Jugendgewalt in Büchern Wenn Realität und Literatur kollidieren

Keine Gnade mit dem Opfer, auch wenn es auf dem Boden liegt: Jugendgewalt war eines der wichtigsten Medienthemen der letzten Wochen. Doch wie sieht es bei Jugendbüchern aus? Sehen sich die Verlage in der Pflicht, auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren? Wir haben nachgefragt.
Von Barbara Bollwahn
Bewachte Schule in Berlin: "Literatur kann ein leichterer Zugang sein"

Bewachte Schule in Berlin: "Literatur kann ein leichterer Zugang sein"

Foto: Sebastian Willnow/dapd

Sie heißen "Ich knall euch ab!", "Die Outsider", "Du bist der Nächste", "Knallhart", "Wish u where dead", "Die Wut", "Evil. Das Böse", "Ghetto Kidz", "Dann eben mit Gewalt", "Mit voller Wucht", "Der Tag, an dem ich starb". Schon die Titel dieser Jugendromane machen klar, dass es um Gewalt geht - in der Schule, zu Hause, auf der Straße, im Internet.

Brutale Schlägereien, Amokläufe, Schulmassaker, das personifizierte Böse sind schon lange Thema in der Jugendliteratur - nicht erst, seit die Medien das Thema entdeckt haben. Doch die aktuellen Ereignisse scheinen dem Komplex neue Dringlichkeit zu geben: In Berlin ist es in den vergangenen Monaten wiederholt zu Übergriffen von gewalttätigen Jugendlichen auf U-Bahn-Nutzer gekommen. Vor allem seitdem ein 18-Jähriger am Osterwochenende einen Passanten am U-Bahnhof Friedrichstraße mit Fußtritten gegen den Kopf schwer verletzte, diskutieren Politiker, Richter und Sozialarbeiter über den Umgang mit brutalen Jugendlichen. Sehen sich die Jugendbuchverlage in der Verantwortung, diese Art von Gewalt zu thematisieren?

Für den Vorsitzenden der "Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V." (avj), dem Fachverband für Kinder- und Jugendbücher, dem 93 Verlage angehören, übertreffen die aktuellen Fälle die in der Literatur beschriebene Gewalt. "Die Realität ist schockierender als das, was man sich ausdenkt", sagt Ulrich Störiko-Blume, Lektor beim Bastei Lübbe Verlag. Er ist sicher, dass die aktuellen Phänomene Eingang in der Jugendliteratur finden werden. "Einfach, weil es das Faszinosum des Bösen gibt." Letztlich seien Bücher aber ein langsames Medium und nicht dafür geschaffen, kurzfristig zu reagieren.

Kein Druck durch die aktuelle Nachrichtenlage

Wie es gelingen kann, die Realität in ein eindrucksvolles Buch zu übersetzen, hat Andres Veiel gezeigt. 2008 wurde sein Sachbuch "Der Kick. Ein Lehrstück über Gewalt" beim Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. In Gesprächsprotokollen verarbeitet der Autor und Regisseur einen besonders brutalen Fall von Jugendgewalt, bei dem ein 16-Jähriger als "Untermensch" stundenlang von drei rechtsextremen Jugendlichen gefoltert und gezwungen wurde, in die Kante eines steinernen Schweinetrogs zu beißen, während einer der Täter auf seinen Kopf sprang, wie in einer Szene des Filmes "American History X". Danach wurde der leblose Körper in einer Jauchengrube versenkt und erst Monate später gefunden. "Kick" wurde als Theaterstück aufgeführt und verfilmt.

Diese mediale Verarbeitung eines tatsächlichen Verbrechens bleibt aber die Ausnahme in der Jugendliteratur. Der Ravensburger Verlag sieht sich ganz klar in der Verantwortung, gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen. Die verlegerische Geschäftsführerin Ulrike Metzger verweist auf Bücher wie "Böser Bruder, toter Bruder", ein Buch über einen Amoklauf, "Die Wut", eine Mobbing-Geschichte, und "Der Tag, an dem ich starb" über eine brutale Schulgang. Aber es sei nicht so, dass Bücher aufgrund der aktuellen Nachrichtenlage entstünden.

Nur ungern erinnert sich Metzger daran, was kurz nach Erscheinen von "Ich knall euch ab!", der deutschen Übersetzung des Jugendromans "Give a Boy a Gun" des US-amerikanischen Schriftstellers Morton Rhue, passierte. In dem Buch werden zwei Außenseiter an ihrer Schule gedemütigt und terrorisiert und fassen den Plan, es ihren Mitschülern und Lehrern - nach dem Vorbild der Amokläufer von Littleton - heimzuzahlen. Drei Monate nach Erscheinen des Buches in Deutschland gab es den ersten Amoklauf an einer Schule in Deutschland. Im April 2002 erschoss der 19-jährige Robert Steinhäuser 16 Menschen am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt und sich selbst. "Damals gerieten wir ins Kreuzfeuer der Kritik", sagt Ulrike Metzger, "weil uns unterstellt wurde, wir hätten das Buch deshalb auf den Markt gebracht". Dabei habe das Thema "schon länger in der Luft gelegen".

Trotzdem sind Bücher und Nachrichten eng verknüpft: Die Nachfrage nach Büchern zum Thema Jugendgewalt hängt nämlich stark von aktuellen Ereignissen ab. "Ich knall euch ab!" sei 2009 nach dem Amoklauf in Winnenden stark bestellt worden, berichtet Metzger. Die Realität sei manchmal zu schrecklich, um darüber in den Schulen zu reden. Literatur könne ein leichterer Zugang sein.

Gedichte und Raps zum Thema Gewalt

Die Lektorin Anke Thiemann von der Sparte dtv junior des Deutschen Taschenbuchverlags (dtv), sagt: "Wir nehmen aktuelle Ereignisse und Phänomene natürlich wahr und reagieren darauf." Sie führt zum Teil vor vielen Jahren erschienene Jugendbücher an wie "Die Outsider", in dem sich arme und reiche Jugendliche bekriegen, oder "Der Tag X" über einen hasserfüllten Highschool-Schüler. Gewalt sei ein altes und auch großes Thema, das heute eine größere Aufmerksamkeit habe, und von Cyber-Kriminalität und Amokläufen an Schulen ergänzt werde. Weil nicht unbedingt "Tausende jugendlicher Selbstkäufer" zu Büchern über Gewalt griffen wie zu Harry Potter oder der Biene Maja, unternehme der Verlag besondere Anstrengungen, um solche Bücher an Schulen zu etablieren.

Auch im Verlag Beltz & Gelberg/Gulliver sind Gewalt und Mobbing wichtige Themen, vor allem bei Taschenbüchern. Dort gibt es eine Reihe von Titeln, die ebenfalls als Schullektüre eingesetzt werden. "Dann eben mit Gewalt" des Niederländers Jan de Zanger, von dem etwa 30.000 Exemplare pro Jahr verkauft werden oder "Was ist denn schon dabei?", ein Buch über "die ganz alltägliche Gewalt", das von Schülern geschrieben wurde und von dem etwa 10.000 Exemplare pro Jahr abgesetzt werden.

Im Januar 2011 erschien ein weiteres, von Jugendlichen verfasstes Buch, "So sehen wir das". Es ist eine Anthologie von Gedichten, Liedtexten und Raps zum Thema Gewalt, die im Rahmen eines von der Stiftung "Lesen & Beltz" organisierten Schreibwettbewerbes entstanden sind. Einen konkreten Anlass für den Wettbewerb habe es nicht gegeben, sagt Lektor Christian Walther. Der Verlag hatte "nur" beobachtet, dass Gewalt in vielen Bereichen der Gesellschaft zunimmt, auch an Schulen.

"Grundsätzlich wäre es natürlich schön, mit einem Roman sehr schnell auf aktuelle Phänomene reagieren zu können", sagt Walther. Allerdings sei das aus strukturellen Gründen wie Auslieferungsterminen nicht ganz einfach. Außerdem sei in erster Linie "eine ausgereifte und überzeugende Geschichte mit substantiellen Charakteren" wichtig. "Romane um der Aktualität und der Gewalt Willen ohne passenden Plot funktionieren nicht."

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