Krimi über Computerüberwachung Sie sind schon drin

Was die deutschen Geheimdienste angeblich schon tun, wovon Innenminister Schäuble schäumt und träumt – hat der niederländische Thrillerautor Charles den Tex in seinem neuen Buch ausgesponnen: die totale Computerüberwachung.

Von Tobias Gohlis


Die Geschichte selbst ist alt. Ein Unschuldiger wird Zeuge eines Mordes, will das Opfer retten, hinterlässt Spuren, wird beschuldigt und gejagt. Um seine Unschuld zu beweisen, muss er die Schuldigen stellen.

Thrillerautor den Tex: Systemwidrige Panikattacke
Grafit Verlag

Thrillerautor den Tex: Systemwidrige Panikattacke

Doch die Geschichte, die der junge Michael Bellicher aus Amsterdam in Charles den Tex' neuem Thriller "Die Macht des Mr. Miller" erlebt, ist ganz aktuell – und bestürzend real. Bellicher ist Unternehmensberater. Eigentlich kann er gar nichts, außer kommunizieren. Aber darauf kommt es ja neuerdings an. Sein Hauptkunde ist der niederländische Justizminister. Dem kaut Bellicher die zum bevorstehenden EU-Gipfel passenden Phrasen so lange vor, bis er sie wiederholen kann. Abschottung nach außen, Härte nach innen, so soll der kollektive europäische Marschbefehl gegen die Muselmanen lauten. So haben es sich die Schlaumeier von HC&P ausgedacht.

Doch bevor der Jungstar der weltweit operierenden Unternehmensberatung seinem Ministerklienten den letzten Schliff geben kann, passiert etwas, was Jungstars niemals passieren darf: Systemwidrig erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Statt zu arbeiten, verkriecht er sich mit ein paar Flaschen Schnaps im Bett. Paniksyndrom nennt man das, und die Dunkelziffer der Manager ist hoch, die darunter leiden. Doch unser Jungstar wird nicht therapiert, sondern gefeuert. Als er sich über Nacht in den Räumen der Firma, die ihn gefeuert hat, einschließen lässt, wird er Zeuge des Mordes an einer Buchhalterin. Und die Jagd der Mörder nach dem Zeugen geht los.

Killer im Geschäftsanzug

Das ist alles flüssig und psychologisch spannend erzählt und ergibt viele nette Nebenaspekte. Doch das, was Bellicher auf seiner Flucht vor den Killern im Geschäftsanzug entdeckt, macht die eigentliche Sensation des Buches aus. Wer sich schon immer gefragt hat, wie ein Unternehmensberater Regierung und Opposition, Land A und Land B trotz entgegengesetzter Interessen gleichermaßen beraten kann – der wird in diesem Thriller über ein paar grundlegende Dinge aufgeklärt. Beraten werden kann jeder, vor allem dann, wenn die Informationen dazu aus einer Quelle kommen. Und so stößt Bellicher auf eine Verschwörung der Guten, die sukzessive dabei ist, Platons Utopie einer Philosophendiktatur auf PC-Ebene zu realisieren: Mr. Millers Macht. Von der Beratung zur Lenkung ist es nicht einmal ein Schritt.

Wer in jüngster Zeit ein neues Windows-Betriebssystem installiert hat, war hauptsächlich damit beschäftigt, dem großen Kraken Microsoft hier und da und dort Zugriffsrechte auf seinen Computer einzuräumen – selbstverständlich immer mit allerhöchster Selbstverpflichtung des Giganten zum Datenschutz. Angeblich können Geheimdienste Computer auch dann ausspähen, wenn diese nicht online sind. Wie das gemacht wird, hat Charles den Tex in seinem Nahzukunftsthriller ausgemalt. "My home is my castle" – das war einmal. Heute heißt es "Mein Homecomputer gehört dem, der in ihn eindringt".

Privates Wissen - das war einmal

Diesen Albtraum erlebt unser junger Held hautnah. Die Photosammlung wird Allgemeingut, persönliche Rechte stehen zur Disposition des Staates, privates Wissen füttert die Datenbanken und Thinktanks die strategischen Planer. Nur weil der Thriller ein Thriller ist, müssen die, die das Haus Mr. Millers in der virtuellen Realität aufbauen und bewachen, in der realen Realität die Errichtung ihrer Weltkontrolle hin und wieder mit einem Mord flankieren und Spuren hinterlassen, an denen sie identifiziert werden können. Noch.

Noch kann Bellicher mit Killern kämpfen, noch kann er Freunde gewinnen, die die Informationsfreiheit verteidigen wie sein Leben. Doch bald wird das vorbei sein, dann werden Unternehmensberatungen den Fluss aller Daten und Informationen steuern – und werden keine stumpfen Gegenstände mehr brauchen, um Schädel einzuschlagen. Dann sind sie einfach schon drin.

Bleiben Sie online, träumen Sie schön! Das rät Ihnen Ihr Unternehmensberater.


Charles den Tex: "Die Macht des Mr. Miller". Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer; Grafit Verlag, 448 Seiten, 18,90 Euro



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