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Politikinszenierungen: Körper und Macht

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Karl der Große Der Kaiser ist nass

Der Vorreiter moderner Politik-Inszenierungen: In seiner Studie "Der schwimmende Souverän" zeigt Horst Bredekamp Karl den Großen als Kaiser, der die Medien beherrschte, weil er das Wasser beherrschte.

Der Ruhm Karls der Großen, der am 28. Januar 814 starb, hat 1200 Jahre überdauert. Zahlreiche Ämter und Rollen hatte er inne: Feldherr, mittelalterlicher Kaiser, gar Vorreiter bei der Einigung Europas. Ein weiteres Talent nennt Horst Bredekamp in seiner Studie "Der schwimmende Souverän - Karl der Große und die Bildpolitik des Körpers". Der Frankenkaiser, so Bredekamp, habe die Inszenierung der Macht auf eine Weise beherrscht, wie sie bis ins 20. und 21. Jahrhundert aktuell geblieben ist.

Karl der Große regierte ein Reich, das sich im Westen bis zum Atlantik erstreckte, große Teile des heutigen Deutschlands, der Alpenländer und Norditaliens umfasste. Es hatte die Größe eines Imperiums, nicht aber dessen vollendete organisatorische Struktur. "Die karolingische Herrschaft beruhte auf einem andauernden Balanceakt", so Bredekamp. Anstatt auf die Präsenz eines stehenden Heers, einer weit verzweigten Verwaltung oder einer im ganzen Reich wahrnehmbaren imperialen Baupolitik habe Karl auf symbolische Handlungen gesetzt: Jagdgesellschaften, tagelang andauernde Feste, das gemeinsame Gebet - und, ganz besonders, das Schwimmen. "Oft badeten hundert oder mehr Leute mit ihm", zitiert Bredekamp den fränkischen Gelehrten Einhard, im neunten Jahrhundert Verfasser der ersten Biografie des Kaisers. Karl habe ausdauernd und oft geschwommen und schließlich der heißen Quellen wegen auch seinen Palast in Aachen errichteten lassen.

Bredekamp sieht in Karls Begeisterung ein "auf die Gemeinschaft zielendes Zeigen des eigenen Körpers", wie es in der Moderne auch von Benito Mussolini oder Mao Zedong praktiziert wurde: der Körper als Ausweis der eigenen Führungsstärke, das öffentliche Schwimmen als propagandistische Aktion. So ging der vom chinesischen Volkskongress 1966 ausgerufenen Kulturrevolution ein spektakulärer Auftritt Maos voraus - in einer Art Polit-Performance durchschwamm der Große Steuermann im Juli 1966 den Yangtse, gefolgt von 5000 Parteigenossen, dokumentiert von Plakaten und Parolen: "Folgt dem Vorsitzenden Mao vorwärts durch starke Winde und hohe Wellen."

Wasserbewegung und Medienschwingung

Bredekamp legt nahe, dass - in einer Zeit, in der die Schriftkultur nur rudimentär verbreitet war - die öffentlichen Auftritte Karls des Großen dem gleichen Zweck dienten wie die Maos ein gutes Jahrtausend später: Von ihnen ausgehend verbreitete sich der Ruhm des Regenten im Reich. Karl, der auch aufgrund seines für das Mittelalter außergewöhnlichen Körpermaßes "der Große" genannt wurde, arbeitete schwimmend an seinem Image. Dabei konnte er sich auf antike Vorbilder berufen - auch Julius Cäsar oder Augustus galten als hervorragende Schwimmer - und sich als deren Nachfolger inszenieren. Dazu kommt, dass das öffentliche Schwimmen der Distinktion von den Feinden diente - das "Rolandslied" schildert den muslimischen Gegner, die Sarazenen, als miserable Schwimmer. Der finalen Überhöhung dient schließlich das mit dem Wasser verknüpfte Bild der Taufe. Karl als ein Nachfolger Christi.

Doch nicht nur als Beherrscher der Wellen trat Karl auf, auch als Bändiger der Tierwelt: im Wildpark der Aachener Pfalz sollen Löwen, Bären, Panther, Wölfe und Luchse gelebt haben - und, Gipfel des Exotischen, sogar ein Elefant, Geschenk des berühmten Kalifen Harun Al-Rashid. Bredekamps kunsthistorische Betrachtung der politischen Ästhetik Karls des Großen gipfelt in dessen Haartracht: In Abgrenzung vom vor den Karolingern herrschenden Geschlecht der Merowinger habe Karl Haar und Bart nicht lang wallend getragen, sondern gestutzt - und so auf der Bildebene, beispielsweise auf Münzen, einen neuen, für seine Zeit mustergültigen Stil geprägt.

Herrscher, die ihren öffentlich gezeigten Körper als Ausweis ihrer Macht einsetzen, gibt es auch im 21. Jahrhundert, doch zumindest auf Westeuropäer mag ihr Auftreten - so das Putins - wie ein Relikt vergangener Zeiten wirken: Setzen sie doch vor allem auf Körperkraft und Stärke. Karl lässt sich darauf nicht beschränken. Seine Modernität liegt darin, dass er Macht nicht statisch inszenierte, sondern als Fluidum.

Bredekamp zitiert Carl Schmitt, wegen seiner Nähe zu den Nationalsozialisten umstrittenster aller deutschen Staatstheoretiker des 20. Jahrhunderts, aber auch Verfasser des berühmten Zitates "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet". Diesen Satz habe Schmitt kurz vor seinem Tod revidiert: "Souverän ist, wer über die Wellen entscheidet."

Der Doppelsinn der Herrschaft über Wasserbewegungen und Medienschwingungen, die Bredekamp Karl dem Großen zuschreibt, ist nach wie vor von Bedeutung - überträgt man ihn in die Gegenwart, lässt sich Schmitts These und damit auch Bredekamps Ansatz auf das Weltreich unserer Zeit anwenden: Ist nicht auch die NSA ein Versuch, die Medienwellen zu beherrschen oder zumindest zu kontrollieren? Die findet man heute schließlich weniger im Äther als im Internet.

Die Antwort auf die Frage, ob Obama dereinst "der Große" genannt wird, könnte dennoch negativ ausfallen.