Familiengeschichte "Vielleicht Esther" Nächster Halt Holocaust

Von der Berliner Gegenwart zu den Schrecken des 20. Jahrhunderts: In "Vielleicht Esther" erzählt Katja Petrowskaja von einer Recherche in der eigenen Familiengeschichte - und schafft ein großartig erzähltes Panorama des 20. Jahrhunderts.
Katja Petrowskaja: Freischwebend angelegte Geschichte

Katja Petrowskaja: Freischwebend angelegte Geschichte

Foto: Arno Burgi/ picture alliance / dpa

Mit "Vielleicht Esther" schafft Katja Petrowskaja ein Kunstwerk, wie man es in der deutschsprachigen Literatur selten findet: Eine Familiengeschichte, die weder von den literarischen Konventionen erdrückt wird noch von der historischen Last des erzählten Stoffes. "Vielleicht Esther" beginnt in der Gegenwart, in der die Ich-Erzählerin Katja Petrowskaja sich von Berlin aus Richtung Warschau aufmacht, die Lebens- und Sterbensumstände ihrer Vorfahren zu ergründen. Dementsprechend wird sie auch von der Vergangenheit erzählen, bis hin zum Jahr 1864, als ein Zeitungsartikel von einem Ahnen Petrowskajas berichtet: einem gewissen Simon Geller. Der hatte in Wien eine Schule für taubstumme Kinder gegründet.

Wohl fast immer ist die Geschichte der eigenen Familie nicht mehr als eine Anhäufung derartiger loser Papiere, von vereinzelten Erinnerungen, kaum verknüpften Namen von Orten und Personen. Katja Petrowskaja nähert sich in ihrem autobiografischen Roman diesem Konvolut, indem sie die Stränge räumlich und zeitlich verbindet - um sie dann zu verweben in einer freischwebend angelegten Geschichte, deren Erzählerin sich eine leise Heiterkeit auch dann bewahrt, wenn die Situation von bedrückendem Ernst ist. Reisend, recherchierend und erinnernd sucht sie die für ihre Familiengeschichte entscheidenden historischen Schauplätze auf - die Schlucht Babi Jar bei Kiew, das Konzentrationslager Mauthausen - und macht sich dabei nonchalant zur Protagonistin.

Sie, Jahrgang 1970 und damals die Jüngste ihrer Familie, war in Kiew aufgewachsen, in einer Wohnung, in der neben ihren Eltern und Geschwistern auch die beiden Großmütter wohnten. "Sie hatten nicht mehr alle Tassen im Schrank" schreibt Petrowskaja - und meint damit die Traumatisierung, die beide Frauen erlitten hatten während der deutschen Besatzung Kiews im Zweiten Weltkrieg, als es für sie ums Überleben ging. Sie waren Jüdinnen.

"Obdachloses Moll"

Ein erstes Mal erlebt Petrowskaja, in deren Familie die Konfession während der Sowjetzeit keine Rolle gespielt hatte, wie sich ihre Großmutter Rosa auf jüdische Traditionen besinnt, als sie von ihrer ersten Auslandsreise als 18-Jährige aus Warschau eher zufällig eine Schallplatte mit "Jüdischen Liedern aus Osteuropa" mitbringt: "Meine Großmutter, die niemals ein Wort auf Jiddisch gesagt hatte, begann auf einmal übermütige Lieder in einem obdachlosen Moll zu singen", es öffnete sich "das versiegelte Fenster ihrer frühen Kindheit", und Petrowskaja verstand, dass ihre "Babuschka aus einem Warschau kommt, das es nicht mehr gibt".

Dieses Warschau wird der Ausgangspunkt ihrer eigenen Recherche: "Ich hatte gedacht, man braucht nur von diesen paar Menschen zu erzählen, die zufälligerweise meine Verwandten waren, und schon hat man das ganze zwanzigste Jahrhundert in der Tasche."

Es ist ein Jahrhundert des Massenmords, der Deportationen und Kriege, in dem nationale Grenzen und Zuschreibungen von Volkszugehörigkeit über Leben und Tod entscheiden - doch zu den wunderbaren Effekten von "Vielleicht Esther" gehört, dass Katja Petrowskaja derartige Setzungen fast spielend überwindet. Längst lebt sie in Berlin, spricht und schreibt deutsch, im Text verknüpft sie leichthändig Schauplätze in Polen, der Ukraine, Russland, Österreich und Deutschland und öffnet so einen grenzüberschreitenden, einen europäischen Raum.

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, findet "Vielleicht Esther" unter den vier weiteren Kandidaten für diese Auszeichnung sein Gegenstück in Per Leos "Flut und Boden": Auch dessen Autor, geboren 1972 und damit fast der gleiche Jahrgang wie Petrowskaja, erzählt in einem Meta-Familienroman von der Generation seiner Großeltern - doch steht bei ihm im Mittelpunkt ein SS-Mann. Und während Leos Erzählung trotz aller Souveränität des Autors der titelgebenden norddeutschen Scholle auch ästhetisch verhaftet bleibt, bringt Petrowskaja ihre Geschichte zum Schweben.

Grauenvoller Kulminationspunkt, aber auch künstlerischer Gipfel des Buches ist das titelgebende Kapitel "Vielleicht Esther": Die an einer einzigen Zeugenaussage aufgehängte, freie Erzählung vom Schicksal von Katja Petrowskajas Urgroßmutter. Zu gebrechlich für die Flucht vor der heranrückenden Wehrmacht, bleibt sie im September 1941 in ihrer Wohnung in Kiew zurück. Dann werden die Juden der Stadt aufgefordert, sich bei Babi Jar einzufinden. Hier töten die Deutschen innerhalb von zwei Tagen mehr als 33.000 Menschen.

In diesen letzten Kapiteln ihres Buchs gelingt Petrowskaja, was nur wenigen Erzählern gelingt: ein kluges, ein warmherziges Buch über die Verbrechen des 20. Jahrhunderts.