Krimi-Autorin Marklund Morde, die die Welt verbessern

Die Welt mit Kriminalromanen verändern: Wie geht das denn? Liza Marklund ist optimistisch. Jeder könne seinen Beitrag leisten, sagte die schwedische Autorin auf der Eröffnung des Hamburger Krimifestivals - ihrer ist definitiv einer der spannendsten.

Es ist ein großes Wort, das sie da so gelassen ausspricht. Kaum jemand hätte sich das wohl so direkt getraut. Ein Politiker hätte sich eher auf die Zunge gebissen, als solch einen, zur Arroganz neigenden Anspruch laut zu formulieren. Wissenschaftler oder Künstler, männliche zumal, hätten den Vorwurf des eitlen Chauvinismus und die Kritik der Überheblichkeit gefürchtet.

Und dann kommt Liza Marklund und sagt ganz einfach: "Ich will die Welt verändern". Punkt. Die Spannung im Saal ist fast zum Schneiden. Gebannt starren die Hamburger auf die Frau, die gerade so selbstbewusst derart Un-Hanseatisches von sich gegeben hat. "Wir alle haben die Macht dazu", sagt die Schwedin dann, "jeder von uns kann seinen kleinen Beitrag leisten".

Liza Marklunds Beitrag sind Bücher, ganz besonders Kriminalromane. Sie gehört zu den bestverkauften Autoren auf dem anhaltend boomenden Markt der skandinavischen Polizei- und Detektivgeschichten: Auf der Welle der Schweden-Krimis surft sie neben Henning Mankell und wenigen anderen ganz oben.

Es ist Sonntagabend und beste "Tatort"-Zeit. Doch während diesmal die Ermittler vom "Polizeiruf 110" hinter mehr oder weniger schnell erkennbaren Tätern herjagen, sitzen an die 600 Krimifans vom Typ Bildungsbürger im rappeldicke vollen Zelt der "Fliegenden Bauten" und lauschen Liza Marklund.

Es ist die Eröffnung des Hamburger Krimifestivals, der zweite Akt, nachdem die Premiere im letzten Jahr so eingeschlagen hatte. Auch die Neuauflage verspricht wieder ein Erfolg zu werden. Neun Tage lang lesen gut 30 Autoren an der Elbe. Und das nicht etwa in kleinen, kuscheligen Buchhandlungen, sondern in Theatern, Varietés und großen Sälen, die sie spielend füllen. Håkan Nesser war im nu ausverkauft, Jo Nesbø, der Norweger, ist es auch, ebenso wie Anne Holt und viele andere.

Schwedische Schule des Krimis

Warum Krimi-Autoren in Deutschland inzwischen einen Status haben wie Popstars und immer mehr ins Licht der Öffentlichkeit rücken, ist fast so schwer zu beantworten wie der offenbar unendliche Boom der sogenannten Schweden-Krimis, die längst nicht mehr nur aus dem Drei-Kronen-Land kommen, sondern ebenso erfolgreich aus Norwegen, Island und neuerdings auch aus Finnland.

Natürlich: Marklunds neuester Krimi, seit September auf dem Markt, ist ein hervorragendes Stück Kriminalliteratur und auf dem besten Weg, ein Bestseller zu werden. Es ist ihr siebter Roman über die Journalistin Annika Bengtzon, und vielleicht ihr bester. Dicht geschrieben, fesselnd die verschiedenen Handlungsebenen ineinander verschlungen und der beste Beleg dafür dass sich Krimis längst "literarisiert" haben.

Aber gibt es so etwas wie eine neue schwedische Schule, so wie die dänische Dogma-Filmkunst einen Aufbruch im Regie- und Kamerahandwerk einläutete? Liza Marklund zuckt mit den Schultern. "Wir Schweden denken gerne, dass wir die perfekte, die beste Gesellschaft kreiert haben", sagt die blonde Autorin, "und wir glauben, dass das Problem aller anderen ist, dass sie keine Schweden sind".

Die schwedischen Krimi-Autoren hätten "als erste registriert, dass wir keineswegs so perfekt sind", sagt Marklund auch, und deshalb hätten sie angefangen, das aufzuschreiben, was das wahre Leben wirklich zeigt.

Sie selbst wollte zum Beispiel Romane schreiben über Frauen, "die wie ich und meine Freundinnen leben", sagt die Autorin: "Die verheiratet sind, Kinder haben, zu viel arbeiten, Ärger in der Familie haben und zu wenig Sex". Und die feststellen, dass nichts ewig auf dieser Welt währt oder lebenslänglich andauert: Nicht die Freundschaft, nicht die Ehe, nicht die Karriere, nicht einmal die lebenslängliche Gefängnisstrafe. Außer die Elternschaft, die Beziehung zu den eigenen Kindern: "Aus dieser Bindung kommst Du niemals raus".

Sex kommt vor Karriere

"Lebenslänglich" – so heißt auch Marklunds neuester Roman. Ihre Heldin Annika Bengtzon ist Mutter von zwei Kindern, betrogene Ehefrau, karrieresüchtige Journalistin, notorische Weltverbesserin und deshalb selbst unverbesserlich. Im neuen Buch mag sie sich nicht damit abfinden, dass am Mord des landesweit gerühmten Vorzeigepolizisten David Lindholm ausgerechnet dessen Frau Julia Schuld sein soll. Sie will nicht akzeptieren, dass ihr Ehemann Thomas mehr Interesse an Sex als an der Karriere seiner Frau hat und sie deswegen verlässt.

Sie will sich nicht kleinkriegen lassen: Nicht von männerdominierten Strukturen in ihrer Nachrichtenredaktion, nicht von feigen Kriminellen, die ihr Haus abfackeln und sie und ihre Kinder um ihr gesamtes Hab und Gut bringen. Und sie will keine Zugeständnisse machen in ihren Freundschaften, nicht einmal gegenüber Frauen.

Das ist ganz schön viel auf einmal. Und gebannt verfolgt der Leser, ob sich Liza Marklund, die bei manchen schwedischen Kritikern bisweilen nicht unumstritten war, in ihrem Erzählgestrüpp verheddert. Vergeblich.

Marklund löst die Fälle und sie löst sie auf, in einem Buch, das mehr psychologisch gesellschaftliches Sittengemälde schwedischen Alltags als Krimi ist. "Aber wenn ein Mord vorkommt, ist es eben ein Kriminalroman", sagt Liza Marklund. So einfach ist das Geheimnis der Schweden-Krimis oder, wie der Moderator sagt: "Am Anfang passiert was, am Ende gibt es eine Aufklärung, wo im Leben hat man das noch?"


Krimifestival Hamburg , bis 9. November

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