Kritiker und Literaturtheoretiker Karl Heinz Bohrer ist tot

Er galt als intellektueller Störenfried und kritischer Beobachter seiner Zeit: Karl Heinz Bohrer ist im Alter von 88 Jahren gestorben.
Karl Heinz Bohrer (1932 bis 2021): »Er ist immer Einzelgänger geblieben«

Karl Heinz Bohrer (1932 bis 2021): »Er ist immer Einzelgänger geblieben«

Foto: Jens Kalaene / picture alliance / dpa

Karl Heinz Bohrer ist tot. Wie der Suhrkamp Verlag vermeldete, ist der Literaturkritiker und Theoretiker im Alter von 88 Jahren in London verstorben.

Bohrer arbeitete als Publizist, war verantwortlicher Redakteur für Literatur bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, später Herausgeber der Kulturzeitschrift »Merkur«. Nach seiner Habilitation lehrte er an mehreren Hochschulen in Deutschland, Frankreich und den USA. 2007 wurde Bohrer mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet.

Karl Heinz Bohrer wurde 1932 in Köln geboren. Er promovierte 1961 an der Universität Heidelberg bei dem Germanisten Arthur Henkel mit einer Dissertation über frühromantische Geschichtsphilosophie. Bohrer schrieb Kulturreportagen und literarische Essays für den Rundfunk und die »Deutsche Zeitung«, ehe er 1962 nach Hamburg in die Feuilletonredaktion der »Welt« kam. 1966-1982 gehörte er der Feuilletonredaktion der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (»FAZ«) an und leitete ab 1968 deren Literaturressort. In dieser Funktion wurde er 1973 von Marcel Reich-Ranicki abgelöst, der später über Bohrer äußerte, er habe »mit dem Rücken zum Publikum« redigiert – was dieser erklärtermaßen als Kompliment auffasste, da er es nicht als seine Aufgabe ansah, sich dem geistigen Horizont der »Mehrheit« anzupassen.

Nichtsdestotrotz blieb er damals noch einige Jahre bei der »FAZ« und berichtete als Kulturkorrespondent aus London. Hier entfachte nach Beobachtermeinung der von ihm befürwortete Falklandkrieg der Briten (1982) sein polemisches Talent, das ihn seither mit Verve in politische und kulturelle Debatten eingreifen ließ.

Von London wechselte Bohrer 1982 als Lehrstuhlinhaber für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an die Universität Bielefeld, wo er bis zu seiner Emeritierung 1997 lehrte. 2003 erhielt er einen Ruf als Gastprofessor an die kalifornische Stanford University.

Die größte öffentliche Wirkung erzielte der in Paris und London lebende Weltbürger Bohrer als Herausgeber (1984-2011) und produktiver Autor der Kulturzeitschrift »Merkur«, der »Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken« (Untertitel) mit Sitz in München bzw. später Berlin, die er ab 1991 zusammen mit Kurt Scheel herausgab. Dort erschien 1984 Bohrers Satire »Die Ästhetik des Staates« als Auftakt zu einer Reihe von Glossen über Deutschland bzw. die Bonner Republik während der »ewigen« Kanzlerschaft
Helmut Kohls.

Mit seiner autobiografischen Erzählung »Granatsplitter« debütierte Bohrer 2012 als Belletrist. Das Buch erzählt von einer deutschen Jugend in den Kriegs- und Nachkriegsjahren bis 1953 – ein »Abenteuerroman« aus Ruinendeutschland, hieß es im SPIEGEL. 2017 legte er unter dem Titel »Jetzt: Geschichte meines Abenteuers mit der Fantasie« eine Fortsetzung seines autobiografischen Projekts vor, die von den frühen Sechzigerjahren bis in die Gegenwart reicht.

Bekannt wurde Bohrer als streitbarer Kritiker und Denker seiner Zeit. »Er ist immer Einzelgänger geblieben. Diesen Status hat er geradezu stilisiert«, schrieb der Schriftsteller und Verleger Michael Krüger in einer Rezension . In seiner Biografie zeigte Bohrer Bewunderung für die Diskurskultur und Studentenrevolte der Sechzigerjahre. Unter dem Titel »Kein Wille zu Macht« kritisierte er zuletzt die »Reduktion von Politik auf Sozialhilfe« als Fehler der Bundespolitik.

ime
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