Justiz-Krimi »Verweigerung« Der Thrillerautor, der es mit John Grisham aufnehmen kann

Den Drehbuchoscar hat er schon, jetzt legt Graham Moore ein mitreißendes Justizdrama aus Los Angeles vor: Eine erfolgreiche Anwältin wird hier zur Mordverdächtigen.
Autor Moore: Die bessere Geschichte gewinnt

Autor Moore: Die bessere Geschichte gewinnt

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Matt Sayles / Eichborn

Es könnte so einfach sein: Der Aushilfslehrer Bobby Nock, ein 24-jähriger Schwarzer, hat ein Verhältnis mit seiner 15-jährigen Schülerin Jessica Silver, der Tochter eines der reichsten Männer von Los Angeles. Als sie droht, ihr Verhältnis öffentlich zu machen, bringt Bobby sie um und lässt ihre Leiche verschwinden.

Bobby hat ein, wenn auch fragwürdiges, Motiv, kein Alibi und keinerlei Lobby – ein klarer Fall für eine Verurteilung wegen Mordes, auch ohne Leiche. So oder ähnlich läuft es in den Gerichtssälen der USA täglich, auch der Justizapparat trägt seinen Teil bei zum systemischen Rassismus.

Ein wenig anders läuft es in Graham Moores neuem Roman »Verweigerung«. Er erzählt davon, wie es bei Gerichtsverfahren nicht eigentlich um die Wahrheit geht, sondern um das plausiblere Narrativ, und wie Anklage und Verteidigung nur die Fakten nutzen und in ihre Erzählung einweben, die dazu passen.

Die bessere Geschichte gewinnt, und allzu oft ist die Wahrheit nicht die bestmögliche Strategie. »Die Anwälte auf beiden Seiten«, beschreibt Moore einen Prozess, »taten, was sie konnten, um zu gewinnen, sie schossen aus allen Rohren – und was auch immer im Gewühl der gebrochenen Glieder übrigblieb, wurde dann Gerechtigkeit genannt.«

Die logische Täterin

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Maya Seale, die 2009 bei dem Verfahren gegen Bobby Knock, die entscheidende Geschworene war. Sie bezweifelte, dass der Lehrer ein Mörder war, und zog nach und nach alle Geschworenen auf ihre Seite. Wie sie schließlich einen Freispruch erreicht und welche Konsequenzen das nicht nur für sie hat, davon erzählt die eine Hälfte des Romans, der zwischen Vergangenheit und Gegenwart springt.

Im Heute ist aus der ehemaligen Geschworenen Maya eine erfolgreiche Anwältin geworden. Doch schon bald darauf wird ihr eine neue Rolle aufgezwungen: die Mordverdächtige. Rick Leonard wird bei einem Wiedertreffen der Geschworenen anlässlich der Dreharbeiten zu einer True-Crime-Serie ermordet. Maya ist die logische Täterin.

Nicht nur hat sie ihn als Letzte gesehen, sie hatte auch vor zehn Jahren ein kurzes Verhältnis mit Rick, das im heftigen Streit über das Urteil auseinanderging. Während ihr Anwalt seine Verteidigungsstrategie darauf aufbaut, dass Maya Rick in Notwehr getötet hat, versucht sie eigenständig die Wahrheit herauszufinden. Wenn sie ermitteln kann, was 2009 wirklich passiert ist, ist Maya überzeugt, dann findet sie auch Ricks Mörder.

Graham Moore, Autor des oscarprämierten Drehbuchs zu »The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben«, zeigte bereits 2010 mit seinem Debütroman »Der Mann der Sherlock Holmes tötete«, dass er versteht, nach welchen Regeln der klassische Krimi funktioniert und wie man ihn (deutlich weniger radikal als etwa die Serie »Sherlock«) modernisiert. Mit »Verweigerung« begibt er sich auf ein Terrain, das seit Jahrzehnten von John Grisham beherrscht wird: den Gerichts-Thriller. Und Moore muss sich vor dem Altmeister keineswegs verstecken.

In der Tradition von »Chinatown«

Weder was den Spannungsaufbau angeht, noch die Art, wie Moore Aktualitäten – »Verweigerung« hat viel zu sagen zu »race« und »class« – einbindet, ohne dass der Roman jemals etwas thesenhaftes bekommt. Auf der Handlungsebene funktioniert das Buch perfekt, der Plot samt Pointen und Cliffhangern sitzt, Moore schlägt maximales erzählerisches Kapital aus der Ausgangssituation.

Doch Moore will noch mehr, will zeigen, wie sich Amerika in den zehn Jahren verwandelt hat, wie das Land unter Trump viel von der Hoffnung der Obama-Jahre verloren hat und sich eine neue Haltung des »Bist du nicht für mich, bist du gegen mich« verbreitet hat, die Moore mit der Binarität des Justizsystems und seiner kaum Zwischentöne zulassenden Mechanik von schuldig oder unschuldig vergleicht. Um die thematische und zeitliche Brücke zu schlagen, auch da zeigt sich Moores erzählerische Meisterschaft, braucht er nicht viel mehr als einen »Hope«-Button, den Maya 2009 an ihrer Tasche trug und der jetzt – eigentlich als Requisit für die True-Crime-Produktion gedacht – bei dem Toten gefunden wird.

Mit wenigen Strichen viel erzählen, den Figuren Tiefe zu verleihen und auch komplexe Strukturen nicht allzu kompliziert wirken zu lassen, diese Kunst beherrscht Moore fast perfekt. Und so erzählt er scheinbar ganz nebenbei noch eine weitere Geschichte, die in der Tradition von Roman Polanskis legendärem Neo-Noir »Chinatown« steht: von Los Angeles und der Korruption im Herzen der Stadt, die nicht Abweichung ist, sondern systemimmanent.

Von der Profitgier, die die Stadt seit den Vierzigerjahren zerstört und immer neue Opfer fordert. Und obwohl die Missstände bekannt sind, wird sich daran nie etwas ändern, zeigt Moore: »Der blaue Himmel über Los Angeles sah ewig jung aus, ja, geradezu urzeitlich – dieselbe Farbe heute, dieselbe Farbe morgen, exakt derselbe Blauton, den er vor zehn Jahren gezeigt hatte, an jenem Nachmittag, als ein junges Mädchen verschwand.«

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