge mehr und war in großer finanzieller Bedrängnis.

Sie hat das Leben damals nur aus kindlicher Perspektive wahrgenommen. Manchmal hat sie ihren Vater nachts gehört, der unruhig schlief und unruhig träumte, sie wollte ihm helfen, aber über die Ursachen seiner Albträume habe sie sich keine Gedanken gemacht.

Später hat sie verstanden, wie sehr ihre Eltern sich bemühten, die grenzenlose Not der Familie vor den Kindern zu verbergen. "Mein Bruder und ich, wir fanden es wunderbar in der Schweiz, in Paris. Erst scheint es, man versteht kein Wort von dem, was jemand sagt, und plötzlich kann man diese Sprache sprechen, und es ist eine wunderbare Sprache. Ganz anders als Deutsch. Diese Erfahrung. Es war so interessant. Ich soll zu meinem Vater gesagt haben: ,Ist es nicht herrlich, Flüchtling zu sein?'"

Familie Kerr um 1926
Kerr Kneale Productions Ltd

Familie Kerr um 1926

Doch als die Familie nach England kam und die wirtschaftliche Situation auch hier nicht besser wurde, verließ Julia und Alfred Kerr die Kraft; die wachsende Hoffnungslosigkeit war nun auch für die Kinder zu spüren.

In diesem Herbst erscheint ein mehr als 600 Seiten umfassendes Buch über Alfred Kerr, sein Titel lautet schlicht: "Alfred Kerr. Die Biographie". Die Autorin Deborah Vietor-Engländer hat Briefe, Kritiken, Reden, Manuskripte und Verse Kerrs zusammengetragen. Eindringlich belegen die Texte, wie sehr Kerr sein Dasein als streitbarer Feuilletonist in Berlin genoss; wie früh er verstanden hat, welche brutale Kleingeistigkeit die Nazis antrieb; wie bodenlos sein Absturz war, nachdem er Deutschland verlassen musste.

Aus der Zeit in Paris 1934/35 gibt es Dokumente, die zeigen, dass die Neugier, mit der das Mädchen Judith die ersten Jahre der Flucht erlebte, auf ihren Vater zurückgeht. Auf die Haltung, mit der er dem Schicksal Exil begegnete. Alfred Kerrs wichtigstes Vermächtnis an seine Tochter war offensichtlich Lebensmut. "Haben wir die Pflicht, traurig zu sein – bloß weil inDeutschland traurige Burschen am Ruder sind? Blüht uns schon der Nachteil der Verbannung: Da sollen wir auch noch ,Verbannung' repräsentieren? Nicht im Traum!" An Albert Einstein gerichtet schreibt Kerr: "Ich möchte jedoch (der Kinder wegen, wovon die Tochter so vieles verspricht) ungern versinken." Ein anderes Mal –auch in Paris –notiert er: "Am wenigsten betroffen bin ich selber: weil ich das nicht will." Doch dieser Wille wurde während der Jahre in England auf eine sehr harte Probe gestellt.

Judith Kerr hat die Biografie gelesen, und obwohl sie manche Quellen schon vorher kannte, fand sie die Lektüre "erschütternd". "Ich habe nicht gewusst, dass mein Vater im Exil zum ständigen Bittsteller wurde."

Dass Alfred Kerr ein verantwortungsvoller Vater war, der versuchte, seine Kinder, so gut es ging, gegen die katastrophalen Erfahrungen des Exils abzuschirmen, ist ein Wesenszug, von dem niemand wüsste ohne die Erzählungen seiner Tochter. Auch wenn die Recherchearbeit der Biografin Vietor-Engländer beeindruckend ist, die Fülle an Material, die sie zusammenträgt – nach der Lektüre erscheint Kerr als intellektueller Egozentriker, wirklich lebendig wird er zwischen den vielen Zeilen nicht. Judith Kerr ist die Stimme, die von seinen menschlicheren Seiten erzählt.

Nun hat sie eine Art Alterswerk vorgelegt, das nicht nur ihrem Vater gewidmet ist, sondern dessen Hauptfigur auch seine Züge trägt. Sie hat die Geschichte in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg angesiedelt: Albert Cleghorn, ein ehemaliger Kioskbesitzer, dem die Tage im Ruhestand endlos lang erscheinen, entschließt sich, zu seinem Vetter William an die See zu fahren. Bei einem Bootsausflug nimmt Albert einen jungen, verwaisten Seehund an Bord, fest entschlossen, das junge Tier zu retten. Albert fährt zusammen mit dem Seehund zurück in die Stadt, die Zugfahrt verbringen sie in einem Gepäckwagen.

Im Nachwort zu dem Buch erzählt Judith Kerr, dass die Geschichte bis zu diesem Punkt einer Begebenheit aus dem Leben ihres Vaters gleicht. Nach einem Aufenthalt in der Normandie brachte auch Kerr einst einen Seehund mit nach Berlin, fütterte ihn mit Milch und hielt ihn einige Tage auf dem Balkon seiner Wohnung. Als der Berliner Zoo ablehnte, den Seehund zu übernehmen, musste er eingeschläfert werden. Kerr ließ den toten Seehund präparieren, später saß er auf dem Boden des roten Zimmers in der Douglasstraße. Manchmal hat Judith Kerr ihn gestreichelt. Im Sommer 1933 wurde der ausgestopfte Seehund, wie nahezu alle Besitztümer der Familie Kerr, von den Nazis beschlagnahmt.

Judith Kerr sagt, sie wisse nicht, warum sie im hohen Alter nun diese Erzählung geschrieben und auch illustriert habe. "Obwohl ich die Geschichte immer kannte, habe ich eigentlich nie daran gedacht, darüber ein Buch zu machen." Es ist eine Erzählung geworden, die nichts mit Hitler zu tun hat, nichts mit Flucht und nichts mit dem Krieg.

Das Buch liegt ihr besonders am Herzen. Sie wird sich noch einmal nach Berlin aufmachen, um es dort vorzustellen. Über Berlin sagt sie, dass ihr die Stadt heute wieder gefalle. Und doch bleibt sie immer nur kurz, höchstens ein oder zwei Nächte, dann zieht es sie zurück nach London. "Ich fühle mich wohler, wenn ich wieder zu Hause bin."

Vor vielen Jahren hat ihr Mann sie überredet, länger in Berlin zu bleiben und ihm die Orte ihrer Kindheit zu zeigen. Das Haus in der Douglasstraße sei heute doppelt so groß wie früher, aber die Eingangstreppe, die sei noch dieselbe. Sie hat ihrem Mann auch den Bahnhof Grunewald gezeigt, weil sie oft mit ihrem Bruder hinging, um die Nummern von Zügen zu notieren. "Wir haben das gern gemacht, ich weiß nicht, warum." Als sie mit ihrem Mann an den Bahnhof kam, wies eine Tafel darauf hin, dass Zehntausende Juden von Grunewald aus deportiert wurden.

"England ist vollkommen meine Heimat", sagt Judith Kerr. Seit über 80 Jahren lebt sie in diesem Land, über fünf Jahrzehnte war sie "wunderbar glücklich" verheiratet. Ihr Mann starb vor zehn Jahren, seitdem ist die Arbeit ihr Trost, seitdem kann sie jeden Tag in der Woche so viele Stunden arbeiten, wie sie möchte. Im vergangenen Winter waren Judith Kerr und der von ihr erfundene Kater Mog die Stars eines Weihnachts-Werbespots der Firma Sainsbury's. So vieles ist geschehen, seit sie Deutschland verlassen musste. Was für ein langes Leben. Was für ein Leben.

Claudia Voigt, geboren 1966, arbeitet seit fast zwanzig Jahren für den SPIEGEL. Sie erinnert sich noch gut daran, wie sie zum ersten Mal Judith Kerrs Roman "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" las. Damals war sie etwa zehn Jahre alt. Die Lebensfreude, die aus dem Buch spricht, obwohl es darin um Flucht und Exil und Faschismus geht, hat sie schon als Kind beeindruckt. Vor einigen Jahren nahm sie das Buch wieder zur Hand, um es ihrem Sohn vorzulesen. Seitdem hatte sie den Wunsch, Judith Kerr persönlich zu treffen. Als sie der 93-Jährigen in deren Haus in London gegenüberstand, war sie gerührt und verstand, wie prägend Judith Kerrs Geschichte für ihr eigenes Leben war.



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