Deutsche Ausgrabung von Babylon Wer's findet, darf's behalten

Ein Roman über einen Archäologen - staubtrocken, was? Nein! Mit Witz erzählt Kenah Cusanit in ihrem Debüt "Babel" von Robert Koldewey und dem Grabungswahn - und kommentiert die Museumspolitik von heute.
Ruinen von Babylon im heutigen Irak

Ruinen von Babylon im heutigen Irak

Foto: Universal History Archive/ UIG via Getty Images

Er hat Zeit. Wenn Robert Koldewey eines hat, dann das. Er sitzt in einer Fensternische seines Arbeitszimmers und schaut ins Licht. Auf Babylon.

Er rührt sich nicht. Er hat Schmerzen. Er hat morgens bei der Grabungsbesprechung drei Liter Limonade getrunken, und nun ist ihm flau. Auf seinem Bauch liegt das Nachschlagewerk "Grundriss der Inneren Medizin", und weil Koldewey glaubt, es sei wohl der Blinddarm schuld, folgt er dem Rat des Buchs: "Nicht bewegen!"

Der Archäologe Robert Koldewey, Ende des 19. Jahrhunderts von Berlin aus entsandt, um vielversprechende Grabungsorte für die Deutsche Orientgesellschaft zu finden, er sitzt also 1913 in Babylon, schaut vor sich hin und vermisst alles: die Distanz zur Tür, die Grabungsstätte draußen, das Licht, seine Organe. Sich selbst.

Und Kenah Cusanit lässt Koldewey für den Großteil ihres Debüts "Babel" auch genau dort sitzen. Wie für eine Langzeitaufnahme mit einer alten Plattenkamera. Schon allein dieser statische Rahmen gehört zu den Erstaunlichkeiten, die diesen Roman so besonders machen. Die Berlinerin könnte damit eines der unstaubtrockensten Bücher über Ausgrabungen geschrieben haben. Das mythische Babylon, es wird hier zu einem Arbeitsplatz. Ein Ort, der für den größenwahnsinnigen Grabungswahn jener Ära steht - und dessen Funde in hiesige Museen verschleppt wurden.

Koldewey, der Aussitzer

Kenah Cusanit

Kenah Cusanit

Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Sie lässt ihren Archäologen sinnieren. Über den Schock im christlichen Europa, dass es den biblischen Turm zu Babel wirklich, ehrlich gibt, "[d]ass man ausgraben und erkennen würde, dass etwas, woran man nur glauben konnte, Tatsache war [...]." Über Fundverhandlungen mit dem Ottomanischen Reich, über den Grabungswettlauf mit den Franzosen, über den Philologen Delitzsch, der in Berlin schon ganz heiß auf eine neue Lieferung Tontafeln wartet, um sie übersetzen zu können.

Überhaupt, das Warten: Koldewey ist ein Aussitzer, ein Antiheld. Als säße er in einem "Stück" mit dem Titel: "Wie man aus der Ferne Dr. K. zu etwas bewegte, etwas zu tun, das er nicht zu tun einsah." Der Generaldirektor der Königlichen Museen zu Berlin sendet immer einen Satz: "Bitte endgültiges Grabungsprogramm vorlegen." Beim Gedanken, in ein paar Jahren einen Schlussbericht zu schreiben, wird ihm wieder schlecht. (Er hat's dann doch gemacht .)

Mit dieser Geschichte watscht Kusanit letztlich auch all die Weigerungen der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz - und der Regierung - ab, sich endlich grundsätzlich mit einer Restitution von Kulturgütern auseinanderzusetzen. Viele Funde von damals finden sich heute dort, etwa im Pergamonmuseum. Immer noch scheint zu gelten, was auch für den Kaiser damals galt, dem Koldewey im Berliner Schloss (ja, genau dem) eine Visite abstattet: Wer's findet, darf's behalten.

Eine Stimme, kostbar wie ein Stück Babylon

Irgendwann ist Koldewey schmerzfrei. Zuvor hatte er, die Füße im Kamillenbad, zwar schon geplant, sich im Falle aller Fälle an der Nordseite des Palastes von Nebukadnezar in eine Wand einbetonieren lassen. Aber dann macht er sich auf in Licht und Hitze nach draußen, die Prozessionsstraße entlang. Getrude Bell, die Fotografin, hat sich angekündigt (ein Foto von ihr ist auch im Buch). Er möchte ihr entgegengehen und versucht, dabei beschäftigt auszusehen. Wie Cusanit es gelingt, sein zögerliches Interesse so karg und dennoch deutlich genug sprachlich abzubilden, ist wirklich eine Seltenheit.

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Cusanit, Kenah

Babel: Roman

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 272
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Das Debüt der Anthropologin, Jahrgang 1979 (und, vielleicht Zufall, aber ein schöner, wie Koldewey geboren in Blankenburg im Harz) ist die reinste Freude. Weil es so kostbar ist wie ein Stück Babylon, eine derart ungewöhnliche Stimme zu entdecken. Und zu ahnen, da kommt noch mehr.

Mehr von diesem Schreiben, das selbst einer Ausgrabung gleicht, etwa wenn sie Schicht für Schicht von Koldewey selbst freilegt, in sich ewig und ruhig voranbohrenden Sätzen. Mehr von diesem unerwarteten, lauten Witz. Der in ihrer Hauptfigur steckt (Bell fragt nach Höhe und Alter des Turms: "Ziemlich hoch und vermutlich ziemlich alt, hatte Koldewey geantwortet.") oder auch in den Korrespondenzauszügen, die sie auch mal seitenlang kommentarlos untereinander packt.

Am Ende sitzt Koldewey wieder. Nun im Schatten unter dem Tor draußen in der Hitze, er wartet. Er sieht von Ferne Gertrude Bell, sie vermisst, macht Fotos. "Es gab Kulturen, die ihre Vergangenheit wiederverwendeten, und es gab Kulturen, die ihre Vergangenheit ausstellten", findet er.

Es wirkt wie eine unausgesprochene Idee: Was, wenn all die Tontafeln, die glasierten Kacheln, nicht in Kisten landeten, nicht nach Berlin reisten. Sondern vor Ort blieben. Um sie abzulichten. Jedes Stück, von oben, unten, allen Seiten. Um dann in Berlin nur die Fotos auszustellen. Das wäre doch mal ein Vorschlag.