Krimi-Autorin Chelsea Cain Gretchen, das bildschöne Monster

Chelsea Cain weiß, warum es nicht mehr Mörderinnen gibt: "Wahrscheinlich sind wir Frauen schlauer und lassen uns nicht erwischen." Die Amerikanerin schreibt erfolgreiche Grusel-Krimis über eine brutale Serienkillerin. Heute erscheint ihr neuer Roman "Grazie".

Aus Portland, Oregon berichtet


Hier hat sie ihre erste Leiche deponiert. Hier an diesem tristen Strand auf Sauvie Island, eine halbe Stunde nordwestlich von Portland. Das trübe Wasser des Columbia Rivers leckt am lehmigen Sand. Fischkadaver dümpeln in der Brandung, die Regenwolken hängen tief. "Vorsicht, Liza!", ruft Chelsea Cain ihrer dreijährigen Tochter Eliza zu, die lachend losrennt. "Die Strömung ist mächtig", erklärt sie, "die hat schon Kleinkinder weggesaugt."

Chelsea Cain am Strand von Sauvie Island: "Die Strömung ist mächtig"
Marc Pitzke

Chelsea Cain am Strand von Sauvie Island: "Die Strömung ist mächtig"

Chelsea Cain, 36, hockt sich auf einen toten Baumstumpf. Dies, sagt sie, sei einer ihrer Lieblingsorte. "Hier bin ich schon als Kind mit meiner Mutter immer gerne herumspaziert." Sie zeigt auf die Gräten im Sand. "Viele Fische hier haben Krebs. Von der Atommülldeponie."

Das Nebeneinander von Makabrem und Ordinärem hat es Cain immer schon angetan. Das ganz alltägliche Grauen, der Tod in der Mittagspause, der Serienmörder von Nebenan - das sind die Motive, die sich durch ihre schaurigen Horror-Krimis ziehen. Der jüngste erscheint heute in Deutschland: "Grazie", der zweite Band ihrer Trilogie über Gretchen Lowell, das bildschöne Monster.

Foltern, Leiden, Sterben

Gretchen Lowell steht in der Tradition des legendären Hannibal Lecter ("Das Schweigen der Lämmer"). Nur dass sie eine Frau ist, eine "klassische femme fatale", wenn auch im wahrsten Sinne des Wortes. Eine attraktive Psychopathin, die zum Spaß foltert und tötet.

Im Mittelpunkt von "Grazie" und seinem Vorläuferband "Furie" steht die Beziehung zwischen Gretchen und dem Detektiv Archie Sheridan, der sie erst jagt und ihr dann verfällt. Eine unwiderstehliche Serienkillerin - ein Thriller-Novum. "Ich wundere mich, dass es nicht mehr Mörderinnen gibt", schmunzelt Cain. "Wahrscheinlich sind wir Frauen schlauer und lassen uns einfach nicht erwischen."

Dass in jeder Idylle Unheil lauern kann, zeigt sich eben auch hier in Portland im Bundesstaat Oregon, dem Schauplatz ihrer Bücher im rauhen US-Nordwesten - der zugleich auch Schauplatz ihres eigenen Lebens ist. Die stillen Straßen, die Lagerhäuser, die festungsartigen Schulen, die unheimlichen Fichtenwälder.

Als Cain ein Kind war, trieb hier im Nordwesten der "Green River Killer" sein Unwesen, einer der berüchtigsten Serienmörder der USA. Mindestens 48 Frauen ermordete er, zumeist Teenager und Prostituierte. "Es war das erste Mal, dass mir richtig bewusst wurde, wie gefährlich die Welt ist", erinnert sich Cain.

Frohnatur mit dunkler Phantasie

"Sie lag knapp zwei Meter vom Wasser entfernt auf dem Rücken, den Kopf zur Seite gedreht, ein Arm hinter dem Rumpf und alles von Sand bedeckt", so beschreibt sie die allererste der inzwischen zahllosen Leichen der Gretchen-Trilogie an jenem Strand von Sauvie Island, wo gerade ihre Tochter herumhüpft. "Er bemerkte das Blut an ihrer Nase, an den Lippen und der grotesk geschwollenen Zunge und das horizontale Würgemal tief am Hals." Cains Bücher sind spannende, blutrünstige Schocker. Es wird viel gefoltert, gelitten und gestorben, und auch den Überlebenden geht es nie so richtig gut. Chelsea Cains Bücher faszinieren - und deprimieren auch ein wenig. Es ist eine finstere Welt, die sie entwirft.

Dabei ist die erfolgreiche Schriftstellerin trotz ihrer dunklen Phantasie eine wahre Frohnatur. Sie lacht und kichert und lässt dabei ihr langes, rotes Haar wehen. Eine Brise erhebt sich vom anderen Ufer. Da drüben beginnt der Staat Washington, und am Horizont kauert die dunkle Silhouette des Vulkans Mount St. Helens - seit seinem tödlichen Ausbruch 1982 eine tägliche Erinnerung an das still in ihm schlummernde Unheil.

Ein paar Jahre lang lebte Chelsea Cain in New York, doch letztlich zog es sie wieder hierher zurück. Sie mag die politische Progressivität Portlands, die Kreativität der Leute hier. Doch es ist vor allem die Tristesse dieses Landstrichs, die sie inspiriert - und seine gruselige Geschichte. 1989 verschwand hier eine Schulfreundin Cains spurlos: Amanda Stavik, genannt Mandy. Die Leiche der 18-Jährigen fand sich drei Tage später in einem Fluss. Als eine TV-Serie den Fall nachstellte, wurde Chelsea Cain engagiert, das Opfer - ihre Freundin - zu spielen.

Der "Green River Killer" wurde erst 2001 gefasst, obwohl ihn eine Sonderkommission jahrelang gejagt hatte. Der letzte aktive Cop der Gruppe hatte nicht aufgeben wollen. Nach und nach gab der Mörder die Namen seiner Opfer preis. Mandy Stavik war nicht darunter; ihr gewaltsamer Tod bleibt bis heute ungeklärt.

Skelett an der Eingangstür

Lange ließ Cain all das im Unterbewusstsein ruhen. Sie schrieb andere, "schreckliche Romane, die auf dem Leben meiner Freunde beruhten", sowie "The Hippie Handbook" (2000), ein Ulk-Ratgeber über Batik-Shirts und Makramee, für das sie sich auf die kurzlebige "Hippie-Ehe" ihrer Eltern bezog.

Dann kehrte der Green River Killer in Cains Leben zurück - in Form einer Episode der CNN-Talkshow "Larry King Live". Vor vier Jahren war das; Cain war damals schwanger, guckte dauernd TV-Krimis und "blutrünstige Videos" - "und plötzlich", sagt sie, "kam alles zusammen."

Inzwischen sitzt Cain in ihrem neuen Büro, unter dem Dach ihres Hauses im Hawthorne District in Southeast Portland - eine helle Villa mit Veranda, Säulenportiko und Plüschsofas. Nur ein Plastikskelett an der Eingangstür lässt ahnen, was die Hausherrin alles im Sinn hat.

Zwei Jahre arbeitete sie an "Furie". Anregungen holte sie sich aus Polizei-Handbüchern, kriminologischen Ratgebern und der "Enzyklopädie der Serienmörder". Sie hielt sich finanziell mit einer Kolumne für die Lokalzeitung "Oregonian" über Wasser und mit den paar Dollars, die ihr Ehemann Marc in einer Videothek verdiente.

Mit "Furie" und "Grazie" griff Cain nicht nur die Idee des Green River Killers auf, sie bewältigte auch gleich die eigene Vergangenheit: "Indem ich Gretchen ins Gefängnis brachte", sagt sie, "habe ich auf meine Weise auch Mandys Killer gefunden." Wobei man wissen muss, dass Gretchen in "Grazie" nicht lange im Gefängnis bleibt.

Die US-Verlage rissen sich um die Geschichte der attraktiven Psychokillerin. Plötzlich hatte Cain einen Vertrag über drei Bücher in der Hand. "Furie" debütierte auf Platz acht der Bestsellerliste der "New York Times", Cain hatte offensichtlich einen Nerv getroffen: die Faszinationskraft von Serienmördern, in Realität und Pop-Kultur. Hannibal Lecter, Norman Bates ("Psycho"), Michael Myers ("Halloween") - Gretchen Lowell.

Dabei ist das kein rein amerikanischer Reiz. Deutschland, sagt Cain, sei ihr "zweitgrößter Kunde". Zur Weltpremiere von "Grazie" kommt Cain diese Woche sogar nach München. In den USA erscheint das Buch erst im September.

Es wird dunkel über Portland. Eliza hat auf dem Rückweg vom Strand bei "Dot's", einer rustikalen Kneipe, in der Cain und ihr Mann ihre Hochzeit gefeiert haben, "Cheezy-Fries" gemampft. Cain hat dazu ein kaltes Bier getrunken, das reinste Familienidyll.

Doch irgendwo lauert sicher der nächste Killer. Man kann Chelsea Cain ansehen, dass hinter ihren himmelblauen Augen schon der dritte Band der Gretchen-Saga Gestalt annimmt. "Ich kann nicht glauben, dass ich dafür bezahlt werde", sagt sie. "Ich werde schreiben, bis die Leute mich anbetteln, aufzuhören."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.