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10. Dezember 2015, 15:29 Uhr

Der Kaiser der Österreicher

Franz Joseph I. und die gute, alte Zeit

2016 ist Franz-Joseph-Jahr: Was gäbe es Passenderes, als im Lehnstuhl in einer k.u.k. Biografie zu schmökern?

Vor 100 Jahren starb hochbetagt Kaiser Franz Joseph I., der Habsburger, mit dem viele Österreicher vor allem nostalgische Gedanken verbinden: an die gute, alte Zeit, die Welt von gestern. Vom unruhigen Jahr 1848 über den Krieg mit Preußen 1866 und die anschließende Gründung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn regierte er bis 1916.

Praktisch ein halbes Jahrhundert davon war er der Kaiser eines Habsburgerreich in seiner ganzen Vielvölkerpracht, ohne dass er außenpolitisch Akzente setzen musste oder seine Stellung ernsthaft in Gefahr geriet.

Bis dann 1914 der Weltenbrand entfacht wurde, als Franz Joseph I. längst eher eine Art greises Maskottchen Österreichs geworden war. In ihrer flüssig geschriebenen Biografie "Franz Joseph I. Kaiser von Österreich und König von Ungarn 1830-1916" - sie wird nicht die einzige im Franz-Joseph-Gedächtnisjahr bleiben - würdigen Michaela und Karl Vocelka vor allem die ereignisreichen Jahre im Leben des Kaisers, der sich einmal gegenüber dem amerikanischen Ex-Präsidenten Theodore Roosevelt 1910 als "letzter europäischer Monarch der alten Schule" bezeichnete.

Der "ewige" Herrscher - fast sieben Jahrzehnte! - überließ das Heft des Handelns nach dem Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand im Jahr 1914 seinen Ministern, sie steuerten die konstitutionelle Monarchie zielsicher und von ihm geduldet in die Katastrophe. Der düstere Schlussakkord in einem selbstgenügsamen Leben.

Das Autorenduo porträtiert sowohl die Zeremonien der letzten glanzvollen Monarchie-Jahre als auch den von Katastrophen heimgesuchten Privatmann (der Mord an Kaiserin Elisabeth "Sisi" von Österreich, der Selbstmord von Kronprinz Rudolf) und den von festen Routinen und Abschottung geprägten Alltag. Erfahrungsarmer, alter Kaiser in einer am Ende siechen Regierungsform: "Nicht nur jeder atmosphärische, sondern auch jeder politische Luftzug" wurde vom Kaiser ferngehalten, zitieren die Autoren einen Zeitgenossen Franz Josephs, der befand, die ständige Wiederholung des Tagesablaufs hätte dem Regenten unbewusst die Vorstellung verschafft, die Zeit stehe still - bis sie schließlich über ihn hinwegging.

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