Fotostrecke

Roman "Karlheinz": Blick in die Wirtschaftswunderjahre

Foto: Billy Hutter/ Metrolit

Roman "Karlheinz" Destillat eines Deutschen

Kein Leben wie jedes andere? Anhand eines Nachlasses rekonstruiert Billy Hutter in seinem Roman "Karlheinz" den Werdegang eines Ludwigshafeners im halbvergessenen Nachkriegsdeutschland. Ein außergewöhnliches Buch.

Ludwigshafen, die hässliche Schwester von Mannheim: Industrieaufstieg und Niedergang innerhalb von hundert Jahren, Vorzeigeprojekt der Nazis, heute eine Art Nichtort. Welcher wäre besser geeignet, um das deutsche Nachkriegsleben im merkwürdig biederen Schwebezustand der Wirtschaftswunderjahre zu beschreiben?

Erst recht, wenn dieses Leben auch noch einem Karlheinz gehört, ein Name - und Verzeihung an die Karlheinze unter den Lesern - der im Lexikon geradezu als Synonym für ein spießiges Vertreterleben zwischen Gartenzwergen, Reihenhaus und Modelleisenbahn stehen könnte.

Was Billy Hutter mit seinem Buch "Karlheinz" gelingt, ist beachtlich. Obwohl er in den privaten Hinterlassenschaften einer realen Person wühlt und den Leser mit auf diesen Raubzug durch die Intimsphäre eines Fremden nimmt, verflüchtigt sich das leichte Unwohlsein schon nach wenigen Seiten. Hier geschieht keine Leichenfledderei, vielmehr ist der Roman das Destillat einer Generation.

Denn Karlheinz ist nicht nur eine Person. Er ist deutsches Allgemeingut. Geboren 1929, Kriegskindheit und Nachkriegsleben. Und sein akribisch (oder manisch) aufgezeichnetes und aufbewahrtes Leben in Kisten, Schachteln und Papierstapeln verdient es, weiter zu existieren.

Vom Aktionskünstler zum Romanautor

Der 57-jährige Autor Billy Hutter ist Aktionskünstler und verdient sein Geld mit Haushaltsauflösungen. Bei einem dieser Aufträge, Ende der Neunzigerjahre schon, stieß er auf die Hinterlassenschaft von Karlheinz. Über zehn Jahre ließ Hutter das Material ruhen. Doch Karlheinz ließ ihn nicht mehr los, und irgendwann entstand dann doch dieses Buch.

Vielleicht ist Hutter auch nur ein sentimentaler Mensch, und der Roman seine Form der Würdigung für die verstorbenen Bewohner all der entrümpelten Wohnungen, an deren Leben sich niemand mehr erinnert. Wie der Zufall so spielt, ist Ludwigshafen auch Hutters Heimatstadt, der er mit diesem Buch eine Art Denkmal aus Hass-Liebe gesetzt hat.

Hutter sagt, für ihn sei Karlheinz auch eine Projektionsfläche gewesen: "Ich benutze ihn eher kalt, als Folie, um über mich nachzudenken, oder darüber, wie wir ein autonomes Leben führen können." Ein wenig arbeitet er sich auch stellvertretend an der Vatergeneration ab, spielt dabei mit Mitteln der Fiktion und Dokumentation.

Die nationalsozialistische Vergangenheit der Industriestadt Ludwigshafen sowie von Karlheinz' Familie spielt eine wichtige Rolle, auch ein "dicker Nachbarsjunge" taucht auf, mit dem Helmut Kohl gemeint ist, der fast zeitgleich in Ludwigshafen aufwuchs. Hutter tastet sich durch diese genau dokumentierte und trotzdem imaginäre Vita. Klar ist, einen Karlheinz kennt jeder, diese Leben, die schon im gelebten Zustand langsam verblassen.

Und so begleitet man den Ich-Erzähler, beginnend mit seinen ersten ungelenken Kinderbildern, durch sein Leben, geht den Schulweg durch das zerstörte Ludwigshafen, zieht mit ihm weiter zum Chemie-Studium in Heidelberg, wieder parallel mit Kohl, geht ins Kino, wandert in sehr deutschen Urlaubsorten und fährt immer wieder mit in "unserem Opelauto", scheinbar Karlheinz' engstem Partner.

Gelegentlich werden Prostituiertenbesuche verzeichnet oder verklemmt verschlüsselte Sexfilme im Kino angeschaut, nennenswerte Beziehungen außerhalb der Familie finden sich nicht. Manchmal kommt man Karlheinz dabei peinlich nahe, bei Arztbesuchen etwa, was Hutter dann kommentierend aufgreift und reflektiert. Es ist alles elliptisch, was Hutter da ausbuddelt und beleuchtet. Die Artefakte wirken wie archäologische Fundstücke, die der Autor kommentiert und interpretiert. Dazu stellt er Zitate von Rosa von Praunheim oder Punkgruppen.

Hutter ist immer auch das Staunen anzumerken über die Faszination, die er für sein Sujet entwickelt hat. Er stellt Querverbindungen her, betrachtet die Fundstücke, die zum Teil zitiert, zum Teil abgedruckt sind, stets auch im Rahmen der sie umgebenden Gesellschaft. Man schaut aus heutiger Sicht auf dieses Deutschland und wundert sich.

Anzeige

Billy Hutter:
Karlheinz

Metrolit; 240 Seiten; 25 Euro.

Buch bei Amazon: Billy Hutter: Karlheinz 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.