Komiker Heinz Strunk "Comedy ist eklig"

Er verachtet Mario Barth und verehrt Loriot: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE lästert der Hamburger Humorist Heinz Strunk über die deutsche Comedy-Szene, preist die Melancholie als kreative Triebfeder - und ist für einen Augenblick sehr peinlich.

Ein vornehmes Restaurant in der Bremer Innenstadt, an den Wänden Schwarzweißfotos von Loriot, dazu viel dunkles Holz und lässig-blonde Kellnerinnen. Heinz Strunk ordert frisch gepressten Orangensaft, Cappuccino und Flusskrebsschwanzsalat mit Spargel. Er trägt Jeans, dazu ein blaugestreiftes Hemd und einen grünkarierten Strickpullunder. Seine Lederjacke hängt er über die Stuhllehne, die getönte Brille legt er auf den Tisch. Es kann losgehen, soll das heißen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Strunk, ich habe Ihnen einen Witz mitgebracht.

Heinz Strunk: Das ist nett.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es so wenige Frauen in der Comedy?

Strunk schweigt, ernster Blick, vorsichtig, abwartend.

SPIEGEL ONLINE: Weil sie 14 Jahre brauchen, um ein Bühnenkleid auszusuchen.

Schweigen, Stirnrunzeln

SPIEGEL ONLINE: Scheint nicht sehr lustig zu sein.

Strunk: Tja …

SPIEGEL ONLINE: Ist von Mario Barth …

Strunk: Da verbietet sich eigentlich jeglicher Kommentar.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Der tritt live vor 70.000 Menschen auf und ist nun zum vierten Mal in Folge mit dem deutschen Comedy-Preis ausgezeichnet worden.

Strunk: Tja nu … Ich kann dazu vielleicht eine kleine Begebenheit, eine persönliche Anekdote beisteuern - aus der Zeit, als Mario Barth gerade bekannt zu werden drohte.

SPIEGEL ONLINE: Nur zu!

Strunk: Eine Zeit lang haben wir in derselben Produktionsfirma gearbeitet, wenn auch für ganz unterschiedliche Sendungen. Eines Abends ging ich über den Flur und hörte aus der Teeküche das widerliche Gelächter zweier Typen, die sich gegenseitig schlechte Witze erzählten. Was sind denn das für Honks, dachte ich und wollte schon den Sicherheitsdienst rufen, um sie rauswerfen zu lassen. Da bemerkte ich: Der eine war Mario Barth.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht hätten Sie an diesem Abend mit Ihrem beherzten Eingreifen größeres Unheil verhindern können?

Strunk: Möglich. Ich kann es mir aber auch bis heute nicht erklären, warum Tausende Menschen Mario Barth live sehen wollen. Ich schaue mir seine Sachen an und finde sie so normal scheiße wie die aller anderen Comedy-Nasen auch. Ich glaube, der Erfolg der Barths dieser Welt ist einfach darauf zurückzuführen, dass sie einen unendlichen inneren Druck verspüren, so dass sie sich auch für die flachsten Witze nicht schämen. Die sind vom Ehrgeiz zerfressen und wollen um jeden Preis Karriere machen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen dieser Ehrgeiz gefehlt? Sie mussten 40 werden, um mit "Fleisch ist mein Gemüse" den Durchbruch zu schaffen.

Strunk: Ja, hat er. Mein Ehrgeiz hat nie meiner Laufbahn gegolten, sondern immer nur der Arbeit an sich. Bei mir hat sich der Erfolg daher auch rein zufällig eingestellt - und zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich eigentlich schon längst aufgegeben hatte. Ich hielt es gar nicht mehr für möglich, noch einmal irgendetwas auf die Reihe zu kriegen. Das Schreiben dieses Buches war eigentlich nicht mehr als meine ganz persönliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. In allerletzter Sekunde hat es geklappt.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre passiert, wenn Sie keinen Erfolg gehabt hätten?

Strunk: Ich hätte mich weiter durchgewurschtelt, wie man so sagt.

SPIEGEL ONLINE: Aber beinahe hätten Sie sich doch der Comedy-Szene verkauft?

Strunk: Ich finde Comedy entsetzlich und eklig, um das klar zu sagen. Aber es gab einen Zeitpunkt, vor etwa zehn Jahren, da stand ich kurz davor, mich in das Team der Sat.1-"Wochenshow" aufnehmen zu lassen. Damals hätte ich das sehr gerne gemacht. Nach den langen Jahren des Durchwurschtelns war ich weichgekocht, ich wollte endlich auch Ruhm und Geld und Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben es vermasselt, Ihre Gastauftritte rissen die Produzenten nicht vom Hocker?

Strunk: Richtig. Stattdessen entschieden sie sich für Markus Maria Profitlich. Heute bin ich heilfroh, dass es nicht geklappt hat.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Strunk: Vielleicht wäre ich sonst auch so geworden, so bequem und saturiert wie die meisten dieser 08/15-Comedy-Clowns. Ich hätte mir von den Autoren der Produktionsfirmen meine Witzchen aufschreiben lassen, hätte vor der Kamera funktioniert und auf den Tourneen abgesahnt.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch "Die Zunge Europas" lassen Sie Ihren Ich-Erzähler Markus Erdmann, einen frustrierten Comedy-Autoren, bitterböse über seine Branche schimpfen. Da heißt es: Comedy sei "in industrieller Massenfertigung produzierter Humor, rücksichtslos entkernt von Drama, Tragik, Weltanschauung, Überzeugung, Nuancen, Brüchen, Differenzen, also all dem, was Komik ausmacht".

Strunk: … und der absolute Tiefpunkt ist nun mit "Cindy aus Marzahn" erreicht. Unglaublich, unfassbar, traurig.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen wir es andersherum: Was ist denn guter Humor?

Strunk: Mein Verleger Alexander Fest hat neulich einen schönen Satz gesagt. Echter Humor sei die Antwort auf Melancholie, um eben diese zu überwinden. Das trifft genau mein Empfinden. Ich bin noch immer und trotz des Erfolges, der doch eigentlich glücklich machen soll, ein schwermütiger, ernsthafter Mensch. Niemand, der mich im Alltag erlebt, würde vermuten, dass ich etwas mit Humor zu tun habe.

SPIEGEL ONLINE: Was würde er denn vermuten?

Strunk: Gebrauchtwagenhändler?

SPIEGEL ONLINE: Glaube ich nicht. So sehen Sie nicht aus.

Strunk: Oder Versicherungsvertreter. Oder Lehrer.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt es eigentlich, wenn Ihr Freund Rocko Schamoni über Sie sagt, Sie hätten die "Spackigkeit im Blut"?

Strunk: Das ist schwierig zu übersetzen. Es bedeutet in etwa: albern sein zu können, sich nicht ernst zu nehmen und sich auch mit Mitte 40 konsequent dem Erwachsensein zu widersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie mir ein Beispiel.

Strunk: (steht auf, brüllt mit hoher Stimme durch den Raum) BÄÄÄÄÄÄAAAAAOOOOOHHHHH!

Die anderen Gäste drehen sich um, die Bedienungen schauen entsetzt herüber.

Strunk: Das hätte Rocko Schamoni vielleicht gemacht, wenn Sie in diesem Moment telefoniert hätten.

SPIEGEL ONLINE: Ah ja.

Strunk: (grinsend) Mir aber wäre das peinlich. Ich fände es deplaziert.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist ja gut. Sie seien der "Chronist des Hässlichen" hat das "Hamburger Abendblatt" anlässlich Ihres neuen Buchs geschrieben. Da denkt man unwillkürlich an die Rocheschen "Feuchtgebiete".

Strunk: Vollkommen zu Recht. Mitte Januar erscheint mein nächster Roman "Fleckenteufel", das die männliche Antwort auf Roches Werk sein soll. Dazu fühle ich mich geradezu berufen, schließlich arbeite ich mich in dem Bereich Pipi-Kacki-Schwuli-Wichsi-Kotzi schon seit nunmehr zehn Jahren ab. Wenn auch zumeist in Hörspielen und der Musik. Eigentlich habe ich sogar das Monopol darauf.

SPIEGEL ONLINE: Und Charlotte Roche ist Ihnen nun hineingegrätscht.

Strunk: Ich betrachte es eher als Steilvorlage.

SPIEGEL ONLINE: In der "Zunge Europas" widmen Sie viele Seiten den Niederungen des Fernsehens, RTL Shop zum Beispiel. Schauen Sie das wirklich?

Strunk: Botho Strauß hat einmal sinngemäß gesagt: Als Gegenpol zur nüchternen, scharfen Arbeit des Intellekts braucht der Mensch stumpfes Dämmern. Ich kann bei Thomas Mann einfach nicht entspannen.

SPIEGEL ONLINE: Marcel Reich-Ranicki wäre jetzt womöglich empört.

Strunk: Vielleicht gelingt es mir, im Zuge meiner höheren Menschwerdung mich vom Trash-Fernsehen komplett zu verabschieden. Noch aber bin ich nicht so weit.

Das Interview führte Jörg Diehl


Heinz Strunk: Die Zunge Europas. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg, 2008; 320 Seiten; 19,90 Euro