Samira El Ouassil

Fall Julian Reichelt Mythos Bürosex oder: der romantisierte Sexismus

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
In einem Fall wie dem von Julian Reichelt geht es nie nur um das Fehlverhalten eines Typen: Bei sexuellen Beziehungen in einem beruflichen Abhängigkeitsverhältnis schwingt der Machtmissbrauch immer mit.
Ex-»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt

Ex-»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt

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Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

Als ich in den vergangenen Tagen mit einigen heterosexuellen Männern sprach, progressiven, aufgeschlossenen, liberalen Typen, nahm ich etwas Seltsames wahr: Diese Männer, die sich selbst als Feministen bezeichnen und die in der Öffentlichkeit zumeist als frauenempowerende Kavaliere auftreten, fanden die ganze Geschichte rund um den ehemaligen »Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt natürlich »schlimm für die Frauen« und hielten ihn sinngemäß für ein zu verurteilendes Schwein.

Jedoch äußerten sie ihre Entrüstung mit schräg liegendem Kopf und einem überlegten Willen zur Relativierung. Sie stellten dabei zwar nicht den gesamten Sachverhalt infrage und auch nicht die zu verachtende Frauenfeindlichkeit. Aber es schwang doch eine Art brüderlicher Gleichmut mit, als sie beurteilten, ob man im professionellen Alltag eine Liaison mit einer Berufsanfängerin eingehen darf.

Diesen geistigen Spagat finde ich so bewundernswert wie bigott: Offenbar empfinden einige Männer die missbräuchlichen Ausfälle Reichelts nicht als problematisch, weil sie problematisch sind, sondern weil man den Verursacher nicht mag. Ansonsten erscheint sein Fall halt wie so eine typische Arbeitsplatzromanze.

Wie weit die Problematik dieser Angelegenheit reicht, hatten sie offensichtlich nicht verstanden. Im Gegenteil. Bohrte ich nach, hielt man Reichelts Affären und den nächtlichen SMS-Verkehr zwar für schwierig, aber jetzt nicht gleich für vergleichbar mit Harvey Weinstein. Und mir wurde klar, dass manche Männer den Druck, der damit auf die Frauen ausgeübt wurde, als triviales Techtelmechtel verbuchen. Dass solche zwischenmenschlichen Dynamiken nicht in ihrer Missbräuchlichkeit wahrgenommen werden, sondern als erotische Abenteuer romantisiert und zu einem gesellschaftlichen Standard verklärt.

Der Oberarzt mit der Krankenschwester, der Chef mit der Angestellten, der Anwalt mit der juristischen Hilfe, der Professor mit der Studentin – zwar sei solches Anbandeln zwischen Kaffeeküche, Raucherpause, Sprechstunde und Weihnachtsfeier nicht professionell, aber ja wohl kein Ausdruck eines Sexismusproblems, wenn doch alles einvernehmlich ablaufe.

Zur Person

Samira El Ouassil, 1984 in München geboren, ist Schauspielerin und Autorin. Für ihre medienkritische Kolumne »Wochenschau« auf uebermedien.de wurde sie mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet. Jüngst wurde sie vom »Medium Magazin« zur Kulturjournalistin des Jahres gekürt. Im Oktober 2021 veröffentlichte sie zusammen mit Friedemann Karig den Bestseller »Erzählende Affen«.

Drei Jahre nach #MeToo ist meine Reaktion auf derartige Bewertungen des Falls Reichelt weniger verständnisvoll, mehr so ein: »Was?«. Auf die Gefahr hin, wie eine puritanische, lustfeindliche Gouvernante zu wirken, die der Arbeitswelt alle heterogeschlechtliche Unbekümmertheit rauben möchte, muss ich den virilen Mythos »Arbeitsplatzaffäre« erstaunt entzaubern.

In einer hierarchisch organisierten Arbeitswelt, in der eine Asymmetrie der Machtverhältnisse vorherrscht, können zwischenmenschliche Beziehungen nicht ohne diese ökonomische Dimension betrachtet werden. Die Möglichkeit, dass dieses Ungleichgewicht psychischen Druck und ökonomischen Zwang auf die Personen ausübt, die am kürzeren Hebel stehen – in diesem Fall auf junge Frauen und Berufsanfängerinnen –, muss natürlich permanent berücksichtigt werden. Ein Austausch der Affekte findet hier nie in einem luftleeren Raum statt und schon gar nicht auf Augenhöhe, sondern immer auch in einem Abhängigkeitsverhältnis – und zum Nachteil der Berufsanfängerin. Das führt uns einerseits zum Sexismus und andererseits zum Machtmissbrauch – und wie beide in diesem Fall zusammenhängen.

Und ja, es gibt natürlich auch weibliche Führungskräfte, die emotional und körperlich von Männern profitieren, die beruflich auf diese Frauen angewiesen sind. Ja, es gibt auch für alle Seiten vollkommen unproblematische Intimitäten bis hin zu Ehen, Kindern, Firmen, die aus asymmetrischen Beziehungen entstehen können. Natürlich: Auch im Falle gleichgeschlechtlicher Interaktionen können diese ungleichen Verhältnisse ausgenutzt werden. Nein, es geht hier nicht darum, Frauen zu viktimisieren. Keinem Geschlecht will ich die Fähigkeit zur Selbstermächtigung absprechen, keine selbstbewusste Sexualität entmündigen.

Ich möchte für die Fälle von Machtmissbrauch sensibilisieren. Sie sind weiter verbreitet als angenommen. Sie werden auf unterschiedliche Weise relativiert, die ihnen zugrunde liegenden Machtdispositive werden nicht verstanden. Deshalb werden diese Fälle immer noch als eine Art selbstverständliches Berufsrisiko im professionellen Vorankommen deklariert und weggeredet.

Hinzu kommt: Die Übergriffigkeiten, die als besonders beklemmendes Negativbeispiel ans Tageslicht kommen, werden gern als einzelne, nicht repräsentative Ausfälle chauvinistischer Trotteligkeit machtbetrunkener Egozentriker gelabelt. Dadurch verkennt man allerdings dankbar die ganze subtile Allgegenwärtigkeit, die ganzen unsichtbaren Kräfte, die auf Frauen in ökonomischen Situationen einwirken.

Und auch wenn Mathias Döpfner in seinem an die Springer-Mitarbeiter gerichteten Video viel irrlichterndes Gerede von sich gab, hatte er versehentlich einen fast zutreffenden Punkt: »Es handelt sich hier nicht um ein Kulturproblem des ganzen Springer Verlages. Es gibt dieses Problem bei ›Bild‹.« (»Fast« schreibe ich, weil es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und somit auch eines des ganzen Verlages.)

Selbst er weiß, dass es nicht allein um einen Mann geht, sondern um das Klima in einem Betrieb.

Dass ein redaktionelles Umfeld diese Dynamiken kennt und normalisierend hinnimmt, ist Teil, Grund und zugleich Ergebnis einer systematischen Diskriminierung. Sexismus erfolgt zwischenmenschlich, aber seine Wirkkraft ist zum einen institutionell bedingt und wird zum anderen von den Beteiligten internalisiert. Was verstanden werden muss: Sexismus, als Missbrauch der eigenen Position, manifestiert sich graduell, wie auf einem Spektrum.

Es braucht nicht den Klaps auf den Po, die »sexuelle Belästigung oder Nötigung«, die laut dem ersten Compliance-Verfahren nie erfolgte. Dieser Sexismus beginnt mit einem Arbeitsumfeld, in dem junge Frauen wie selbstverständlich mit »Vorsicht, das ist eine von Julian« objektifiziert, nach »Fuckability« bewertet und damit enthumanisiert werden dürfen. Hier wird eine Ausnutzung von Kräfteverhältnissen abgenickt, durch die Menschen eines Geschlechts einen Nachteil aufgrund ihres Geschlechts erfahren.

Wenn Betroffene sich aus Angst vor Rache nicht öffentlich äußern, gibt es offensichtlich ein institutionelles Problem. Wenn Handlungen heimlich erfolgen müssen, dürften die Profiteure des Systems wissen, dass es offenbar nicht rechtens ist. Wir sollten also nicht nur über die Arschlochhaftigkeit eines einzelnen Typen diskutieren, sondern über das, was dieser mächtige Mann verkörpert: das gleichmütig-professionelle Hinnehmen eines bis zur Verdrängung hin romantisierten Arbeitsplatz-Sexismus.

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