Kinderbuch Das Wintermädchen

Wo eigentlich ist der Schnee geblieben? Die Schriftstellerin Juli Zeh schickt in ihrem Kinderbuch "Das Land der Menschen" einen kleinen Junge auf die Suche nach der Kälte.

Von


Das Bügeleisen der Mutter dampft, im Fernsehen ist die Karibik zu sehen, und draußen ist alles nur Grau. Robs drückt sich die Nase am Fenster platt, ihm ist viel zu warm, und wo ist eigentlich der Schnee? Winter ist in Deutschland keine Jahreszeit mehr für Kinder, Schneeballschlacht und Schlittenfahren gibt es eigentlich nur noch in der Erinnerung.

Wie die meisten guten Kinderbüchern beginnt auch die Geschichte von Robs und dem Eskimomädchen mit einer Sehnsucht. "Das Land der Menschen" heißt das Buch, und geschrieben hat es Juli Zeh. Nun muss es kein achtjähriges Kind interessieren, dass die Frau, die diese Geschichte erfunden hat, mit einem illusionslosen Roman wie "Spieltrieb" berühmt wurde, dass sie immer wieder mit politischen Essays auf sich aufmerksam macht und nebenbei noch als Juristin arbeitet. Aber für die Eltern, die "Das Land der Menschen" vielleicht vorlesen, ist es reizvoll, das im Kopf zu haben.

Tagsüber träumt Rob davon, in einem Bett aus Schnee zu schlafen. Doch eines Nachts flüstert ihm ein weinendes Eskimomädchen zu: "Eine Katastrophe, du musst mir helfen." Am nächsten Tag beschließt Rob, vom grauen Angeblich-Winter Reißaus zu nehmen und nicht zur Schule zu gehen, sondern sich auf die Suche zu machen. So genau weiß er nicht, was er suchen soll. Es ist wohl der Wunsch nach Schnee und Kälte und Weiß, der ihn treibt.

Später wird ihm das Eskimomädchen erklären, dass es in der Seele vieler Menschen eine leise Stimme gibt, die vom Winter erzählt, weil das Eis vor langer, langer Zeit auf der Erde viel weiter ins Land reichte als heute. "Im Herzen tragen die Menschen einen winzigen Klumpen vom ewigen Eis. Deshalb verspüren sie eine Sehnsucht nach dem Weiß, nach Sauberkeit und Stille. Niemand versteht diese Sehnsucht, aber alle kennen sie. In jedem Jahr muss es Winter werden, damit das Stück Erinnerung zum Leben erwacht und die Menschen glücklich sind. Sie brauchen den Winter."

Zu der Geschichte vom Wintermädchen hat Wolfgang Nocke popartbunte Bilder gemalt, die in glühenden Farben von der Freude an Schnee und Eis erzählen. Die Schriftstellerin Juli Zeh, auch das erzählt dieses schöne Buch, das der Schöffling-Verlag auf feste, weiße Seiten gedruckt hat, scheint eine große Verehrerin der kühlen, klaren Jahreszeit zu sein. Und wenn man ihre anderen Werke im Kopf hat, ihre präzisen Betrachtungen des Lebens, ist das nicht verwunderlich.


Juli Zeh: "Das Land der Menschen", Schöffling Verlag, 74 Seiten, 16, 90 Euro.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.