Galoppierende Tiger Was macht ein gutes Kinderbuch aus?

Sich in den Kopf von Dreijährigen reindenken: eine Aufgabe, an der Erwachsene verzweifeln können. Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel stellen sich ihr auf doppelte Weise – als Eltern, aber auch als Schriftsteller.
Autorenpaar Zipfel und Heinrich: Inspiriert vom gemeinsamen Sohn

Autorenpaar Zipfel und Heinrich: Inspiriert vom gemeinsamen Sohn

Foto: Privat

»Literatur hört da auf, wo die Antworten anfangen«, sagt Finn-Ole Heinrich. Es ist ein Satz, den die meisten ambitionierten Schriftsteller und wohl auch viele Leserinnen und Leser unterschreiben würden. Aber gilt er auch für Kinderbücher? »Für die besonders«, sagt Heinrich.

»Bosco Rübe rast durchs Jahr« heißt das neue Kinderbuch, das Heinrich gemeinsam mit seiner Partnerin Dita Zipfel verfasst hat. Es ist bereits das dritte Gemeinschaftswerk der beiden nach den Bilderbuch-Hits »Trecker kommt mit« und »Schlafen wie die Rüben«, die von der Stiftung Buchkunst beide zu den schönsten deutschen Büchern des jeweiligen Erscheinungsjahres gezählt wurden.

Was heißt hier schon normal?

Heinrich und Zipfel erzählen in ihrem neuen Werk von einem kleinen Menschen, der von der Pizza nur den Käse essen will und zum Frühstück schon mal trockenes Müsli, ohne Milch. Sein Lieblingstag ist sein Geburtstag. Blöd nur, dass der gerade vorbei ist – und ein ganzes Jahr mit ganz normalen Tagen vor ihm liegt. Aber was heißt hier schon normal? Bosco ist drei, da gibt es keine normalen Tage, da ist der Alltag das Abenteuer.

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Auszug aus Kinderbuch »Bosco Rübe rast durchs Jahr«

Bosco begibt sich mit seinem besten Freund Jonte auf »Esspitation«, er »flügelt« als »Adlerhahn« bis zum Mond, er galoppiert als Tiger durch den Zoo, weil Tiger, findet Bosco, eben nicht rennen, sondern galoppieren. Und einmal, da planscht er als Ente scheinbar endlos in einer Pfütze, auch dann noch, als Papa ihn rausbittet. Bosco hingegen quakt nur, weil Enten nun mal keine Menschensprache verstehen.

Irrationale Impulse und Gaga-Ideen

Heinrich und Zipfel haben gemeinsam einen Sohn, der nicht Bosco heißt, aber ungefähr so alt und so wild und so willensstark ist wie Bosco. Er hat sie zu vielen der Vorlesegeschichten inspiriert. Ihre Leistung besteht nun darin, diese Geschichten nicht aus der Perspektive der Eltern wiederzugeben, sondern aus der des Kindes, inklusive all der irrationalen Impulse und Gaga-Ideen, der abenteuerlichen Satzstruktur, der lustigen Wortschöpfungen. Ein Buch mit einem Tempo, das auch die Illustratorin Tine Schulz gekonnt aufgreift.

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Nicht alles ist verständlich für Dreijährige in diesem Buch, aber darin sieht Autor Heinrich kein Manko. »Für Kinder ist es normal, ganz viel nicht zu verstehen. Das stört sie also auch in Geschichten nicht.«

Bosco liebt "Kletterbrokant", und genauso steht das dann auch da, wieder und wieder, ohne dass es irgendwann aufgelöst und mit "Blätterkrokant" übersetzt würde. »Warum hat eine U-Bahn eigentlich Fenster?«, fragt Bosco einmal, ohne eine Antwort zu bekommen. Ja, warum eigentlich? Man kann nichts sehen, wenn man rausguckt, man könnte stattdessen Bilder aufhängen, so groß wie die Fenster – von Dinos zum Beispiel.

Feindbild Conni

»Das Buch ist der Versuch, Kinder in ihrer Logik ernst zu nehmen«, sagt Heinrich. Geschätzte 80 Prozent dessen, was sonst so als Kinderliteratur gelabelt werde, sei ja gar keine Literatur, »weil sie nicht frei und wild und aufrichtig ist, weil sie nicht Fragen stellt und irritiert, sondern Antworten erteilt«. Die Kinderbuchreihe Conni zum Beispiel, die sein Sohn zu seinem Leidwesen ganz gerne möge: »ein pädagogischer Gebrauchstext«, viel zu eingängig und zu verständlich, »ein Instrument, um zu erziehen und zu bilden«.

Verboten ist Conni bei Heinrich zu Hause nicht, so weit würde er nicht gehen. »Unser Sohn darf entscheiden, was er hören möchte.« Aber er selbst will so etwas wie Conni eben nicht schreiben. »Ich will so nicht über Kinder denken, ich will sie nicht erziehen, sie nicht in Form bringen. Ich will Kinder begleiten als das, was sie sind.«

Der angenehme Nebeneffekt: Wer Kindern nicht die Welt erklärt, von oben herab, sondern mit ihnen über die Welt spricht, der hat die Chance, mit ihnen mehr zu sehen als vorher. Ein Nebeneffekt, der sich auch beim Vorlesen dieses Kinderbuchs einstellt.

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Finn-Ole Heinrich, Dita Zipfel

Bosco Rübe rast durchs Jahr

Illustration: Tine Schulz
Verlag: mairisch
Seitenzahl: 80
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09.12.2022 10.25 Uhr

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Heinrichs und Zipfels Geschichten sind frei von großer Moral. Und umso voller mit großen Gefühlen. So groß, dass Bosco schon mal in den Tisch beißt.

Dita Zipfel, Finn-Ole Heinrich: »Bosco Rübe rast durchs Jahr«. Illustriert von Tine Schulz. Huckepack im Mairisch Verlag; 80 Seiten; 20 Euro. Ab 3 Jahren.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.