Lebensgefühl, Liebeskummer, Leere All die frechen Mädels

Den Kopf im Weltraum, die Füße in den Szenevierteln Hamburgs oder Berlins: Mit "Wir haben Raketen geangelt" bringt Karen Köhler das schwierige Lebensgefühl der jungen Kreativen auf den Punkt.
Von Hans-Jost Weyandt
Karen Köhler: Erinnerungen an Schmerz, Verletzung oder Verlust

Karen Köhler: Erinnerungen an Schmerz, Verletzung oder Verlust

Foto: imago

Mit den Bildern einer großen Liebe verhält es sich ähnlich wie mit den Titeln mancher Songs oder Bücher. Unwillkürlich wecken sie den Verdacht, bei der Suche nach dem Ausdruck für ein einmaliges Gefühl nur auf außerordentlich Gesuchtes gestoßen zu sein, das kaum mehr vermittelt als den verkrampften Ehrgeiz zur gesteigerten Originalität.

Die "geangelten Raketen" im Titel von Karen Köhlers Debüt toppen auf der metaphorischen Aufrüstungsskala der ausgedachten Gefühle selbst Herbert Grönemeyers "Flugzeuge im Bauch" - und um die Raumfahrtmetapher erzählerisch zu erden, ohne den Kitsch am Haken zu haben, bedürfte es schon eines literarischen Kunststücks.

Oder einer Erzählerin, die ohne Verrenkungen versichern kann, den "Kopf im Weltraum" und die "Füße gerade eben noch am Boden" zu haben, und Karen Köhler hat sie für ihre Titelgeschichte gefunden. Krassijawa ist diese Frau von ihrem Mann genannt worden, weil sie halt auf krasse Sachen steht, Raketen angeln zum Beispiel. Auch wenn es sich dabei nur um einen Dumme-Jungs-und-freche-Mädels-Streich handelt, zeigt es, wie die junge Frau ihre doch kleine Welt liebeskosmisch weitet.

So rührend naiv und verletzlich sie dabei auch vorgehen mag, so radikal vertraut sie dem hermetischen Einklang der Herzen und ihrer Sprache, und es ist ihr völlig egal, was andere denken, wenn sie ihrem Mann aus dem gemeinsamen Leben erzählt. Er ist gestorben, doch es sind nicht die Abschiedssätze einer Trauernden, die sie ihm schreibt. Es sind die zärtlichen Zuwendungen einer Frau, die in der Gegenwart einer Liebe lebt, die ihr größer ist als der Tod. Das klingt so vertraut, wie es nur ein zur Schlagerphrase verkommenes romantisches Bild sein kann, doch an der Angel von Krassijawa entfaltet es eine ungeheure Sogkraft.

Kultivierung einer Lebensleere

Ohne pointierte Brechungen gingen Köhlers Figuren schnell verloren in ihren romantischen Sehnsuchtsweiten, die sich spiegeln in den Orten dieser neun Erzählungen: In die Wüste Arizonas, die sibirische Taiga, auf die Lofoten oder die Vulkaninsel Stromboli verschlägt es die Erzählerinnen, doch obwohl es ihnen immer gelingt, eine atmosphärische Ahnung der jeweiligen Orte einzufangen, gleichen sie eher Chiffren einer Leidenschaft; und die großen Distanzen bezeugen weniger jugendliche Reiselust als die Wucht eines Gefühls, das die jungen Frauen so weit weg katapultieren konnte von ihrem Zuhause, um das die Erzählungen kreisen. Eine Rückkehr scheint fast immer verwehrt, denn die Heimat ist besetzt von den Erinnerungen an Schmerz, Verletzung oder Verlust.

Obgleich also auch der Wohn- eher ein Gefühlsort ist, darf man ihn real in einem Kreativszene-Viertel Hamburgs wie der Sternschanze vermuten, wie man sich die Köhlerschen Frauen durchaus als etwas jüngere Schwestern von Judith-Hermann-Figuren vorstellen mag. Doch die melancholische Kultivierung einer Lebensleere kennen sie nur zu gut, um sie kopieren zu wollen. Schon als Kind spielten sie "Cowboys und Indianer", wie Kat in der gleichnamigen Erzählung, der längsten und besten des schmalen Bandes, als einziges Mädchen mit den Jungs. Kat war auch immer der einzige Indianer; dass einer der Cowboys sie in der Pubertät vergewaltigte, hat sie zu einer großen Kämpferin gemacht.

Und dass Karen Köhler die literarischen Jungsspiele mit Film- und Popzitaten besser beherrscht als viele Herrndorf-Epigonen, zeigt sie, wenn Kat aus der amerikanischen Wüste wankt wie einst Travis in Wenders' "Paris, Texas". Kats Retter hat die massige Gestalt Bernhard Wickis, ist aber ein Indianer, und er nimmt Kat mit auf einen traumähnlichen Trip, der zum Soundtrack von Aphrodite's Childs "The Four Horsemen" geradewegs in die Hölle von Robert Rodriguez' "From Dusk till Dawn" zu führen scheint.

Fast alle Köhlerschen Desperadas bewegen sich wie Kat auf einem schmalen Grat zwischen Wunschprojektionen und traumatischen Erinnerungen. Die Sätze, mit denen sie eine Borderline-Wirklichkeit erschaffen, sind so kurz wie Schritte am Abgrund und lassen bei allem Witz ein Gefühl permanenter Gefährdung entstehen. Selbstbehauptungssätze mit enormer Fallhöhe sind das, die nur dann zur Schulhofhüpferei auf der Kreidelinie zwischen Himmel und Hölle schrumpfen, wenn Köhler sich den sozialen Kampfzonen nähert. Dem entwürdigen Alltag asiatischer Arbeiter auf einem Kreuzfahrtschiff bedient sich in "Starcode Red" eine Hamburger Tänzerin, um ihren Liebeskummer im Ekel auf die tumben Passagiere besser betäuben zu können - ohne zu merken, dass sie eine emotionale Parasitin der Ausgebeuteten ist.

Dass selbst diese Erzählung nicht völlig verunglückt, verdankt sie der knappen, ausgefeilten Form, die Karen Köhler ihrem starken Debüt gegeben hat und deren Varianten die häufig sehr ähnlichen Muster durchspielen. Wer Kat und Krassijawa kennengelernt hat, muss sehr aufpassen, nicht an Köhlers Angel zu geraten.

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