Junge Island-Romane Die volle Ladung Heimat

Zum Glück ist Island Gastland der Frankfurter Buchmesse! Ohne offiziellen Anlass würden viele Romane gar nicht übersetzt, vor allem Texte jüngerer Autoren blieben unbekannt. Ein ewiges Thema eint sie: die Identitätssuche ihrer Heimat. Wir stellen die wichtigsten Neuerscheinungen vor.

Island: Immer zwischen Europa und Amerika, immer auf der Suche nach Identität
DDP

Island: Immer zwischen Europa und Amerika, immer auf der Suche nach Identität

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Heinrich Böll hatte einen ganz eigenen Eindruck von isländischer Literatur. In einer Buchwidmung für Nobelpreisträger Halldór Laxness formulierte er, Island sei ein Land, "das ich mir feucht vorstelle, und das doch dieses Genie der Trockenheit in Ihnen hervorgebracht hat".

Trocken, in der Tat. Man könnte auch sagen: schnörkellos. Will man einen typischen isländischen Tonfall festmachen, dann ließe sich wohl am einfachsten sagen, dass das Überkandidelte, Blumige, barock Überbordende hier eher nicht zu finden ist.

Das Erfreuliche an der Buchmesse ist, dass wir nun endlich einen Eindruck von der riesigen Vielfalt aktueller isländischer Literatur bekommen - angeblich ist der Pro-Kopf-Verbrauch von Büchern in Island höher als irgendwo sonst auf der Welt. Und nun wurden jede Menge davon ins Deutsche übersetzt, Gastland-Status sei Dank.

Ewig wiederkehrendes Motiv isländischer Autoren, so auch bei der aktuellen Schriftstellergeneration, ist die bizarre Identitätssuche des Landes, zwischen Skandinavien und USA hängend. Man findet dieses Leitmotiv beim neuen Roman des geradezu kultisch verehrten Hallgrímur Helgason (sein "101 Reykjavík" war ein internationaler Bestseller, erfolgreich verfilmt wurde er auch) und seiner "Frau bei 1000 Grad", einer 80-Jährigen mit konsequent kosmopolitischer Geisteshaltung. Diese Suche springt einem in Huldar Breiðfjörðs Initiationsstory und Roadnovel "Liebe Isländer" geradezu ins Gesicht, dagegen eher subtil angelegt in "Fackelzüge" von Sigurbjörg Thrastardóttir, einem Prosagedicht über eine Liebe in der Schwebe.

1. Hallgrímur Helgason: "Eine Frau bei 1000°"

Darum geht's: Die greise Kosmopolitin Herr, kurz für Herbjörg, vegetiert sterbenskrank in einer Garage vor sich hin, lebt in Facebookwelten und hält sich ihre virtuellen Liebhaber. Für echte ist da zuviel Krebs und zu wenig Lunge. Aber sie erzählt ihr Leben, springt zwischen den Vierzigern in Deutschland und der Gegenwart in Reykjavík, sie muss sich beeilen, hat sie doch schon mal vorsorglich ihr Sterbedatum auf Mitte Dezember gelegt. Und die eigene Einäscherung geplant: bei 1000 Grad.

Das lernt man über Island: Herbjörgs Geschichte ist das beste Beispiel dafür, dass es die Isländer nicht auf ihrer Insel hält. Dass sie rauswollen, in die Welt. Ihre Eltern zeigen den Zwiespalt während des Zweiten Weltkriegs: Der Vater, Spross einer Hochwohlgeborenenen-Dynastie, kämpft an der Seite der Deutschen, die Mutter aus einer einfachen Familie, in der man Schwielen an den Händen hat vom Melken und Mähen, möchte damit nichts zu tun haben.

Der Satz, der alles sagt: "Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich stinksauer im Heim ihrer Großeltern zur Welt kam, bei Uroma Ingibjörg und Uropa Ketil in der Mánagata in Ísfjörður, wo ich wütend über die Riesenenttäuschung, die ich verursacht hatte, brüllte wie am Spieß und der ganzen Bande eine Weltwirtschaftskrise an den Hals wünschte."

Das taugt's: Die Figuren, die Helgason sich ausdenkt, sind eine rare Pracht. Seiner krachend absurden Phantasie verfällt man sofort. Seine Herr ist im Prinzip die Weiterentwicklung seines letzten Romanhelden aus dem Bestseller "101 Reykjavík": Da war es ein Mann, erst 28, aber das Bettlägerige, das virtuelle Leben, das war schon da angelegt. "Eine Frau bei 1000 Grad" ist ein schnodderiger Ritt durchs vergangene Jahrhundert - und auch durch die deutsche Geschichte aus isländischer Perspektive.

Der Link zur Tradition: Diese erstaunliche Protagonistin repräsentiert rein altersmäßig ja schon ein ganzes Jahrhundert in einer Person. Von ihrer kosmopolitischen Geisteshaltung, eine isländische Tradition, ganz zu schweigen.

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