Justiz-Roman Ein allzu perfektes Verbrechen

Ein bayerischer Politkarrierist, ein korrupter Staatsanwalt, ein verkrachter Künstler - das Romanpersonal verspricht ein fesselndes Justizdrama. Doch obwohl Georg M. Oswald als Erzähler brilliert, begeht er ein Vergehen: Seine glatte Story unterfordert die Leser.
Von Andreas Merkel

Die Forderung ist populär und vernünftig, am häufigsten erheben sie Eltern und Kritiker. Sie lautet: Künstler – speziell: Autoren – noch spezieller: junge deutsche Autoren sollten doch bitte erst mal einen ordentlichen Beruf erlernen. Um sich finanziell abzusichern, die eigene künstlerische Unabhängigkeit zu wahren und vor allem zunächst ein wenig Erfahrung zu sammeln, um überhaupt etwas zu erzählen zu haben.

Diesen Rat schlagen deutsche Nachwuchsautoren bekanntlich gerne in den Wind. Sie berufen sich auf ihr Genie, die Künstlersozialkasse sowie ein flächendeckendes Stipendien-Netz, dank dessen sie sich in irgendeiner Stiftungsvilla etwas aus den Fingern saugen dürfen. So bekommt man die Literaturlandschaft, wie wir sie haben.

Markenkapitalistischer Realismus

Vor dem Hintergrund dieser launig verkürzten Debatte könnte nun ein neues Exempel statuiert werden. Leider am falschen Mann. Denn der 44-jährige Georg Martin Oswald aus München versucht sich nicht hauptberuflich als Schriftsteller, sondern verdient sein Geld als Anwalt (mit den Spezialgebieten Arbeits- und Gesellschaftsrecht). Darüber hinaus setzt er sich immer wieder publizistisch für Kollegen wie seinen frühverstorbenen Freund Heiner Link ("Frl. Ursula") oder zuletzt den zensierten Maxim Biller ("Esra") ein.

Bekannt wurde Oswald im Jahr 2000, als die Klagenfurter Juroren ihn zunächst für seinen markenkapitalistischen Realismus abwatschten und er wenig später mit eben dieser Geisteshaltung in seinem - in mehrere Sprachen übersetzten -Roman "Alles was zählt" seinen größten Erfolg feierte.

Unterschätzter Adoleszenz-Roman "Im Himmel"

Danach veröffentlichte er 2003 noch den unterschätzten Adoleszenz-Roman "Im Himmel" über die Jeunesse dorée vom Starnberger See. Im Grunde wartet man seitdem auf den großen, schonungslosen Justizroman von ihm, in dem Georg M. Oswald seine beruflichen Erfahrungen voll ausspielen würde.

Dieser Roman hätte "Vom Geist der Gesetze" trotz des etwas hochtrabenden Titels werden können.

Oswald erzählt ein Justizdrama um drei prototypische Protagonisten, die seine eigenen Interessen repräsentieren. Jura, Politik und Literatur werden in dieser – durchaus wertenden – Reihenfolge repräsentiert durch den Starverteidiger Dr. Ludwig Heckler, den bayerischen Generalsekretär Kurt Schellenbaum und den erfolglosen Drehbuchautor Ladislav Richter.

Intrigen- und pointenreicher Plot

Deren Lebensläufe führt ein Unfall mit Fahrerflucht zusammen. Kurt Schellenbaum (dessen bayerische Parteizugehörigkeit so offensichtlich ist, dass sie ebenso wenig erwähnt werden muss wie die seines Ministerpräsidenten) fährt mit seinem silberfarbenen Siebener-Dienst-BMW den verkrachten Drehbuchautor Ladislav Richter an. Dies, nachdem der Generalsekretär Schellenbaum beim großen Polit-Talk am Sonntagabend ("Christiansen" ist bei Oswald ein Moderator und heißt "Dämmrich") mit "sozialistischen" Parolen im fremden Lager hatte punkten können. Im Überschwang dieses Imagewechsels ließ der Politiker einfach seinen Fahrer im Fond Platz nehmen und setzte sich selbst ans Steuer – um dann nach erfolgtem Crash doch seinen Chauffeur haften zu lassen.

Aus diesem Vorfall spinnt Oswald einen intrigen- und pointenreichen Plot, der sich aber leider kaum an seiner konkreten Berufserfahrung als viel mehr an den gängigen sozialkritischen "Tatort"-Klischees orientiert.

So ist etwa Schellenbaums Staranwalt Heckler auch in illegale Waffengeschäfte mit Saudi-Arabien verwickelt (Schreiber heißt hier "Einz"). Der Ministerpräsident empfiehlt wie weiland Kurt Beck einem Arbeitslosen, sich erstmal zu rasieren. Und der einzige Zeuge des Unfalls ist ein Junge aus der Unterschichtendebatte par excellence.

Wie man es aus jedem zweiten Schimanski kennt

Der ganze Fall wird abschließend bei "Christiansen" alias "Dämmrich" noch einmal von den Falschen gewonnen. Nachdem sich zuvor schon alles durch mysteriöse Machtworte des Ministerpräsidenten in allgemeinem Missfallen aufgelöst hat. Kurzum: Wie man es aus jedem zweiten Schimanski kennt. Jeder spielt auf eigene Kosten, und die "da oben" kriegt man sowieso nie, weil sie im Zweifelsfall eben "Verbindungen" haben.

Georg M. Oswald erzählt diese Geschichte nun durchaus temporeich und eingängig in kurzen Kapiteln mit viel Perspektivenwechsel. Wenn er sich einmal Zeit lässt, gelingen ihm schöne Details in den Portraitierungen, etwa wenn der deprimierte Generalsekretär Schellenbaum zwischendurch Trost sucht in einer Napoleon-Biographie für Kinder.

Das Problem ist eher, dass Oswald - wie beim klassischen Tatort-Drehbuch - in der ständigen Furcht geschrieben zu haben scheint, den Leser bloß nicht zu langweilen oder gar zu überfordern. So ergeht sich Oswald immer wieder in seltsam ehrfurchteinflößenden Schilderungen über die Arbeit der Gerichte, um den Leser dann mit den genauen Einzelheiten doch lieber nicht zu behelligen: "Das ist alles sehr kompliziert. Ich will dich damit gar nicht belasten", hält der Verteidiger seinem Mandanten Ladislav Richter einmal vor.

Jeder Künstler eine verkrachte Existenz

Und der eigentlich viel brisantere, aber ungleich komplexere Waffenschieber-Fall? Läuft eher auf Zeitungsmeldungsniveau im Hintergrund mit, während dem simpel menschelnden und unspannenden Fahrerfluchtsplot viel zu viel Gewicht aufgeladen wird. Oswald distanziert sich sogar von dem Interesse an dem Fall, den er selbst so ermüdend ausbreitet, indem er den Zuschauern der Gerichtsverhandlung eine "pöbelhafte Neugier" unterstellt.

Spätestens hier wechselt der Autor endgültig in seinen Hauptberuf. In der Erzählhaltung des allzu redlichen Anwalts fallen dann auch die allzu bürgerlichen Ressentiments fast nicht mehr ins Gewicht, die Georg M. Oswald seiner schwächsten Hauptfigur, dem erfolglosen Autor Ladislav Richter, entgegenbringt.

Jeder Künstler ist in diesem Roman nur eine zutiefst verantwortungslose, verkrachte Existenz. Diese Leute sollten dringend einen richtigen Beruf erlernen.

Aber die Frage, wie man das schaffen soll, wenn man zusätzlich einen wirklich guten Roman schreiben möchte, stellt sich mit Oswalds "Vom Geist der Gesetze" umso nachdrücklicher.


Georg M. Oswald: "Vom Geist der Gesetze", Rowohlt, 19,90 Euro

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