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23. Mai 2019, 20:28 Uhr

Zum Tod von Judith Kerr

Ihr rosa Kaninchen siegte über Hitler

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Bücher, die Teil des eigenen Lebens wurden: Judith Kerr schrieb Jahrhundertliteratur, die ein Fenster in die Vergangenheit öffnet und gegen rechte Versuchungen immunisiert.

Judith Kerr setzte der Todessehnsucht der Nationalsozialisten nicht nur ein langes, mit Freude gelebtes Leben entgegen, sondern ebenso ihre Arbeit als Autorin und Illustratorin. Die britische Presse stellte vor allem ihr Kinder-Erfolgsbuch über den "Tiger, der zum Tee kam" in den Fokus der Nachrufe, denn ihr Werk bestand längst nicht nur aus ihren Erinnerungsbüchern, sondern umfasste ein breites Spektrum an Themen, Stilen und Ideen.

In Deutschland aber wurde sie für die Trilogie ihrer Erinnerungen bekannt und verehrt. Als im Jahr 1973 ihre Jugendbiografie unter dem Titel "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" in der Übersetzung von Annemarie Böll auf Deutsch erschien, war die Aufarbeitung der Nazizeit noch in ihren Anfängen. Der Massenmord an den europäischen Juden hatte noch keinen Namen und war zu vielen kein Begriff.

Eine Mehrheit hielt die Judenverfolgung für ein obskures Geschehen im Osten, eine Kriegstat unter vielen, von der die deutsche Wehrmacht und die deutsche Bevölkerung nichts wussten. Nach der Lektüre des Buchs war das so einfach nicht mehr möglich, schließlich verschwand die Familie Kerr, der Vater war ein prominenter Theaterkritiker und Publizist, mitten aus Berlin.

Judith Kerr hat es verstanden, ihre einmalige literarische Fähigkeit und ihre Erinnerungen so zu verbinden, dass ein aufklärerisches Jahrhundertbuch entstand. Wie das Tagebuch der Anne Frank und "Mein Leben" von Marcel Reich-Ranicki gehört es zu jenen Meisterwerken, die nicht nur Alltag und Geist der Dreißiger- und Vierzigerjahre vermitteln und so gegen jede rechte Versuchung immunisieren. Darüber hinaus transzendieren sie durch ihre überragende literarische Qualität auch die Zeiten.

Aufklärerische Ordnung mit den Mitteln der Literatur

Es sind Bücher, die Teil des eigenen Lebens werden. Jede Leserin und jeder Leser, jeder, der die Verfilmung sah, begleitete die ungewöhnliche Familie Kerr auf ihrer Flucht durch Europa. Dabei steht der Naziterror gar nicht im Vordergrund. Es sind die Neugier, die Lebensfreude und die Genauigkeit der Beobachtung, die das Publikum in den Bann ziehen.

Die politische Botschaft wird deutlich, indem die damals mit totalem Anspruch und unkontrollierter Macht agierende Politik in den Hintergrund der Erzählung treten muss. Das Subjekt, in diesem Fall ein junges Mädchen, wird zur wichtigsten Person des Jahrhunderts. So hat Judith Kerr, die jetzt verstorben ist, die Dinge mit den Mitteln der Literatur wieder in eine aufklärerische Ordnung gerückt: Hitler ist weniger wichtig als ein rosa Kaninchen.

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