Sibylle Berg

Krieg in der Ukraine Und alles führt zu nichts

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Vielen Dank an alle, die im Moment helfen, die Geflohene aufnehmen, spenden, trösten, die versuchen, miteinander ins Gespräch zu kommen, die nicht klugscheißern und besserwissen.
Das Einzige, was die Menschheit eventuell retten kann, ist der Zusammenhalt der Machtlosen

Das Einzige, was die Menschheit eventuell retten kann, ist der Zusammenhalt der Machtlosen

Foto: Kelvin Murray / Getty Images

Erstarrt auf den Wahnsinn schauen. Auf eine Menschheit, die im Moment mehr denn je Zusammenhalt bräuchte. Gemeinsam mit allen Kräften versuchen, den Untergang der meisten Spezies aufzuhalten. Das Paradoxe ist, dass im Flackern immer größer werdender Brände, im Schein des Plastiks, das auf den Meeren schwimmt, die Unversöhnlichkeit der Massen wächst. Immer hektischer scheint die Suche nach Feindbildern zu werden, die Hoffnung, die Schuldigen auszumachen.

Der Wunsch, Komplexität in klare Fronten aufzuteilen, ist verständlich, denn es ist wie immer – kompliziert. Und dem einfachen Denken zu widerstehen ist eine Herausforderung, da sich fast alle nach etwas, nur etwas sehnen, das einmal einfach ist. Das treibt die Mehrheiten seit Beginn der heute überlieferten Geschichte, die immer von Mächtigen erzählt wurde, an. Die Fremden, die Hexen, die Vagabunden, die Juden, die Schwarzen, der alte weiße Mann, der Boomer, der Schwurbler, der Frauenversteher, die Emanze, der Woke, der Patriarch – immer sind es Vereinfachungen, die es scheinbar leichter machen, am Ende aber doch – das Leben zur Hölle werden lassen.

Befeuert durch die Ablenkungswaffe – soziale Medien – ist der Diskurs, der zwingend zu demokratischen Systemen gehört, die Meinungsvielfalt – zu Meinungsfronten geworden. So wie Verlage dazu übergegangen sind, ihre noch lieferbaren Schriften einer Politische-Correctness-Kontrolle zu unterziehen, scheint es in allen Bereichen der Kommunikation nur noch Lager zu geben. Dafür oder dagegen mit entsprechenden hasserfüllten Zuschreibungen, Kontaktschuld und Diskussionsverweigerung. Die verschwendete Zeit. Noch nie war es so leicht, sich komplett unterschiedliche Informationen zu besorgen, wie heute, nie so schwer, Wahrheit und Fälschung auseinanderzuhalten, was egal wäre ohne diskursive Hysterie und nicht vorhandene Gesprächsbereitschaft.

Sich ihrer Ohnmacht bewusst, suchen die Menschen im Moment zu erklären, wer genau an dem Krieg in unserer Nachbarschaft schuld ist. Sie beginnen, einander wieder für ihre verzweifelten Erklärungen zu hassen, russischstämmige Menschen zu attackieren oder Freunde, die wieder irgendeinen Hintergrund erklären, und alles führt zu nichts. Außer das Elend zu verstärken. Das meint: Die meisten BürgerInnen weltweit werden nie im Besitz einer Wahrheit sein, denn die gibt es nicht. Kriege erfolgen fast immer aus geopolitischen Machtansprüchen, aus finanziellen, territorialen Gründen, und die Leidtragenden, die Toten, Vertriebenen, Heimatlosen, bezahlen dafür, wie auch die Soldaten, die als Truppen, als Angreifer, Verteidiger, als Einheiten entmenschlicht werden. Aber es sind meist sehr junge Männer, Kinder, Brüder, Söhne, die für etwas kämpfen, das mit den Begriffen Frieden, Sicherheit, Verteidigung, Heimat, Ehre das umbenennt, was es ist: Zerstörung, Verwüstung, Morden, Elend, Trauma.

So verständlich es ist, nach Schuldigen zu suchen – was hilft es genau, wenn man sie benennen könnte? Es gibt so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt. Die Welt, geformt durch des Einzelnen Blick auf sie. Das Einzige, was die Menschheit eventuell retten kann, ist der Zusammenhalt der Machtlosen. Die Hilfsbereitschaft, das Bewusstsein, dass fast alle in Kriegen, Konflikten, in Propagandakampagnen die Leidtragenden sind und aufeinander angewiesen. Einander zu hassen, zu verachten, zu bekämpfen ist der zu leichte Weg.

Vielen Dank an alle, die im Moment helfen, die Geflohene aufnehmen, spenden, die zuhören, trösten, die versuchen, miteinander ins Gespräch zu kommen, die nicht klugscheißern, besserwissen, sondern sich als Teil von Milliarden begreifen, die vornehmlich dasselbe wollen: Frieden.

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