US-Hype Knausgård Peinlich wie wir alle

Ein Norweger wird mit "Mein Kampf" zum Hype in den USA: In einer autobiografischen Buchserie mit Hitler-Titel lässt Karl Ove Knausgård keine Peinlichkeit aus - und wird dafür gefeiert. Jetzt erscheint der nächste Band auf Deutsch.
Von Thomas Andre
Karl Ove Knausgård: Zwischen Indiskretion und Ejakulation

Karl Ove Knausgård: Zwischen Indiskretion und Ejakulation

Foto: Alejandro Garcia/ picture alliance / dpa

In Norwegen mussten Firmen angeblich "Knausgård-freie" Tage ausrufen, um die Produktion zu steigern: kein Lesen mehr während der Arbeitszeit, kein Diskutieren - malochen. Es war eine ganze Nation, die sich in den vergangenen Jahren der Lesesucht hingab und der Lust, sich im Leben eines Mannes wiederzuerkennen und dem des Kindes, das er war. Ein Mann, der Karl Ove Knausgård heißt, 1968 in Oslo geboren wurde, und der in einem Schaffensrausch seinen autobiografischen Roman veröffentlichte: in sechs Bänden und auf 3600 Seiten, ein Riesenwerk und vielleicht das bemerkenswerteste Stück Weltliteratur der jüngeren Vergangenheit.

Denn Weltliteratur ist "Min kamp", das sich im Fünf-Millionen-Einwohnerland Norwegen insgesamt eine halbe Million Mal verkaufte, nicht nur, weil es zuletzt in den USA einen regelrechten Knausgård-Hype gibt,  sondern vor allem, weil hier ein Schriftsteller mit dem Furor des Chronisten davon erzählt, was es heißt, ein Mensch der Gegenwart zu sein. Die alten und neuen Leiden des Karl Ove Knausgård sind auch in New York oder Berlin nachvollziehbar. Hineingeboren in die Mittelschicht hat Knausgård im Grunde eine Normalbiografie. Jetzt aber gilt er als Proust der Gegenwart.

Der nun auf Deutsch erscheinende vierte Band von "Min Kamp" trägt hierzulande den Titel "Leben" und folgt auf die vorherigen Lieferungen, die "Sterben", "Lieben" und "Spielen" heißen - alle Bücher funktionieren eigenständig. Knausgårds ironische Idee, sein Lebensprojekt mit "Mein Kampf" zu überschreiben, hat hierzulande jedoch keine Chance gegen den Imperativ des moralisch Schicklichen.

Dabei ist es tatsächlich ein Kampf, es ist das permanente Bemühen um eine mit Sinn aufgeladene Existenz, um den Lebensgenuss im Alltag, den Knausgård in seiner Marathonbeschreibung des Banalen zu Papier gebracht hat. Knausgård schreibt mit Akribie und einer Einsicht in das Repetitive des Alltags, vom Wechseln der Kinderwindeln und den Zigarettenpausen, die einen als Leser wahnsinnig machen würden, hätte man nicht erkannt, dass das Leben genau so ist. Das genaue Hinabtauchen in die eigene Vergangenheit ist ein penetrantes Referieren von Routinen - mit hohem Wiedererkennungswert.

Ungeschützte Enthüllung

Nachdem er sich in "Sterben" vor allem mit dem Selbstzerstörungstrip seines Vaters und der eigenen Beziehung zu diesem kalten Haus-Tyrann beschäftigt hatte, wandte sich Knausgård in "Lieben" dem eigenen Dasein als Vater zu und den Abnutzungserscheinungen der Ehe. "Spielen" handelte von der Kindheit, der neue Band "Leben" von Pubertät und Adolszenz.

Wir treffen Karl Ove, den Popmusikfan, Mitte der Achtzigerjahre in der nordnorwegischen Provinz, wo er nach dem Abitur als Aushilfslehrer arbeitet. Ein Brotjob, mit Verve wird vor allem der Plan angegangen, Schriftsteller zu werden. Noch mehr als dem Schreiben widmet sich der Heranwachsende dem Trinken. Eine beunruhigende Ähnlichkeit mit den Gewohnheiten des Vaters offenbart sich da, dessen Abgleiten in den Alkoholismus Knausgård erbarmungslos schildert.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Leser von der Alkoholabhängigkeit des Vaters erfährt, und auch sonst kehrt Knausgård immer wieder zu Schlüsselerlebnissen zurück. Sein Ego-Epos kreist um alle wichtigen Etappen und modelliert auf diese Weise eine Biografie. Stilistisch anspruchsvoll ist Knausgård nicht. Auch dramaturgische Eingriffe gibt es kaum, dafür aber ein recht zwangloses Verhältnis zur Chronologie.

Und so ist "Leben" wieder der Versuch, in einer überwältigenden Fülle, subjektiv und radikal über sich selbst zu schreiben - und andere. Die fortlaufende Indiskretion, wenn sich Knausgård beispielsweise über seine Verwandtschaft ausbreitet, hat ihm auch Kritik eingetragen. Das literarische Biografie-Projekt zielt zwar auf das Beispielhafte eines Lebens, hat seinen Ursprung aber notwendigerweise auch in einer persönlichen Vermessenheit. Mit Knausgårds Eitelkeit hat es jedoch eine besondere Bewandtnis: Er untergräbt sie, weil er kaum zurückschreckt vor Peinlichkeiten, der ungeschützten Enthüllung seines Selbst.

Kleenex und Sonnenbrille

Genau deswegen ist "Min Kamp" so eine irritierende Lektüre: Weil sich hier jemand eine Gestalt gibt, indem er (fast) alles zeigt, gerade auch seine jämmerlichen oder abstoßenden Seiten. In "Leben" geht es vor allem um die erotischen Nöte des Teenagers, der sich zusammenreißen muss, nicht seinen nur wenige Jahre jüngeren Schülerinnen nachzustellen - und der verzweifelt versucht, die ewig wiederkehrende Schmach der vorzeitigen Ejakulation zu überwinden, um endlich seine Jungfräulichkeit zu verlieren.

An einer Stelle seiner immer wieder von essayistischen Einschüben unterbrochenen Autobiografie räsoniert Knausgård über den Unterschied zwischen fiktionalem und nicht-fiktionalem Erzählen. Bei Letzterem gehe es nur um die Stimme der eigenen Persönlichkeit, die man für andere ausstellt - "Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen?"

In "Leben" blickt der Leser auf die alkoholisierten Exerzitien der Abiturienten, er liest seitenlange Schilderungen über das Ankommen Karl-Oves in der Fremde, wo sich das Erwachsensein immer noch nicht einstellen will. Man kann diesen vierten Band als Coming-of-age-Roman lesen, und man stellt wieder und wieder fest, mit welcher Zärtlichkeit Knausgård das Leben betrachtet und wie er nicht in die Falle der Sentimentalität tappen will, obwohl das Wesen der Hauptfigur nun einmal so ist. Einmal besucht der Erzähler mit einer romantischen Bekanntschaft seine frühere Schule und ist tief gerührt. Knausgård wird ständig von Gefühlen übermannt. Die "New York Times" schrieb kürzlich treffend und ein wenig spöttisch, man wolle ihm dauernd eine Kleenex-Box reichen und eine Sonnenbrille.

Das ist der Preis, den Knausgård für sein literarisches Aufrichtigkeitsprogramm zahlen muss. Er ist einer von den Wahrhaftigen, wenn es solche denn gibt.

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