Juli Zehs neuer Roman »Über Menschen« Nachbar Nazi

Nachbarschaft ist Schicksal – vor allem auf dem Land. Davon handelt der neue Heimatroman der Bestsellerautorin Juli Zeh. Sie schickt eine Städterin in die Konfrontation mit sich selbst – und den Brandenburgern.
Autorin Zeh: Aus Leuten werden Menschen

Autorin Zeh: Aus Leuten werden Menschen

Foto: Peter von Felbert / Luchterhand

Was ist zu erwarten, wenn man aus dem coolen Berlin in die staubige Prignitz zieht, allein mit Hund, in ein halb verfallenes Haus in einem ganz verwilderten Garten, ohne Auto, ohne Werkzeugkoffer und ohne Kenntnisse im Handwerk des Innen- wie Außenbereichs? Jede Menge Probleme.

Auch wenn es der Heldin von Juli Zehs neuem Roman nicht bewusst war – eine tiefere Logik hat diese Flucht ins Unbewältigbare eben doch. Denn man desertiert ja nicht ohne Grund aus dem einen Desaster ins nächste; der Mensch, der mit seinen Problemen über längere Zeit nicht klarkommt, besorgt sich gern ein paar frische.

So überrumpelt Dora, Mitte 30, Werberin, ihr Leben erst mal erfolgreich selbst. Statt mit dauergenervten Berliner Bekannten über Coronamaßnahmen zu diskutieren, statt mit dem fremd gewordenen Freund die Liebe zu retten oder zu beenden, sucht sie eine neue Überforderung. Die erst mal schlichter und fassbarer ist: Wer, zum Beispiel, Kartoffeln ernten will, muss zunächst den Wildwuchs roden. Dann die harte Erde umgraben. Schließlich Saatgut besorgen, auch wenn es knapp geworden ist. Und am Ende sollte nicht in der Mittagshitze gegossen werden, sondern am Abend. All das türmt Schwierigkeiten auf – durch Mangel an Werkzeug, Wissen, Erfahrung.

Wobei, wie es das Landleben vorsieht, die Nachbarschaft hilft. Was aber, wenn der Nachbar ein Nazi ist?

Heimat als Sammlungsort von Verlusten

Nicht nur mit dem Titel ihres neuen Buches knüpft Juli Zeh an ihren immensen Erfolg »Unterleuten« von 2016  an: Auch »Über Menschen« ist ein moderner Heimatroman. Das Genre lebt vom Prinzip der Unausweichlichkeit: Stadtluft macht frei, aber nervös; Landluft ist gesund, aber man muss sie mit immer denselben Leuten atmen. Die man sich nicht ausgesucht hat und denen man nicht aus dem Weg gehen kann.

Das Dorf bietet jedenfalls die reine Gegenwärtigkeit. Hier gibt es keine medialen Wirbel, keine soziale Überanstrengung, auch kein neurotisches Gerede. Hier kommt es nicht aufs Denken und Meinen an, sondern aufs Tun. Und das verschafft, anfangs, Erleichterung. Bis man auf den Nazi stößt.

In gekonnter, zügiger Dramaturgie führt Zeh, 46, ihre Hauptfigur durch alle erwartbaren Konfrontationen: mit den wortkargen Dorfbewohnern, mit den Widrigkeiten der Scholle, vor allem aber mit sich selbst. Mit all den Klischees und Überheblichkeiten, die eine urbane, linksgrüne Bürgerstochter an sich erst bemerkt, wenn sie auf Leute trifft, die eben anders sind – unter anderem, weil sie keine Wahlheimat haben, sondern nur eine Heimat. Die in diesem Fall ein Sammlungsort der Verluste ist, von Arbeit, von Würde und Gemeinschaftlichkeit. Wurzeln gibt es hier überall, und sie reichen tief, aber es gedeiht nur noch wenig. Woran es fehlt, ergründet nicht das Denken, sondern die Anschauung.

Aus Leuten sind Menschen geworden, so setzt Zeh mit diesem Roman ihre erste Brandenburger Studie fort. In »Unterleuten« bescherte die Außenwelt in Form einer Windkraftanlage ein Problem, das aus dem Dorf eine Gesellschaft machte – mit vielen Figuren, die ihre Interessen mit- und, vor allem, gegeneinander austrugen. »Über Menschen« nun nimmt den Einzelnen in den Blick. Und es geht nicht um die Zukunft, sondern um die Vergangenheit: um all das, was verloren ging in den drei Jahrzehnten seit Mauerfall und Treuhand. Geschleifte Orte, überflüssiges Können, Erfahrungen ohne Wert. Die Kategorie des Schicksals löst die der Interessen ab.

Das alles ist rückstands- und geheimnislos erzählt, wie in einem Roman für die Jugend: Am Ende hängt an jedem Haken die passende Forke. Ausgleich für diese Übersichtlichkeit liefern pointierte Dialoge sowie Ironie und Ingrimm; Zeh trainiert ihre Heldin wie ihr Publikum im »typischen Brandenburger Stoizismus, der jedem erlaubt, auf seine Weise nicht klarzukommen«: die zeitgenössische Stimmung für einen ostdeutschen Heimatroman.