Beziehungskrisen Die Liebe ist zerbrochen - aber mit Gold repariert

Beziehungen sind kaum zu begreifen - außer vielleicht von den Betroffenen. Und die kitten oft, was eigentlich längst zerbrochen ist, wie Miku Sophie Kühmel in ihrem Roman "Kintsugi" klug und ehrlich zeigt.
Teetasse in Kintsugi-Technik:

Teetasse in Kintsugi-Technik:

Foto: riya-takahashi/ Getty Images/iStockphoto

Die Regale sind von Dieter Rams. Natürlich sind die Regale von Dieter Rams. Denn auch wenn das Haus irgendwo in der nordöstlichen Provinz steht, handelt es sich bei den Bewohnern schließlich um geschmackssichere Berliner irgendwo zwischen Kreativwirtschaft und akademischen Betrieb, und da gehört das Rams-Regal zum guten Ton.

Miku Sophie Kühmel erwähnt dieses Detail in ihrem Roman "Kintsugi" früh, bereits auf der zweiten Seite. Und es dient weniger als Einrichtungs-, denn als Charakterbeschreibung: Das Rams-Regal ist wie die gesamte, auf Minimalismus gebürstete Inneneinrichtung eine Idee von Max. Er verbringt in dem Haus ("schwarz geschindelt, schmucklos und vernarbt") die Wochenenden gemeinsam mit seinem Partner Reik.

Wir haben hier also zum einen mit Max einen Universitätsprofessor, der in seinen Selbstbeschreibungen immer klingt, als gäbe es nicht allzu viele Situationen, in denen er sich wohl fühlt. Er trägt stets eine Auswahl an Büchern mit sich, in einer Tasche des New Yorker "Strand Bookstore". Und wir haben zum anderen den Künstler Reik, seine Augen "silberne Scheinwerfer", heißt es einmal. International erfolgreich, Farbe, Holz, Metall als Werkstoff, Ausstellungen auf der ganzen Welt. Die beiden haben für das Wochenende, das den 20. Jahrestag ihrer Beziehung markiert, Besuch eingeladen.

Tonio, der gute Freund von früher, ist Klavierspieler, dessen Tochter Pega wurde von den dreien mehr oder weniger gemeinsam großgezogen. Kindheit und Pubertät hat sie ohne größere Schäden überwunden, mittlerweile ist sie Studentin; die beiden bieten ihr aber immer noch Kakao an. "Gibt's Gesellschaftsspiele?", fragt Tonio anfangs. "Wir machen uns zwei nette Tage", entgegnet Max.

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Kühmel, Miku Sophie

Kintsugi: Roman

Verlag: S. FISCHER
Seitenzahl: 304
Für 20,70 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

29.01.2023 22.46 Uhr

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"Kintusgi" heißt vereinfacht so viel wie "zerbrochenes Porzellan mit Gold reparieren". Die 27 Jahre alte Debütantin Miku Sophie Kühmel legt schnell die Sollbruchstellen in ihrer Handlung frei. Dass das Versprechen einiger netter Tage eine süße Lüge ist, ahnt man als Leser früh. "Von Anfang an war irgendetwas anders an diesem Wochenende, und ich habe das unbestimmte Gefühl, dass die beiden das vielleicht alles so geplant haben", sagt Pega gegen Ende des Romans.

Den Leser führt Kühmel an diese Situation nur langsam heran. Dabei bedient sie sich eines guten Kniffs: Sie lässt alle vier Protagonisten in vier langen Kapiteln gleichberechtigt zu Wort kommen, unterbrochen nur von kurzen Dialogen. Das gibt dem Buch Struktur, vor allem aber weitet sich der Blickwinkel mit jeder Seite mehr. Kühmel verhandelt nicht nur eine Zweierbeziehung, sondern die komplette Klaviatur menschlicher Verbindungen und damit einhergehender Risiken in der Welt der Gegenwart.

Im Juli erhielt Miku Sophie Kühmel den mit 15.000 Euro dotierten Buchpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung. Es hat schon seine Richtigkeit, dass "Kintsugi" nun auch für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Die Autorin erzählt prägnant und ausführlich und in einer sehr konkreten Sprache, Leerstellen lässt sie allerdings wenige, es sind nicht nur die Regale und die weiteren Möbelstücke, die sie genau benennt, kein Gefühl, keine Situation bleibt bei ihr im Unklaren. Einfach ist das nicht immer. Die bisweilen sehr statischen, manchmal fast zu ausführlichen Zustandsbeschreibungen muss man als Leser erst einmal durcharbeiten. Zunächst ist man irritiert ob des Fehlens eigener Interpretationsräume, doch die Zähe der ersten Seiten weicht rasch einem bemerkenswerten Sog.

Und da ist die Autorin dann plötzlich wieder obenauf. Sie führt mit breit angelegten Exkursen in die Vergangenheit ihres Ensembles, mit dem ganzen Sezieren und Ordnen von Gefühlshaushalten und mit den ziemlich gnadenlosen Schilderungen von Zu- und Abneigungen zielsicher in einen Irrgarten. Während die Figuren scheinbar noch verhandeln, ist eigentlich schon alles verloren.

Deutscher Buchpreis 2019 - die Longlist

Nora Bossong: "Schutzzone" (Suhrkamp)Jan Peter Bremer: "Der junge Doktorand" (Berlin Verlag)Raphaela Edelbauer: "Das flüssige Land" (Klett-Cotta)Andrea Grill: "Cherubino" (Paul Zsolnay)

Emanuel Maeß: "Gelenke des Lichts" (Wallstein)Alexander Osang: "Die Leben der Elena Silber" (S. Fischer)

Lola Randl: "Der Große Garten" (Matthes & Seitz Berlin)Tonio Schachinger: "Nicht wie ihr" (Kremayr & Scheriau)Norbert Scheuer: "Winterbienen" (C.H.Beck)Eva Schmidt: "Die untalentierte Lügnerin" (Jung und Jung)

Norbert Zähringer: "Wo wir waren" (Rowohlt)Tom Zürcher: "Mobbing Dick" (Salis) 

Am Ende bleibt dennoch Raum für Optimismus, denn "Kintsugi" führt durchaus zu Einsichten, und die sind, nun ja, nicht unbedingt neu, wurden aber selten so punktgenau belegt: Beziehungen, so kann man da rauslesen, sind etwas, das außer den Betroffenen keiner versteht. Deshalb gibt es auch kein Falsch und Richtig, wenn man über ihre Dynamik redet.

Die Jury der Ponto-Stiftung zog Goethes "Wahlverwandtschaften" als Vergleichsgröße heran. Das mag von der Anordnung der Charaktere greifen, ist aber sehr hoch in den Himmel gegriffen. Eines der besten Debüts der letzten Jahre ist Kühmel aber auf jeden Fall gelungen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben das Alter der Autorin im Text korrigiert.

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