Autorin Kat Kaufmann Schublade ist natürlich scheiße

Druff in Berlin? Kat Kaufmanns Bücher gelten als wilde Großstadtliteratur - und sie selbst als hippe Bohemienne. Eine Annäherung.

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Winter 2017, der schlimmste anzunehmende Zustand: Ein Bündnis aus Westmächten und eine Russisch-Asiatische Union stehen kurz vorm Dritten Weltkrieg. In ihrem neuen Roman "Die Nacht ist laut, der Tag ist finster" entwirft die Autorin Kat Kaufmann das letzte Durchatmen vor einer Endzeit - und setzt mitten in diesen Zerfall einen Menschen, der ausgerechnet darum ringt, sich endlich ganz zu fühlen: Jonas, Studienabbrecher und Tablettensüchtiger, sieht die Mutter wie eine Fremde, den Stiefvater als wohlmeinend, aber bedeutungslos.

Als sein Großvater ihm auf dem Sterbebett 5000 Euro und den Namen Butzukin hinterlässt, macht er sich von Berlin aus auf die Suche nach seinem leiblichen Vater. Gerät dabei in eine Schießerei mit einem Drogenboss. Landet zwischen Ratten in einer Moskauer Platte. Und irgendwann im verschneiten Niemandsland, das vielleicht auch nur in seinem eigenen Kopf existiert, während über ihm die Bomben zu fallen beginnen.

In den besten Momenten verpackt Kaufmann diesen an sich schon ziemlich rabiaten Roadtrip noch in Sätze, so assoziativ gereiht und schroff komponiert, dass man allein vor ihrer Kraft kapituliert: "Die Zeit (rennt) durch uns durch, und wir wehren uns und schlagen uns gegen sie. Aber es ist ihr scheißegal. Kuckuck-Kuckuck, sagt die Uhr und zeigt der Welt den Mittelfinger. Es ist gut."

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Kat Kaufmann: Der Hipster-Fluch

Rowdy-Schreibe, Großstadt-Setting, zwischendurch ein bisschen Koks und Figuren, die im attraktiven Sinne nicht auf sich achtgeben: Kaufmann, Jahrgang 1981, die mit ihren Eltern Anfang der Neunziger aus Sankt Petersburg nach Deutschland kam, als Schriftstellerin, Jazzkomponistin und Fotografin arbeitet, gilt als großes Talent. Seit ihrem Debüt "Superposition" von 2015, in dem sie die russisch-jüdische Musikerin Izy bei ihrem Berliner Leben neben der Spur begleitete, ordnen viele sie in die Schiene "Junge Frau schreibt wilde Großstadtliteratur" ein. Häufig wird sie verglichen mit Autorinnen wie Ronja von Rönne und Mirna Funk.

Natürlich wird man so keiner gerecht, sondern ebnet Unterschiede ein, statt richtig hinzugucken. Natürlich sagt Kaufmann, fragt man sie beim Treffen in einer Bar in ihrem Viertel Charlottenburg danach, dass sie diese Schublade scheiße findet. "'Izy ist ja auch 'ne ganz Taffe', wenn ich so was schon höre, kriege ich das Kotzen. Da denke ich: Ey Leute, überrascht euch doch mal selbst." Gleichzeitig erfüllt sie aber eben auch die Kriterien für die öffentliche Rolle als Bohemienne - und wie und ob dabei Pose und Sein ineinanderfließen, ist für die Vermarktbarkeit egal:

Kaufmann spricht beim Treffen smart über ihre Bewunderung für Beuys und Putins Politik. Und sieht dabei so gut aus, dass man kaum wegschauen mag, wenn sie lacht, und sie lacht viel. Ist angezogen wie eine arty Modebloggerin, betreibt einen Instagram-Account, der nicht nervt, aber halt schon Ausstellung des hippen Lebens betreibt. Und sie ist auf unverschämte Art telegen - als Kaufmann Anfang Juni im "Neo Magazin Royale" im Interview mit heißer-trainierter Stimme spontan begann, "Summertime" zu singen ("Habe mit elf angefangen, zu rauchen"), guckte Jan Böhmermann nicht nur so geistig umnachtet wie ein verknallter 17-Jähriger. Sondern wirkte neben ihr auch noch wie der schlechtere Entertainer, der ein bisschen musikalische Begleitung vor sich hin murkelte, während sie vor Präsenz zu flirren schien.

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Kat Kaufmann:
Die Nacht ist laut, der Tag ist finster

Tempo; 272 Seiten; 20 Euro

Das alles ist der Glanz von Kat Kaufmann. Darunter schält sich aber auch noch ein anderer Reiz hervor. Der ist schwerer zu fassen, aber interessanter: "Ich bin anscheinend die, die über die Verlorenen schreibt", sagt Kaufmann. Genauer: In ihren Büchern funktioniert die seelische Unabgeschlossenheit der Figuren als individuelles Gefühl und Weltausdruck gleichzeitig.

In "Superposition" legte Kaufmann unter all der Krawallsprache behutsam eine Lücke im Selbst ihrer Protagonistin Izy frei, die weit über larmoyante First-World-Tristesse hinausging: Izy zog in sich selbst umher wie eine Nomadin, weil sie sich als jüdisch-russisches Einwandererkind geflüchteter Eltern so wenig gemein mit dieser deutschen Welt fühlte. Diese Welt wiederum baute Izy für diese Eigenschaft keine Brücke, und sie landete deshalb - eben nicht aus hipper Selbstzerstörung, sondern aus dem schlichten Unwillen, hier weiter zu existieren - im Krankenhaus. Auch hier griffen Welt- und Selbstauflösung schon ineinander, wenn Izy von russischen Kampfflugzeugen, die den Fernsehturm zu Asche bomben, fantasierte.

In "Die Nacht ist laut, der Tag ist finster" treibt Kaufmann dieses Ineinandergreifen weiter. Sie übersetzt das nervöse Informationsrauschen, dem sich heute kaum einer mehr entziehen kann, das aber jeden - nach dem x-ten Terroranschlag, nach der Trump-Wahl, nach dem Brexit - anfasst, in eine Erzählung und in die Figur Jonas gleichsam. "Wir sitzen hier satt mit bunten Getränken und lustigen Geräten ausgestattet, mit iPhone und Samsung", sagt Kaufmann im Gespräch. "Weil wir die Kriege woanders hin verlagert haben. Das heißt aber nicht, dass wir sie nicht spüren."

Jonas verbringt vor der Weltkriegskulisse nicht nur Nächte im Netz auf der Suche nach Nachrichten, deren Bedeutung er wieder vergisst - auch in seinem eigenen Leben reißen alle Zusammenhänge. Der Mann, den er für seinen leiblichen Vater hält, ist es gar nicht. Tatsächlich ist die Geschichte eine ganz andere. Jonas ist gewissermaßen Fake News aufgesessen, an die er aber nicht aufhören kann zu glauben. Weil er es in seiner Sehnsucht nicht will. Aber auch, weil es die Instrumente zur Realitätsüberprüfung schlicht nicht mehr gibt.

Kaufmann arbeitet bereits an ihrem dritten Buch. In dem will sie von einem alten Mann erzählen, der weder Russe noch Deutscher ist und in einer Zukunft lebt, in der sich alle Zusammenhänge aufgelöst haben. Kaufmann sagt: "Ich bin schon ziemlich verzweifelt. Ich gebe die Welt nach und nach auf." Klingt erst mal wild. Inhaltlich ist es nur konsequent.



insgesamt 5 Beiträge
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kaiosid 20.06.2017
1. Taff...
Die Frau sagt was und ist institutionalisierter Off-Beat - kann man mal hin, wenn man diese ganze drogeriemarktgepflegte Selbstvermarktungs-Langeweile hinter sich lassen will.
sincere 20.06.2017
2. Noch so eine..
Wen genau soll das Buch ansprechen? Die Geschichten und Protagonisten gab es alle schon zu oft - und wesentlich besser erzählt.
m.s.schneider 20.06.2017
3. Darf man so schreiben....
Endlich mal jemand abseits vom mainstream. Im Leben. Authentisch. Ganz bei sich selbst. Identisch mit ihrem richtigen, echten, wahren Selbst. Ohne sich anzubiedern oder Klischees zu folgen. Real. Selbstmarketing ist ihr fremd. Nur der Text. Aus dem Leben. Warum nochmal hat sie auf fast jedem Bild irgendwas im Mund? Oder gehe ich gerade irgendeinem postfeministischen drölffach gebrochenem Ironiespiel auf dem Leim, in dem man gleichzeitig den nackten Ar*** ins Bild streckt und trotzdem ernsthaft behaupten kann, man mache sich nicht zum sexuell aufgeladenen Schauobjekt, sondern entblöße ja nur die giereige Schaulust des Männerblickes? Zigarre? Ein französischer Denker hat mal den Vorschlag gemacht, man solle - war es ein Jahr lang? - sämtliche Texte mal ohne Autorennamen oder Bild rausbringen. Was da wohl bei rauskäme? Ohne Zigarette, Lolli oder Daumen auf der Lippe.
mariomeyer 20.06.2017
4.
In den schlechtesten Momenten verpackt Kaufmann diesen an sich schon ziemlich bemühten Roadtrip noch in Sätze, so einfallslos gereiht und dilettantisch komponiert, dass man allein vor ihrer Beliebigkeit kapituliert: "Die Zeit (rennt) durch uns durch, und wir wehren uns und schlagen uns gegen sie. Aber es ist ihr scheißegal. Kuckuck-Kuckuck, sagt die Uhr und zeigt der Welt den Mittelfinger. Es ist gut." Tja. Kunst ist, wenn jeder eine Meinung hat, oder?
torren 20.06.2017
5. War ja klar.
Als ich das Titelbild gesehen habe, war irgendwie schon wieder klar, dass jemand sich bemüssigt fühlen wird, die schriftstellerische Leistung der Autorin in Frage zu stellen. Die sieht ja gut aus! Die kann also gar nicht gut schreiben! Käse. Übrigens bin ich ziemlich sicher, dass die Bildauswahl zu diesem Artikel nicht von der Frau Kaufmann selbst stammt. Das bei 3 von 4 Bildern irgendwas im Mund ist, ist also wohl eher Zufall.
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