Jüdischer SS-Offizier Scherwitz "Ein Mann wie Schindler"

Er war KZ-Leiter in Riga, hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Jude ausgegeben und als Betreuer von Nazi-Opfern Karriere gemacht. Bis er als Kriegsverbrecher verurteilt wurde. Die Journalistin Anita Kugler erzählt in ihrem Buch "Scherwitz. Der jüdische SS-Offizier" die Geschichte von Fritz Scherwitz alias Eleke Serewitz.


 Die Autorin in ihrer Berliner Wohnung: Anita Kugler ist Historikerin und Journalistin. Bei der "taz" war sie viele Jahre für zeitgeschichtliche Themen und das politische Buch zuständig. Kugler ist deutsch-baltischer Herkunft
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Die Autorin in ihrer Berliner Wohnung: Anita Kugler ist Historikerin und Journalistin. Bei der "taz" war sie viele Jahre für zeitgeschichtliche Themen und das politische Buch zuständig. Kugler ist deutsch-baltischer Herkunft

SPIEGEL ONLINE:

Frau Kugler - ein jüdischer SS-Offizier - wie sind Sie auf diese unglaubliche Geschichte gestoßen?

Anita Kugler: Ich war Redakteurin bei der "taz" und habe 1995 ein Dossier über die Nürnberger Prozesse betreut. Eines der ersten Urteile, das von einem deutschen Gericht gefällt wurde, war das Urteil gegen einen Eleke S., Jude, SS-Unteroffizier, KZ-Kommandant - so stand es im Urteil. Ihm wurde zur Last gelegt, drei jüdische Häftlinge seines Lagers erschossen zu haben. Strafverschärfend wurde ihm angelastet, dass er moralisch besonders verwerflich gehandelt habe, weil er als Jude eigene "Rassegenossen" getötet haben soll. Heißt das, es ist nicht so schlimm, wenn ein Katholik Juden tötet? Ich finde das hoch antisemitisch und dachte, ich lese nicht richtig. Als ich dann ein paar Jahre später auf den Aufsatz eines Rigaer Juden mit dem Titel "Der jüdische SS-Offizier" stieß, dachte ich: eine tolle Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Mensch war Fritz Scherwitz?

Kugler: Er war ein unmoralischer Moralist. Er hatte eine Parteilichkeit für die kleinen Leute. Das waren die Heimatlosen in seiner Freikorpszeit, in der NS-Zeit waren es die Juden, in der Nachkriegszeit die Flüchtlinge. Er war ein Hochstapler, er hatte eine kriminelle Energie, die er in Riga zugunsten der Häftlinge eingesetzt hat und nach dem Krieg zugunsten der Flüchtlinge. Ein Zeitzeuge hat gesagt, dass ein Bonhoeffer das, was Scherwitz getan hat, niemals hätte machen können. Er brauchte in einem kriminellen System kriminelle Energie. Er hat gelogen und gestohlen und sich persönlich bereichern wollen, er war eitel und selbstbesoffen. Er ist sicherlich kein Jesus Christus gewesen. Er hat selbst profitiert - in Riga war er der, der er immer sein wollte - ein erfolgreicher Betriebsleiter. Jemand, der Gnade geben kann.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist er 1933 in die SS eingetreten?

Kugler: Das zum Beispiel verstehe ich nicht. Es ist nicht zu beweisen, dass er Jude war. Auf jeden Fall war er jemand, der keine Bindungen hatte - ein verlorener, völlig unbürgerlicher Mensch. Jemand, der gerne jemand sein wollte. Wenn er nicht Jude war, dann ist er aus Opportunismus in die SS gegangen, weil er vielleicht gehofft hat, dank der SS eine Stelle zu bekommen. Wenn er Jude war - wofür sehr viel spricht und was er erst nach dem Krieg gesagt hat - dann war das ein unvergleichliches Vabanquespiel. So etwas kennt man nicht - dass ein Jude in die Wehrmacht gegangen ist, ja - aber nicht in die SS. Dann ist es eine Überlebensgeschichte.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie die Geschichte auch geschrieben, wenn es den Verdacht, dass Scherwitz Jude war, nicht gegeben hätte?

Kugler: Selbstverständlich. Es gab nicht viele, die eine Insel der Menschlichkeit im mörderischen System der Nazis geschaffen haben. Scherwitz ist ein Beispiel dafür, dass man selbst in den schwierigsten Situationen hat helfen können - Schindler ist das andere. Die Bedingungen, unter denen Scherwitz das getan hat, waren viel schwieriger: Er war Leiter eines von der SS geführten Lagers. Schindler führte seinen eigenen Betrieb - eine Fabrik, die ihm gehörte. Ich kenne kein mit Scherwitz und Schindler vergleichbares Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Scherwitz in Gefahr begeben, um Menschenleben zu retten?

Kugler-Buch "Scherwitz. Der jüdische SS-Offizier": "Er hat die Leute mit seiner jüdischen Geschichte erpresst"

Kugler-Buch "Scherwitz. Der jüdische SS-Offizier": "Er hat die Leute mit seiner jüdischen Geschichte erpresst"

Kugler: In vielen Fällen. Er hat Frauen aus der Schlange holen lassen, die auf dem Weg zur größten Erschießungsstätte nach Rumbula waren. Dort wurden 1941 28.000 Menschen erschossen - vor allem Frauen und Kinder. Als am Abend vor Beginn der Erschießung die Menschen im Rigaer Ghetto aussortiert wurden, hat er die Arbeiter seiner Werkstätten eingesperrt, damit sie nicht zurück ins Ghetto konnten, wo sie dann ausgewählt worden wären, um am nächsten Tag erschossen zu werden. Er hat die Menschen über eine Woche eingesperrt, hat Essen und Matratzen für sie geholt. Er hat sich nach oben abgesichert, indem er in dieser korrupten und eitlen Gesellschaft Korruptionsgüter lieferte. Man konnte Intrigen schmieden - das hat Scherwitz gemacht. Er hat nach oben geschmiert, hat seine Arbeiter unverzichtbar gemacht und sich natürlich auch.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle hat Scherwitz 1941 bei den Massenerschießungen von Rumbula gespielt?

Kugler: Vielleicht war er beteiligt, vielleicht auch nicht. An den Erschießungen direkt, bei den Bewachungen auf dem Weg oder im Ghetto war er auf keinen Fall dabei. Es gibt eine Zeugenaussage von 1945, die besagt, dass er in der Nacht nach den Erschießungen gewirkt hätte wie betrunken. Sein Gesicht sei gerötet gewesen, er habe gestammelt, war vollkommen wirr. Die Zeugin hatte ihn gefragt: "Herr Scherwitz, was ist mit ihnen los?" Und er soll geantwortet haben: "Schreckliches ist geschehen. Das wird die Welt nicht glauben."

SPIEGEL ONLINE: Scherwitz ein Menschenretter - wie erklären Sie sich dann, dass er drei Juden auf der Flucht erschossen haben soll? Dafür wurde er nach dem Krieg ja verurteilt.

Kugler: Scherwitz hat die Juden nicht erschossen - davon bin ich überzeugt. Aber es ist nicht zu beweisen. Ich komme zu diesem Schluss, weil ich sein Wesen kenne. Scherwitz war alles andere als ein Sadist. Er war sehr ruhig, alle Zeugen sagen immer, er sei auch in den schwierigsten Situationen nie aus der Haut gefahren. Er hat in seinem Lager Menschen flüchten lassen - warum soll nun ausgerechnet er geschossen haben? Mit einem der Opfer ist er befreundet gewesen. Es gibt nur einen Belastungszeugen, der viermal vereidigt worden ist und sich viermal widersprochen hat. Zudem ist unklar, ob er zu dem Zeitpunkt überhaupt noch im Lager gewesen ist. Ich war in der Fabrik, von dort aus, von wo er angeblich geschossen haben soll - das geht gar nicht. Das Gericht hat ihn zum Mörder gestempelt - er ist es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Menschen, die Scherwitz gekannt haben, über ihn erzählt?

Kugler: Wieder ein Punkt, der mich vollkommen fasziniert hat. Die gleichen Zeugen, die ihn 1949 beim Prozess belastet und ihn als Mörder, Ausbeuter und Schläger hingestellt haben, sagen heute, sie hätten ihr Leben nur Scherwitz zu verdanken und er hätte hunderten Menschen das Leben gerettet. Er sei ein großer Sohn des jüdischen Volkes.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das sein?

Kugler: Man hatte direkt nach dem Krieg sonst niemanden: Die großen Mörder waren zum Teil entwischt oder gefallen, und er war der erste, den man hatte. Es war ein Racheurteil. Man hat ihm falsche Sachen angelastet - ein Urteil der Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie nah sind Sie dem Menschen Scherwitz beim Schreiben gekommen?

Kugler: Ich bin mir heute noch nicht sicher, glaube aber, ich finde Scherwitz nicht sympathisch. Aber ich bin fasziniert von ihm. Er ist für mich mehr als ein Einzelfall - er ist der Mann in seiner Zeit. Er repräsentiert die Irrungen, Verrücktheiten und Katastrophen eines halben Jahrhunderts. Ich habe immer versucht ihn zu verstehen und bin ihm in den Details bis unter die Bettdecke nach gekrochen: Ich kann seine Geliebten aufzählen. Als Frau hätte ich sicherlich wie alle Frauen auf dem Boden gelegen. Er sah gut aus, er war wirklich charmant, er hatte ein Charisma, war auf eine Weise völlig gewissenlos - in der Nazizeit und in der Nachkriegszeit.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jemals Mitleid mit ihm gehabt?

Kugler: Nein, Mitleid nicht. Ich war aufgebracht über das Urteil. Ein demokratisches Gericht hat nicht unabhängig von Rasse oder Religion entschieden. Ich habe aber alle Empörung aus dem Buch gelassen. Man darf auch nicht vergessen: Es war eine Unverfrorenheit erster Güte, dass sich Scherwitz nach dem Krieg zum jüdischen Opfer stilisiert hat. Er gab ja an, Häftling gewesen zu sein, und hat es hemmungslos ausgenutzt, dass er angeblich Jude war. Er hat die Leute mit seiner jüdischen Geschichte erpresst.

SPIEGEL ONLINE: War das nicht nach dem Krieg seine einzige Möglichkeit?

Kugler: Ja, diese Frage stelle ich auch in meinem Buch. Was hätte er machen können? 1946 war die Vorstellung, dass ein Jude SS-Offizier war, unmöglich. Das hätte alles relativiert, alles wäre gleichgemacht worden. Wenn er gesagt hat, er sei Jude, dann musste er ein Verfolgter sein - anders ging es nicht. Es gab kein Dazwischen in dieser Zeit, es gab nur Schwarz und Weiß.

Interview: Anna Reimann

Anita Kugler: Scherwitz. Der jüdische SS-Offizier, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2004, 758 Seiten, 29,90 Euro



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