Krimis des Monats Da liegt ein toter Scorpions-Fan

Baseballschläger statt "Wind of Change": In Tanja Webers "Sommersaat" erweist sich Brandenburg als Berliner Vorhölle. John Grishams "Geständnis" ist spannend - bis Seite 380. Mechtild Borrmann schildert Herrenmenschen in der Provinz - und weiß, wie man ein Buch beendet.

Krimi-Sujet Scorpions: Fehlt noch was?
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Krimi-Sujet Scorpions: Fehlt noch was?


Verzeihung, wir hatten Mädchenhandel vergessen: Tanja Webers "Sommersaat"

Westdeutsche Großstädte haben ein Umland, Berlin hat eine Vorhölle: Zumindest unter den aus der alten Bundesrepublik zugezogenen Hauptstädtern dürfte es kaum jemandem einfallen, die Einwohner der Nachbarlandkreise einfach nur als Prolls oder Dummköpfe abzutun, wie man das in Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt so routiniert macht. Brandenburg ist, wenn man den Vorurteilen folgt, der "Failed State" unter den Bundesländern, überschattet von einer "Tag Cloud" der Boulevardreizwörter: Jugendgewalt, Alkoholismus, Hartz IV, Arbeitslosigkeit, Vernachlässigung. Fehlt noch was? Verzeihung, wir hatten Mädchenhandel vergessen.

Tanja Weber lässt kaum eine dieser Assoziationen aus in "Sommersaat", ihrem ersten Kriminalroman. Ein Verbrechen, auf das sie anspielt, erinnert ziemlich konkret an den Mord von Potzlow, dazu kommt eine alleinerziehende Mutter, die kaum mit ihren Kindern fertig wird, Ostrentner, die sich hinter dem Gartenzaun verschanzen - und dann liegt eines Tages Micha, benannt nach einem DDR-Gassenhauer von Nina Hagen, tot im Wald. Nicht nur, dass er seine Frau schlug und in den Puff ging, nein, er hatte auch noch einen schlechten Musikgeschmack: Micha hörte Scorpions. Es war allerdings nicht der viel zitierte "Wind of Change", der ihm so zugesetzt hat, sondern ein prosaischer Baseballschläger. Michas Kopf ist kaum noch zu erkennen.

Es hätte sich eine äußerst klischeegesättigte Geschichte entwickeln können, bildeten Tanja Webers Figuren nicht das Gegengewicht zum Bühnenbild dieses Kriminalromans: Da ist Johannes Stifter, ein vor dem Mauerfall in West-Berlin gestrandeter Akademiker, den es bei seinem Rückzug aus der Welt in das Dorf Germerow verschlagen hat. Dort arbeitet er als Postbote. Nachts hört er Miles Davis und übt sich in der Kunst der niemals endenden Arbeit an einer philosophischen Dissertation.

Stifter entdeckt Michas Leiche, wird schnell selbst verdächtig, ist es schließlich aber, der dem Hauptkommissar Georg Thalmeier, der in der Sache ermittelt, den entscheidenden Tipp gibt. Thalmeier, ein Bayer, den es nach der Wende nach Brandenburg verschlagen hat, ist der Arbeit längst überdrüssig. Lieber säße er mit einem kühlen Bier zu Hause am Tegernsee.

Weber schildert ihre Protagonisten wie auch einige der Nebenfiguren (von denen eine deutlich an eine bekannte Jungschauspielerin erinnert) sehr lebendig. "Sommersaat" ist ein stimmungsvolles Buch - dass es in einem völlig unnötigen Showdown samt postsowjetischen Geldeintreibern und perversen Wessis gipfelt, wirkt da geradezu unverständlich. Wie kann es sein, dass eine Autorin, die im Detail so viel Gespür für Figuren und Psychologie hat, im Großen auf ein derart holzschnittartiges Finale zusteuert? Sebastian Hammelehle

Buchtipp
Lange Zeit spannende Lektüre: John Grishams "Das Geständnis"

Man sollte folgendes Phänomen die Grisham-Amnesie nennen: Auch wer sich nach vier bis sechs Wochen überhaupt noch daran erinnern kann, einen Roman des amerikanischen Bestsellerautors John Grisham gelesen zu haben, wird Mühe haben, sich zu vergegenwärtigen, worum es eigentlich ging. Das mag zwar auf die meisten der sogenannten "Airport Novels" - seien sie von Jonathan Kellerman oder von James Patterson geschrieben - zutreffen, gilt aber für Grisham insbesondere. Zu austauschbar sind seine idealistischen Helden und korrupten Schurken, zu reißbrettartig seine Storylines.

"Das Geständnis", Grishams 16. Justizthriller seit er 1991 seinen Durchbruch mit "Die Firma" hatte, ist da keine Ausnahme. Er erzählt die Geschichte zweier Männer - einer ist Reverend, also Pastor, einer Anwalt - die alles daran setzen, einen unschuldig in der Todeszelle sitzenden Schwarzen vor der Hinrichtung zu bewahren. Beide sind engagiert bis zur Selbstaufgabe. Und beide gewinnen im Verlauf der weitgehend vorhersehbaren Handlung so wenig Profil, dass der Leser gar nicht erst versucht ist, ein gesteigertes Interesse an ihnen zu entwickeln. Ebenso wenig wie an dem schwarzen Jungen, einem ehemaligen Footballstar, der seit Jahren in einem texanischen Gefängnis einsitzt und über der Ungerechtigkeit, die ihn getroffen hat, halb wahnsinnig geworden ist. Auch das gute Dutzend Nebenfiguren, von der abgebrühten Journalistin bis zum machtbesessenen Gouverneur, entwickelt keine wirkliche Tiefe. Für das große Gesellschaftsporträt, das Grisham vorgeschwebt haben mag, fehlen ihm schlicht die erzählerischen Mittel.

Erstaunlich, dass "Das Geständnis" trotz aller offensichtlichen Schwächen lange Zeit spannende Lektüre bietet. Denn Grisham, der Jonathan Franzen für schwere Kost hält und William Faulkner zwar sammelt, aber nicht liest, ist ein ökonomisch arbeitender Erzähler, der weiß, was seine Leser von ihm wollen und genau das liefert - schließlich, wie er in Interviews gern betont, schreibt er in erster Linie, um Geld zu verdienen, und das jeden Tag von morgens bis mittags. Er verzichtet auf langwierige Beschreibungen und allzu viele Abschweifungen, seine Geschichten treibt er weitgehend mit Dialogen voran. So könnte man von einem leidlich gelungenen Thriller sprechen, wenn da nicht ein Problem wäre: Die Story hat nach 380 Seiten eigentlich ihr Ende gefunden, doch Grisham lässt sie noch quälende 140 Seiten weiterlaufen. Denn der Weltbestseller-Autor ist auch ein Weltverbesserungsautor. Doch so sehr man sein Plädoyer gegen die Unmenschlichkeit der Todesstrafe befürworten mag - man hatte die Message schon zu Beginn des Romans verstanden. Gut gemeint ist das Gegenteil von gut, das wusste bereits Kurt Tucholsky. Marcus Müntefering

Buchtipp
Stéphane Hessel ist nicht immer der richtige Ratgeber: Mechtild Borrmanns "Wer das Schweigen bricht"

Ein Foto im Nachlass bringt die Geschichte ins Rollen: Warum hat sein Vater über Jahrzehnte das Schwarzweißporträt einer für ihn unbekannten Schönheit aufbewahrt, fragt sich Robert Lubisch, als er nach dessen Tod erstmals das Zigarrenkistchen öffnet, das jahrelang auf dem väterlichen Schreibtisch stand. In der Wirklichkeit wäre die Geschichte wohl mit der Entdeckung der Aufnahme schon wieder zu Ende. Wer macht sich schließlich die Mühe, ohne Not alten Passbildern hinterherzurecherchieren?

Die Romanfigur Robert Lubisch aber macht auf der Reise zu einem Kongress in den Niederlanden einen Umweg nach Kranenburg, einem Städtchen am Niederrhein. Denn dort, so verheißt der Stempel auf der Rückseite, wurde das geheimnisvolle Bild aufgenommen. Kaum nötig zu sagen, dass Lubisch in Kranenburg auf eine Person trifft, die noch neugieriger ist als er selbst: Rita Albers, von Beruf, was sonst, Journalistin, jener Berufsstand, Sie wissen schon, der die Recherche im Blut hat - und so dauert es nicht lang, bis Albers erkennt, dass sie hier einer ganz großen, wie sagt man?, na klar: Story auf der Spur ist.

Ja, der Einstieg von Mechtild Borrmanns "Wer das Schweigen bricht" ist so konstruiert, dass der Leser jeden Grund hätte, das Buch aus der Hand zu legen und an Stéphane Hessel zu denken: Empört euch! Aber Hessel ist nicht immer der richtige Ratgeber. Auf einen plump gezimmerten Einstieg kann zumindest im Krimi noch ein vielschichtiger Plot folgen.

Die anfänglichen Schwächen von "Wer das Schweigen bricht" fallen derart auf, weil das Buch ansonsten geradezu tadellos konstruiert ist: Ein plausibles Verbrechen, eine überzeugende weibliche Hauptfigur, eine tragische Liebegeschichte, ebenso knapp dargestellt wie die verbrecherischen Machenschaften autoritär geprägter Provinz-Herrenmenschen.

So erweist sich Mechtild Borrmanns Roman, der zwischen verschiedenen Handlungssträngen in den dreißiger, vierziger und neunziger Jahren pendelt, als erstaunlich facettenreiche, spröde erzählte Reise in die deutsche Vergangenheit - die ihren Leser zuletzt sogar für den missratenen Anfang entschädigt: mit einem makellosen Schluss. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

insgesamt 2 Beiträge
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TeaRex 24.08.2011
1. Ein toter Scorpions-Fan?
Hier liegt ein Pleonasmus vor: lebende Scorpions-Fans sind nicht bekannt.
kommissar-kniepel 12.11.2011
2. Ich bin ein Zombie!
Zitat von TeaRexHier liegt ein Pleonasmus vor: lebende Scorpions-Fans sind nicht bekannt.
Soll obige These Gültigkeit haben, muss ich ein Zombie sein (ich bin also a a) tot & Scorpions Fan oder aber b) ich lebe und bin kein Scorpions Fan), wobei geklärt werden muss, ob Zombies tatsächlich im medizinischen Sinne tot sind. Gilt die These auch für Accept-Fans?
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