Judith Kuckarts "Dass man durch Belgien muss zum Glück" Ein Wunschkind, das nie geboren wurde

Jene Vagheit, die das Leben mit sich bringt: Judith Kuckart erweist sich in ihrem neuen Roman als unangestrengte Erzählerin - es sind die kurzen Begegnungen, die uns Glück verheißen.

Judith Kuckart: Meisterin darin, flüchtige Momente einzufangen
Laima Chenkeli

Judith Kuckart: Meisterin darin, flüchtige Momente einzufangen


Eine Nacht verbringt der 18-jährige Leonhard mit der fremden Frau, die er am Neujahrsmorgen schlafend in der Diele seines Elternhauses findet. Wie ist sie hierhergekommen? Warum trägt sie eine grüne Polizeiuniform? Als sie einen Tag später mit dem Bus verschwindet und auf diese Weise den Polizisten in den blauen, den richtigen Uniformen, entkommt, hinterlässt sie einen glücklichen Teenager und einige offene Fragen.

Die Schriftstellerin Judith Kuckart ist eine Meisterin darin, flüchtige Momente einzufangen. Ihr Roman "Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück" erzählt von kurzen Begegnungen, die tiefen Eindruck hinterlassen. In elf Kapiteln entwickelt Kuckart einen Reigen, dessen Figuren auf vielerlei Weise miteinander verbunden sind, aber wie es ihrem Stil entspricht, überlässt sie es dem Leser, welche Entdeckungen er macht, die Prosa von Judith Kuckart drängt sich niemals auf.

Die fremde Frau aus der Diele taucht später wieder auf, sie heißt Katharina und ist eine Schauspielerin ohne Engagement, die Polizeiuniform aus dem Theaterfundus ermöglicht es ihr, kostenlos mit dem Zug zu fahren. Für einige Sommermonate zieht Katharina in die Berliner Wohnung einer Freundin. Sie hat keine Familie und ist über 40 Jahre alt, manchmal aber erzählt sie von einer Tochter namens Ronja. Warum sie das tut? Das ist eine der vielen offenen Fragen, mit denen der Roman gespickt ist, und die dem Leser nach der Lektüre im Kopf bleiben.

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  • Judith Kuckart:
    Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück

    DuMont Buchverlag; 250 Seiten; 19,99 Euro.

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Ein Wunschkind, das nie geboren wurde, begleitet auch die Bäckerei-Verkäuferin Wanda, mit der Katharina den Berlin-Sommer lang zusammen Kuchen und Kaffee verkauft. Später begegnet Katharina Joseph, den ein noch größeres Geheimnis umgibt als sie selbst, und der ihrer Schwester Bea mal Klavierunterricht gegeben hat. Aber das erfährt nur der Leser. Judith Kuckart hat dieses Buch klug und raffiniert konstruiert, doch niemals merkt man ihrer Literatur irgendwelche Anstrengungen an. Vielmehr vermittelt sich jene Vagheit, die das Leben mit sich bringt, und in der alle Hoffnungen und alle Ängste wurzeln.

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