Kryonik-Roman "Kachelbads Erbe" Die Menschen sind kalt

Der postmortale Kälteschlaf und seine Tücken: Hendrik Otremba erzählt in seinem packenden, breit angelegten Roman "Kachelbads Erbe" über den Versuch, dem Tod seine Endgültigkeit zu nehmen - ohne Hightech-Aura.

Behälter für die Kältekonservierung: Wiedererweckung? Noch nicht abschließend geklärt
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Behälter für die Kältekonservierung: Wiedererweckung? Noch nicht abschließend geklärt


Das schwarze Gestein, das auf dem Cover in scheinbarer Schwerelosigkeit schwimmt, in etwa so wie in der zweiten Hälfte des Buches in den Stickstofftanks mit den Vielleicht-ja-doch-nicht-Leichen, das hat man in Wirklichkeit noch nicht gefunden. Dass es eine Art gibt, unsichtbar zu werden, indem man seine Bewegungen denen der anderen und den Gegebenheiten der Umgebung anpasst, was etwa beim illegalen Übertritt einer Grenze oder bei einem Banküberfall durchaus praktisch wäre, dürften die meisten Wissenschaftler ebenfalls bestreiten.

Der Rest der Geschichte, die Hendrik Otremba in "Kachelbads Erbe" erzählt: eine womöglich wahre. Die Kryonik - laut Buch "eine Geisteshaltung, sie geht über das Leben hinaus" - ist eine tatsächlich angewandte Technik zum Einfrieren von Menschen nach deren Tod. Der erste Mensch, der kryokonserviert wurde, war 1967 der amerikanische Psychologieprofessor James Bedford, 253 weitere kamen über die Jahre hinzu, von manchen allerdings nur die Köpfe oder Gehirne.

Die große Herausforderung ist dabei die Kühlung der Körper ohne Eiskristallbildung, Auch führen die verwendeten Frostschutzmittel bisweilen zu irreversiblen Organschäden. Wann und vor allem wie genau man die Damen und Herren, die derlei Angebote in Anspruch nehmen, wieder zu einem neuen Leben erweckt, ist ebenfalls noch nicht abschließend geklärt.

Preisabfragezeitpunkt:
05.08.2019, 09:57 Uhr
Ohne Gewähr

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Hendrik Otremba
Kachelbads Erbe: Roman

Verlag:
HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH
Seiten:
432
Preis:
EUR 24,00

All diesen Problemen stehen auch die Protagonisten von Otrembas zweiten Roman gegenüber. Der Namensgeber Kachelbad arbeitet Mitte der Achtzigerjahre im amerikanischen Kryonik-Unternehmen "Exit U.S.". Die Hightech-Aura, die man einer solchen Firma anvermuten würde, fehlt völlig.

Kachelbad, sein Boss Lee Won-Hong und die jungen Helferin Rosary, der im Buch die Aufgabe zukommt, den Leser in die groben Handlungsläufe einzuführen, lagern die tiefgefrorenen Körper ihrer Kunden in einer Lagerhalle in L.A., ihr Firmenwagen ist der ehemalige Van einer chinesischen Wäscherei. Als Won-Hong stirbt, ist es an ihm, die Geschäfte weiterzuführen. Rasch erkennt er, dass das Unternehmen finanziell überhaupt nicht tragfähig ist. Gleichzeitig hängt an dessen Überleben ganz konkret jenes seiner kalten Mieter.

Der Popstar will wissen, ob es einen Gott gibt

Natürlich passieren in "Kachelbads Erbe" mysteriöse Dinge. Einiges ist surreal und vielseitig deutbar. Trotzdem: Otremba nutzt so eine Ausgangsposition nicht für einen Science-Fiction-Roman. Auch die Frage des Aufwachens in einer wie auch immer gearteten Zukunft kommt bei ihm kaum vor.

Hendrik Otremba: Konkrete Gedankenwelt, die sich einer allzu genauen Verortung entzieht
Kat Kaufmann/ Hoffmann & Campe

Hendrik Otremba: Konkrete Gedankenwelt, die sich einer allzu genauen Verortung entzieht

Vielmehr erzählt er ebenso konkret wie fesselnd aus einer Handvoll Leben, untersucht die Gründe der "Exit U.S."-Klienten, ihr Glück im "postmortalen Kälteschlaf" zu suchen. Da ist Shabbatz Krekov, ein Schriftsteller, der schon einmal gestorben ist, 1956 in Mexiko. "Er schreibt in sein Traumtagebuch: Ich möchte das Ende der Menschheit erleben. Ich möchte einem Anfang beiwohnen." Amelia Morales war ein gefeierter Popstar. Sie will wissen, ob es einen Gott gibt. Charlotte Weinberg glaubt, sie wäre das Kind von Zeitreisenden (ihre Katze Zettel ist wichtiger für die Handlung, ihre Rolle ähnelt der des Hundes Lauscher in Heinrich Steinfests "Cheng"-Romanen). Der Auftragsmörder Ho Van Kim, ohnehin dem Tode nahe, folgt seiner Zwillingsschwester, in die er sich zuvor bereits sachte verwandelte. Yulia Lisovskiy ist ebenfalls Kryonik-Wissenschaftlerin, sie hat ihre große Liebe in Tschernobyl verloren.

Von all diesen Menschen führen Fäden zu Kachelbad, der selbst lange im Ungefähren bleibt: Erst spät wird aus seinem Leben erzählt und von der großen Liebesgeschichte, die ihn antreibt.

Otremba veröffentlichte seinen Debütroman "Über uns der Schaum" vor gut zwei Jahren, damals noch beim kleinen Verbrecher Verlag. Er arbeitet auch als bildender Künstler und ist Sänger der Münsteraner Postpunk-Band Messer, die bereits 2016 den Namen "Kachelbad" für eine E.P. verwendete. Inhaltlich ist außer einem Song, der den Titel "Der Mann, der zweimal lebte" trägt, keine große Verbindung sichtbar, aber eines haben ohnehin all seine Werke gemein: Sie entstammen einer ähnlichen Gedankenwelt, sind durchaus konkret und bildhaft - und entziehen sich doch einer allzu genauen Verortung.

Preisabfragezeitpunkt:
05.08.2019, 10:02 Uhr
Ohne Gewähr

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Hendrik Otremba
Über uns der Schaum: Roman

Verlag:
Verbrecher
Seiten:
250
Preis:
EUR 22,00

Das manifestiert sich in "Kachelbads Erbe" in erster Linie formal: Immer wieder wechselt der Autor die Erzählstimmen, oft auch die Erzählformen. Bisweilen lässt er die Frage, was Realitäten und was lediglich die Träume seiner Protagonisten sind, völlig offen. Manches ist in Tagebuchform gehalten. Einige Male zieht er unvermutet das Tempo an, schiebt das Buch clever Richtung Kriminalroman US-amerikanischer Tradition. Dann wieder nimmt er sich alle Zeit der Welt, erlaubt dem Roman, um große Themenkomplexe wie Sprache und Zeit zu kreisen.

Das führt nur ganz selten zu Redundanzen, eher verhält es sich so: Otremba untersucht akkurat seine eigene Handlung. So, als läge sie vor ihm auf dem Operationstisch und er wäre der Arzt. So, als wäre er ein Anwalt und sie stünde zwischen zwei Aktendeckeln. Zu einem wirklichen Ergebnis kommt er nicht, er lässt sein Buch im Ungefähren enden, leise und friedlich, an einem Strand irgendwo bei Los Angeles. Fantastisch.



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