Debatte über Gorman-Übersetzung »Ich wurde abgelehnt, weil ich die falsche Hautfarbe und das falsche Geschlecht habe«

Der Katalane Victor Obiols sollte den Gedichtband der schwarzen Poetin Amanda Gorman übersetzen. Auf einmal war er seinen Job los. Im Interview spricht er über seine Sicht auf die Entscheidung.
Ein Interview von Steffen Lüdke
Amanda Gorman bei der Inauguration von Joe Biden

Amanda Gorman bei der Inauguration von Joe Biden

Foto: Patrick Semansky / AP

Die Übersetzung des Gedichts war schon fertig. Victor Obiols, 60 Jahre alt, Übersetzer, Musiker und Universitätsdozent aus Barcelona, war mit derselben Gewissenhaftigkeit vorgegangen wie bei früheren Aufträgen, als er Shakespeare und Oscar Wilde ins Katalanische übersetzt hatte.

Als er den Auftrag bekam, erst das Gedicht und später den gesamten Gedichtband der schwarzen Poetin Amanda Gorman zu übersetzen, freute er sich. Seit ihrem Auftritt bei Joe Bidens Vereidigungsfeier ist die 23-Jährige ein Weltstar.

Doch inzwischen ist Obiols den Auftrag wieder los. Er habe das falsche Profil, teilte man ihm mit, man suche eine Frau, möglichst eine Aktivistin.

Seitdem hat der Katalane viel zu tun. Medien aus aller Welt berichten. Nach dem Interview mit dem SPIEGEL will er noch mit der »New York Times« und dem ORF sprechen. Im Interview erklärt Obiols, wie er die Sache sieht – und warum er jetzt einen Song schreiben möchte.

SPIEGEL: Herr Obiols, haben Sie sich bisher als alten weißen Mann betrachtet?

Obiols: Alt bin ich auf jeden Fall. Die weiße Hautfarbe stand in meiner Selbstwahrnehmung bisher nicht so sehr im Mittelpunkt. Außer vielleicht auf meinen Reisen nach Afrika, nach Burkina Faso, wo ich einer NGO geholfen habe, Brunnen zu bauen.

SPIEGEL: Sie haben den Gedichtband von Amanda Gorman ins Katalanische übersetzt. Dann wurde Ihnen abgesagt. Wie kam es dazu?

Obiols: Zunächst war ich begeistert, als ich Amanda Gorman bei der Vereidigung gesehen habe. Eine junge schwarze Frau, nach all dem Trumpismus. Fantastisch! Am vergangenen Montag hat mich dann mein Verlag Univers angerufen und gesagt, dass man eine E-Mail aus den USA von Gormans Agenten bekommen habe. Es werde ein anderes Profil gesucht, vorzugsweise eine Frau, eine Aktivistin.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Wissen Sie, ob das Gormans Idee war oder ob sie die Entscheidung abgesegnet hat?

Obiols: Nein. Ich vermute, dass es nicht ihre Entscheidung war und sie von der Sache überrollt wurde.

SPIEGEL: Können Sie nachvollziehen, dass Ihr Verlag nun die 38-jährige katalanische Dichterin Maria Cabrera vorgeschlagen  hat?

Obiols: Ich verstehe die Entscheidung, aber sie ist mindestens diskutabel. Ich bin enttäuscht. Ich wurde nicht abgelehnt, weil ich ein schlechter Übersetzer wäre, sondern weil ich die falsche Hautfarbe und das falsche Geschlecht habe. Das ist eine symbolische Geste. Genauso wie es eine symbolische Geste war, dass eine Schwarze bei der Inauguration von Joe Biden ein Gedicht vorgetragen hat.

SPIEGEL: Sie glauben, dass Gorman ausgesucht wurde, weil sie schwarz ist?

Obiols: Ich glaube, sie wurde ausgesucht, weil sie schwarz ist, eine Frau und jung. In dieser Reihenfolge.

SPIEGEL: Nicht vor allem, weil sie eine herausragende Dichterin ist?

Obiols: Das spielt natürlich auch eine Rolle, aber vielleicht nicht die größte. Das ist eine Frage der Repräsentation. Und offenbar ist es auch eine Frage der Repräsentation, wer das Gedicht übersetzt. Ich gehöre nicht zu der Gruppe, der man eine Stimme verschaffen möchte. Und deswegen hat man mir wieder abgesagt. Ich respektiere das, vielleicht muss ich mich daran gewöhnen, dass das künftig häufiger der Fall sein wird.

»Als Übersetzer versetzen wir uns in andere Menschen hinein, das ist unser Job.«

SPIEGEL: Ist es nicht eine altbekannte Regel, dass der Übersetzer auch einen Bezug zum Text haben sollte?

Obiols: Absolut. Aber das Argument, ich könne den Text nicht übersetzen, weil ich ihn nicht verstünde, ist absurd. Als Übersetzer versetzen wir uns in andere Menschen hinein, das ist unser Job. Wenn eine junge schwarze Katalanin übersetzen würde, die womöglich aus der Arbeiterklasse kommt und auf einer mittelmäßigen Schule war, stellt sich die Frage, ob ich Gorman nicht trotzdem ähnlicher bin. Sie kommt ja aus Los Angeles, hat in Harvard studiert, macht Mode. Es zählt nicht nur die Hautfarbe oder das Geschlecht.

SPIEGEL: In einem Radiointerview haben Sie rhetorisch gefragt, ob Sie sich nun Schuhcreme ins Gesicht schmieren müssen. Disqualifizieren Sie sich mit solchen Aussagen nicht selbst?

Obiols: Das war ein missglückter Witz, den ich bereue; eine Anspielung auf den Jazzmusiker Al Jolson, der sich das Gesicht schwarz färbte, als das noch nicht als verwerflich galt. Der Kommentar war ein Eigentor. Aber man sollte mir auch keine Lektionen über die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung erteilen. Ich habe ein Buch geschrieben über Cecil Taylor, einen der großen Meister des Jazz. Ich bin weder ausländerfeindlich noch Rassist. Aber das wissen die Leute natürlich nicht. Ich hätte mich besser ausdrücken sollen.

»Dieser Wettbewerb um die schlimmste Diskriminierungserfahrung bringt uns nicht weiter.«

SPIEGEL: Viele Leute, die vermeintlich vom woken Mob gecancelt worden sind, erfahren nun große Aufmerksamkeit. In den Niederlanden übersetzt Marieke Lucas Rijneveld das Gedicht nun doch nicht. Dafür hat Rijneveld selbst ein Gedicht geschrieben. Was machen Sie?

Obiols: Ich will einen Song schreiben.

SPIEGEL: Und worum soll es gehen?

Obiols: Um Amanda Gorman. Ich mag sie sehr, ich würde sie gern kennenlernen. Auch wenn ich natürlich ein bisschen alt bin für sie (lacht). Nein, Spaß beiseite, ich will ein Lied der Eintracht und der Freude schreiben. Ich liebe Jazz, die schwarze Musik hat mich seit meiner Jugend begleitet. Ich habe eine schwarze Seele. Mein letztes Album heißt »Poesies de Broadway« ...

SPIEGEL: Entschuldigen Sie, aber glauben Sie nicht, dass Sie einen weiteren Skandal provozieren, wenn Sie einer schwarzen Frau, die über Rassismus schreibt, nun erklären, dass Sie eine schwarze Seele haben?

Obiols: (lacht) Vielleicht werde ich ja noch berühmter. Warum soll ich das nicht sagen? Ist das beleidigend?

SPIEGEL: Zumindest dürfte es bei einigen auf Unverständnis stoßen.

Obiols: Aber ich kann doch betonen, wie nah ich mich der schwarzen Kultur fühle! Davon abgesehen habe ich als Spanier in den Achtzigerjahren in Rotterdam gearbeitet, ich weiß wie es sich anfühlt, diskriminiert zu werden. Aber dieser Wettbewerb um die schlimmste Diskriminierungserfahrung bringt uns nicht weiter. Man sollte nicht zulassen, dass der Fanatismus die Überhand gewinnt.

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