Krimiautor David Peace "Ich wollte hinschmeißen, um meine Psyche zu retten"

Seine Thriller sind radikal brutal, seine Welten kaputt und trist, sein erstes Buch erträgt David Peace selbst nicht mehr. Und macht trotzdem blutig weiter: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt der Erfolgsautor, wie ihn seine eigenen Storys verfolgen, sinniert über Serienkiller - und kündigt sein Karriereende an.
Schriftsteller Peace: "Ich versuche, jedem Ort sein schmutziges Geheimnis zu entlocken."

Schriftsteller Peace: "Ich versuche, jedem Ort sein schmutziges Geheimnis zu entlocken."

Foto: Suse Walczak

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben absurd brutale Thriller, in denen alles kaputt ist und glückliche Ausgänge nicht vorgesehen sind. Ebenso radikal, herausfordernd und gewöhnungsbedürftig ist Ihr Stil. Trotzdem werden Sie weltweit von Kritikern beklatscht und verkaufen gut. Was finden die Leute an so viel geballter Tristesse?

Peace: Das erstaunt mich auch immer wieder. Ich weiß ja, dass meine Bücher finster sind und mein Stil, nun ja, schwierig ist. Ich biete eine Kombination, für die man mit klarem Kopf kein Publikum erwarten kann. Dennoch war ich besonders in England in letzter Zeit erstaunlich erfolgreich. Mein "Red Riding Quartett" wurde für das Fernsehen verfilmt, war ein Quotenhit und multiplizierte meine Buchverkäufe. Und mein Fußball-Tatsachenroman "The Damned United" hat sich dort mehr als eine halbe Million mal verkauft und wurde ebenfalls verfilmt. Glauben Sie mir: Ich staune auch, aber wahrscheinlich werden viele meiner Bücher nicht gelesen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Peace: Zum einen gibt es nicht wenige Menschen, die Bücher nach guten Kritiken kaufen, aber nicht wirklich wissen, worauf sie sich da einlassen. Und bei mir haben garantiert viele nach wenigen Seiten einen Schock bekommen und das Buch für immer weggelegt. Außerdem ist mein größter Bestseller, das Fußballbuch, auch mein zugänglichstes, was den Stil betrifft. Wer das also mochte und sich dann eins meiner anderen Werke besorgte, könnte unangenehm überrascht worden sein.

SPIEGEL ONLINE: Es bleiben viele Leser, die von Ihren Büchern beeindruckt sind.

Peace: Was England angeht, ist das auch ein beruhigendes Zeichen. Der Buchmarkt dort hat sich in den vergangenen Jahren sehr konservativ entwickelt. Dass meine Bücher überhaupt ein Thema sind, sollte für andere experimentierfreudige Autoren eine Ermunterung sein. Mein Verleger hat meinen Lektor sogar schon aufgefordert, den "nächsten David Peace" aufzutreiben. Das ist bizarr, aber freut mich natürlich.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie ihre Manuskripte früher in schöner Regelmäßigkeit zurückbekommen haben?

Peace: Ja, und das mit tollen Briefen wie "Bitte sehen sie davon ab, uns jemals wieder etwas zu schicken" oder "Sie sollten nicht davon ausgehen, dass Sie von Literatur je leben können". Das war teilweise sicher wirklich nett gemeint. Aber damals wusste ich bereits, was ich auch heute jedem Autor raten würde: Schreibe immer nur für dich und niemals, um anderen zu gefallen. Wenn man an sich glaubt, wird man irgendwann seine Chance bekommen. Das muss man sich allerdings leisten können.

SPIEGEL ONLINE: Wovon lebten Sie, während Ihre Manuskripte abgelehnt wurden?

Peace: Ich habe lange als Lehrer gearbeitet. Tagsüber unterrichtet. Nachts geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig ist es, nach dem Schreiben so düsterer Stoffe entspannt mit den eigenen Kindern zu spielen? Lassen Sie Ihre dunklen Phantasien im Arbeitszimmer?

Peace: Das ist wirklich schwierig, ohne hier allzu dramatisch klingen zu wollen. Als ich den zweiten Band meiner Tokio-Reihe recherchierte, las ich Protokolle über das, was in Japan mit manchen Kriegsgefangenen geschehen war. Dinge, die man sich weder vorstellen kann noch möchte, die aber in diesen Akten festgehalten waren, die im Auftrag der Sowjetunion damals bei Prozessen entstanden. Mein Bild von Japanern verfinsterte sich massiv, obwohl ich wusste, dass das Quatsch ist. Ich lebte in Tokio, fühlte mich wohl dort, wurde aber den Horror dieser Akten kaum los. Man muss sich dann ablenken. Mir hilft Fußball. Wenn ich nach einem quälenden Tag ein Spiel schaue, radiert das alle bösen Gedanken aus. Zumindest für ein Weilchen. Aber meine Frau würde das abstreiten. Das Schreiben des zweiten Tokio-Buchs hat mich sehr mitgenommen. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich hinschmeißen soll, um meinen Verstand zu retten. Aber da ich in meinem Leben ohnehin nur zwölf Romane schreiben werde, habe ich mich zusammengerissen.

"Ich war jung, Single und einsam"

SPIEGEL ONLINE: Wieso nur zwölf?

Peace: Weil mir das vor einigen Jahren klar wurde. Ich habe für alle Romane die Themen, ja sogar schon die unterzeichneten Verträge.

SPIEGEL ONLINE : Und danach?

Peace: Werde ich nicht mit dem Schreiben aufhören, aber den Roman als Form habe ich dann abgehakt. Dann werde ich mich an Poesie, Theaterstücken und Ähnlichem versuchen. Man darf nicht stillstehen im Leben, sonst wird es langweilig. Ich könnte mir auch vorstellen, Sachbücher zu schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Ihren Romanen liegen meist historische Fakten und Geschehnisse zugrunde. Was reizt Sie an dieser Mischung von Tatsachen und Fiktion?

Peace: Ich versuche immer, den Orten, an denen ich lebe, ihre Geheimnisse zu entlocken. Bevorzugt die schmutzigen Dinge, die einem die offizielle Geschichtsschreibung gern vorenthält. In der Gegend, in der meine "Red Riding"-Bücher spielen, bin ich aufgewachsen. Ich erinnerte mich an die Zeit, als alle den Yorkshire Ripper jagten, eine paranoide Erfahrung, weil irgendwie jeder unter Verdacht war. Die Tokio-Bücher entstanden, weil ich dort in den letzten Jahren gelebt habe und mich mit der Geschichte der Stadt intensiv auseinandersetzte. Alles, was unsere Gesellschaft ausmacht, liegt doch darin begründet, wo wir herkommen. Geschichte lässt einen nie los und ist deshalb immer aktuell.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit kommt man bei den eher verschlossenen Japanern?

Peace: Ich lebte mit meiner Familie im East End von Tokio, als ich meine ersten beiden Tokio-Romane schrieb. Ein Viertel, das im März 1945 komplett ausradiert worden war. Ich ging dort mit meinen Kindern spazieren, und die fragten mich natürlich, warum es dort keine alten Gebäude gibt, keine Monumente, eigentlich nichts Altes. In der Schule in Japan bleiben solche Katastrophen unerwähnt. Trotzdem muss man nachfragen. Es darf nicht alles vergessen werden. Mein japanischer Verleger hat mein Manuskript sehr genau gegengelesen und mich auf Fehler aufmerksam gemacht. Japanische Journalisten fragten mich in Interviews, wie es mir gelungen sei, so tief in die japanische Psyche einzutauchen. Ich glaube aber nicht, dass sich die japanische Psyche großartig von der britischen oder deutschen unterscheidet.

SPIEGEL ONLINE: Muss man die Erinnerung an jedes blutige Detail wirklich bewahren? Hilft nicht manchmal auch das Vergessen?

Peace: Die großen Kriege der Gegenwart wurden von Menschen wie George W. Bush oder Tony Blair in Auftrag gegeben. Männern, die selbst nie einen Krieg erlebt haben und für die solche Gräuel deshalb abstrakt sind. Herrn Kodaira aus "Tokio im Jahr Null" hat es ja genauso gegeben. Er ging in Japan zur Armee und wütete schlimm in China, vergewaltigte, mordete und bekam daheim Orden. In Tokio mordete er weiter. Als das alles aufflog, richteten sie ihn hin.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihre Botschaft ist, dass in uns allen ein potentieller Mörder lauert?

Peace: Das Gegenteil: Mit so einer Eigenschaft wird man geboren wie ein begabter Klavierspieler oder Maler. Ein Serienkiller hat kein Verständnis für Mitleid und Gefühle. Das grenzt ihn von den meisten Menschen ab.

SPIEGEL ONLINE: Aber waren die japanischen Soldaten, die in chinesische Dörfer einfielen, Frauen vergewaltigten und Kinder massakrierten, wirklich Serienkiller?

Peace: In der japanischen Armee wurde den Soldaten so lange eingetrichtert, dass Chinesen keine menschlichen Wesen seien, bis sie das glaubten. Wer ist da das Opfer? Wir sitzen hier in einem schicken Hotel, trinken Cappuccino und Cola, während weit weg von uns Menschen vor Hunger und Durst sterben. Beschäftigt uns das? Nein, man schaltet irgendwann aus. Ich glaube, dass Menschen im Krieg in extremen Situationen auch Teile ihres Hirns abschalten. Der englische Pilot, der Dresden bombardiert, der deutsche Wächter im Gefangenenlager. Sonst ist Vieles nicht erklärbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Stil und Rhythmus Ihrer Sprache gefunden, um das oft Unbeschreibliche in Worte zu fassen?

Peace: Menschen, die sich in einer zertrümmerten Welt bewegen, so wie in meinen Tokio-Büchern, nutzen auch eine fragmentierte Sprache. Stakkato-Worte und -Sätze, die ihre Verzweiflung widerspiegeln.

SPIEGEL ONLINE: Testen Sie, ob der Rhythmus funktioniert?

Peace: Ja, ich lese mir immer wieder laut die Sätze vor - bis sie stimmig sind. Sprache hat immer eine Melodie, egal ob die düster oder fröhlich ist. Diese Melodie zu finden, dauert manchmal sehr lange. Auch auf den Buchseiten ist wichtig, wie die Sätze stehen. Ich habe da bestimmte Vorstellungen, die bei meinem Verlag regelmäßig für Verzweiflung sorgen. Aber manchmal entsteht so eine sehr eigenartige Poesie.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Schreiben üben?

Peace: Aber natürlich. Ich schreibe regelmäßig Texte, die mich beeindrucken, ab und um. Vorhin zum Beispiel ein Kapitel aus einem Roman von Friedrich Dürrenmatt. Ich änderte den Rhythmus und die Zeit. Aus der dritten Person Vergangenheit machte ich die erste Person Gegenwart. Ein Spiel. Aber die Geschichte wurde so viel dramatischer, unmittelbarer. Dafür blieb die Melancholie des Originals auf der Strecke. Quatsch, aber spannend. Leider analysiere ich alles, was ich lese. Das kann ich nicht ausschalten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Schreiber haben Sie am meisten beeindruckt?

Peace: Heiner Müller, Bulgakow, T.S. Elliot und James Ellroy.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig war es eigentlich, Ihre "Red Riding"-Bücher verfilmbar zu machen?

Peace: Es brauchte Zeit. "1974" ist so grotesk brutal, dass ich mich auch wunderte, wie das funktionieren soll. Ich habe die Drehbücher nicht geschrieben, aber regelmäßig kommentiert. So einen Roman könnte ich heute nicht mehr schreiben. Ich war jung, Single und einsam und wollte den besten Kriminalroman aller Zeiten schreiben. Heute als Vater würde ich das, was in diesem Buch mit Kindern passiert, nicht mehr zu Papier bringen. Der Film zeigt das alles nicht. Gott sei Dank! Im Film sind die Figuren sympathischer. Auch "1983" und "1977" sind gut. Aber es gibt tatsächlich Leser, die sich darüber beschwert haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nach zwölf Jahren in Tokio zurück nach England gezogen. Schreiben Sie aus der Entfernung anders über Japan?

Peace: Ich glaube nicht. Ich bin aus privaten Gründen nach England zurückgekehrt. Aber was das Schreiben angeht, fühle ich mich eigentlich überall unwohl, was eine hervorragende Voraussetzung für meine Arbeit ist. Warum sollte ich sonst schreiben?

Das Interview führte Christoph Dallach

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