Kämpferischer Poet Spaniens Nationaldichter Rafael Alberti gestorben

Im Alter von 96 Jahren ist Spaniens meistgelesener zeitgenössischer Poet gestorben. Der Surrealist der Literatur war Weggefährte von Luis Buñuell und Salvador Dalí und der letzte Vertreter der einflussreichen Literaturbewegung "Generation von 1927", zu der auch Federico García Lorca gehörte.


Spaniens letzter Surrealist: Rafael Alberti
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Spaniens letzter Surrealist: Rafael Alberti

Cadiz - Der bedeutendste spanische Dichter der Gegenwart, Rafael Alberti, ist in der Nacht zum Donnerstag in seiner Heimatstadt Puerto de Santa María bei Cadíz in Südspanien gestorben.

Der 96-Jährige erlag nach Angaben der Polizei in seiner Wohnung einem Herz- und Atemstillstand. Alberti hatte in den vergangenen Jahren mehrmals wegen eines Lungenleidens behandelt werden müssen und seine Wohnung in letzter Zeit kaum noch verlassen.

Das Lungenleiden hatte Spaniens "kämpferischen Poeten" auch dazu gebracht, sich ganz der Dichtkunst zu widmen. Zunächst hatte er in Madrid mit der Malerei angefangen. Mehrere Bücher seines Jugendfreundes Federico García Lorca hatte er illustriert. Anfang der 20er Jahre musste Alberti aber in eine Klinik. In den fünf Jahren dort schrieb er auch seinen ersten Gedichtband, "Marinero en tierra" ("Zu Lande, zu Wasser"), für den er 1925 auf Anhieb den Nationalen Literaturpreis erhielt.

Alberti war der letzte lebende Vertreter der einflussreichen Literaturbewegung "Generation von 1927" gewesen, zu der neben Lorca auch Vicente Aleixandre, Dámaso Alonso, Gerardo Diego und Jorge Guillén zählten. Zu seinen Freunden und Weggenossen gehörten auch der Regisseur Luis Buñuel und der Maler Salvador Dalí.

Die klare Sprache, surrealistische Elemente und politisches Engagement sind charakteristisch für Albertis Werk. Er trat 1931 der Kommunistischen Partei bei und kämpfte im Bürgerkrieg auf der Seite der Volksfront gegen die Truppen Generals Francisco Franco. In seiner Sammlung "El poeta en la calle" ("Der Dichter auf der Straße") prangert er Kriegsgräuel an und beklagt zerbrochene Hoffnungen. Nach dem Spanischen Bürgerkrieg verbrachte Alberti 38 Jahre im Exil in Paris, Buenos Aires und Rom. Nach der Franco-Diktatur kehrte er zurück. "Ich bin mit geballter Faust gegangen und mit offenen Händen als Zeichen der Eintracht mit allen Spaniern zurückgekehrt", sagte er bei der Ankunft. Als KP-Abgeordneter im ersten demokratischen Parlament hielt er es zwei Monate aus, dann wandte er sich wieder ganz der Poesie zu.

1983 erhielt er den Cervantes-Preis, die höchste Auszeichnung der spanischsprachigen Literatur. 19 Jahre zuvor war Alberti mit dem sowjetischen Lenin-Orden ausgezeichnet worden. Ein Jahr nach dem Tod seiner ersten Frau Maria Teresa Leon heiratete Alberti 1990 mit 87 Jahren die damals 44jährige Literaturwissenschaftlerin Maria Asuncion Mateo. "Der Zerfall des Kommunismus hat ihn schwer mitgenommen, aber Rafael hatte die Fähigkeit, jedes Unglück zu überwinden", sagte sie.

Im andalusischen Atlantikhafen Puerto de Santa Maria unweit von Cadiz war Alberti am 16. Dezember 1902 zur Welt gekommen. In den vergangenen Jahren war es um ihn ruhiger geworden, auch wenn er noch bis ins hohe Alter arbeitete. "Ich werde noch im Jahr 2015 leben", meinte der seit seiner Jugend lungenkranke Alberti an seinem 95. Geburtstag scherzhaft. Dies war einer seiner selten gewordenen Auftritte in der Öffentlichkeit gewesen.



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