Kindheit in den Fünfzigern Als Vaters Blitz noch rot war

Entdeckung eines Jahrzehnts aus der Tretroller-Perspektive: Im meisterhaften Erinnerungsbuch "Das Erste, was ich sah" schildert Karl-Markus Gauß eine Kindheit als Sohn von Heimatvertriebenen - und verknüpft das Nachkriegsgrau mit blühender Phantasie.

Von Hans-Jost Weyandt


Der große Gauß, wie der als eleganter Stilist bekannte Kritiker, Essayist, Reporter und Herausgeber hier einmal ohne jede Übertreibung genannt werden darf, der Schriftsteller Gauß also hat eine Menge Anerkennung erhalten für sein vielseitiges Schaffen, darunter etliche sehr schöne Preise. Doch die tollste Trophäe seines Lebens, darauf würde jeder Leser seines jüngsten Werks wetten, bekam dieser Büchermensch bereits, bevor er lesen konnte. Dem kleinen Karl-Markus brachte der vierte Geburtstag einen funkelnagelneuen Tretroller ein, der ihn vor allen Kindern im Salzburger Aiglhof-Viertel auszeichnete. Er war aus stabilem Metall, hatte dicke Gummireifen zum Aufpumpen und einen Namen, der einfach unschlagbar war: der rote Blitz.

Noch ohne einen blassen Schimmer zu haben von Old Shatterhand und dessen Wunderrappen Hatatitla (Blitz, in Winnetous Sprache), kapierte das Kerlchen sofort, was viel später auch Harry Potter auf seinem Firebolt erfahren sollte: Wer den gebändigten Blitz zum Gefährt, wenn nicht Gefährten hat, muss über besondere Mächte verfügen. Sauste er auf dem roten Raser nicht schneller und wendiger als alle anderen um die Ecken? Und besaß er nicht einige außergewöhnliche Fähigkeiten mehr? Mit seinem blitzgescheiten Sturkopf konnte er Nachbarjungs, die viel älter und stärker waren, bezwingen, mit seinen Worten gar zum Heulen bringen, und half das mal nichts, verfolgte er übermächtige Peiniger so lange mit seinen zornblitzenden Flüchen, bis die Schufte ihre gerechte Strafe ereilte.

Kein Zweifel: Aus der Tretrollerperspektive hat sich dem behüteten Knaben, der als jüngstes von vier Kindern einer Flüchtlingsfamilie eher beengt in einem Mietshaus aufwuchs, das Leben ganz wunderbar dargestellt, und die Formulierungslust, mit der Gauß die Glücksmomente seiner ersten Weltentdeckung in den brillant verdichteten Prosaminiaturen seines Erinnerungsbuchs "Das Erste, was ich sah" aufleuchten lässt, behauptet vergnügt das vergangene Wunderbare als unbedingt wahr.

Abschied von Donauschwaben

Was allein schon deshalb erfrischend ist, weil der schmale Band so einige populäre Annahmen ziemlich alt aussehen lässt. Über Kindheiten in den fünfziger Jahren, die bekanntlich grau, bedrückend und vermieft gewesen zu sein haben. Oder über die Erinnerung und ihre Launen, der mit harter Arbeit an Begriff und Differenz die Flausen ausgetrieben werden müssten, um so das Verschwiegene, Verdrängte freizulegen. Weil aber der wissbegierige Karl-Markus sowohl das Nachkriegsgrau nebst streng verhärmter Nachbarsfrau als auch das bedrückend Verschwiegene mühelos mit seinen blühenden Phantasie verknüpft, kann der Autor sie in seiner Sprache verdichten zu magisch realistischen Bildern seiner leichthändigen Erinnerungskunst.

"Ich träumte oft von dem dicken Mann, der auf dem Dach stand, bis ich den dünnen Mann sah, der durch die Luft ging", beginnt ein erzählerisch virtuoser Drahtseilakt, der den namenlosen Schrecken angesichts eines Lebensmüden kurz vor dem Todessturz ausbalanciert mit dem sprachlosen Staunen über einen Seiltänzer. Leicht ließen sich weitere solcher grandioser Anfangssätze anfügen, die aus der kindlichen Vorstellungswelt heraus phantastisch poetische Räume öffnen wie selten nur in der gegenwärtigen Literatur. Ihr traumähnliche Verknüpfung und ihre schwebende Komik erinnern zuweilen an Federico Fellinis großen Erinnerungsfilm "Amarcord", und wann hat man schon bei deutscher Prosa an das Kino des Maestros denken dürfen.

Dass der Erzähler Gauß bei solchen schwindelerregenden Kunststücken nicht abstürzt, hat wohl damit zu tun, dass er bei aller artistischen Leichtigkeit nie vergessen lässt, wie schmerzhaft desillusionierend Stürze sein können: Auch wenn der kleine Rollerraser die blöde Sache mit dem roten Blitz und dem aufgeschlagenen Knie tapfer wegsteckt, ist dieses Buch, das den Zauber der Kindheit beschwört, natürlich auch eines über den Abschied von der Kindheit und ihren herrlichen Illusionen.

Und das bedeutet in diesem Buch auch den Abschied von einer Kultur. Bei den Gaußens reichte die Mutter "Guchen" und "Gäggsä" zum Kaffee oder Tee, turtelten die Eltern auf Ungarisch und stritten auf Serbokroatisch, doch das Donauschwäbisch der Eltern und ihre mitteleuropäische Vielsprachigkeit erscheinen den Kindern bereits als Relikte einer Vergangenheit, in die es keine Rückkehr gibt. Wie man mit dem Verlust umgeht, lernt der Junge, der später die im Verschwinden begriffenen Kulturen Europas in großen Reisereportagen für seine einzigartige Galerie der "Sterbenden Europäer" (2001) porträtieren wird, von seinem Vater. Der nervös-sensible Mann, der als Vertriebenenfunktionär sein bescheidenes Auskommen gefunden hat, muss seine eigentliche Bestimmung jedoch in just dem gefunden haben, was auch das Buch seines Sohnes auszeichnet: Klischees lustvoll zu konterkarieren.

Statt stramm einen revanchistischen volksdeutschen Knochen zu geben, wettert er lieber über die "Nazi"-Familien, die sonntags frisch-fromm wandernd "ins Feld" zu ziehen pflegen, während er mit seinen Söhnen selbst bei schönstem Wetter lieber ins Kino aufbricht. Und statt stumm die Altlasten des Kriegs auszubrüten, animiert er seine Familie zum wilden Durcheinanderreden bei Tisch, wobei die Kinder sich die Kunst der "witzigen Gewandtheit und charmanten Verlogenheit" mit dem Graubrot einverleiben.

Früh erprobt der Jüngste sein Talent, mit tollen Lügengeschichten, die er im Rückblick standhaft als "eigene Wahrheiten" verteidigt, seine Zuhörer in Bewunderung zu versetzen, und es ist diese anarchische Lust am Fabulieren, die diesem Selbstporträt des Büchermenschen als analphabetischer Knirps seinen Zauber und seine befreiende Wirkung verleiht. Das Beste daran: Gauß musste dafür nicht einmal lügen. Er hat ja die Erinnerung und eine Sprache, die spielerisch leicht eigene Wahrheiten entdeckt, wo andere nur Flausen sehen. Ein Meisterwerk.

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