Krimis des Monats Heiliger Judas, steh uns bei!

Elf Tote im Schnee, elf logisch nicht nachvollziehbare Todesarten: Sandro Veronesis "XY" ist die katholische Antwort auf M. Night Shyamalan. Tony Black erzählt von Selbstmitleid im Säufersiff. Adrian McKinty präsentiert den Abschluss seiner "Dead"-Trilogie.

Orthodoxes Judas-Fest auf Zypern: Heiliger für die aussichtslosen Fälle
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Orthodoxes Judas-Fest auf Zypern: Heiliger für die aussichtslosen Fälle


Überbordende Mischung aus Comic und Hochkultur: Adrian McKintys "Todestag"

Wenn nach mehr als 1.300 Seiten die Totgeglaubten wieder lebendig werden und grausamer Hass sich in Liebe verwandelt, wenn alle Schlachten geschlagen sind und es Zeit wird, die Opfer zu betrauern und die Wunden zu lecken, dann findet eines der außergewöhnlichsten Projekte der Krimi-Geschichte sein fulminantes Ende. Die so genannte "Dead"-Trilogie (nach den Originalen, die allesamt das Wort "Dead" im Titel führen) ist eine unwiderstehlich anmaßende, überbordende Mischung aus Comic und Hochkultur, aus Groschenheft und griechischer Tragödie, aus amerikanischer Brutalität und irischem Sentiment.

Geschrieben wurden die drei Bücher von Adrian McKinty, Jahrgang 1968, geboren in Irland, ausgebildet in Oxford, ausgewandert in die USA, zurzeit wohnhaft in Melbourne, Australien. Auf eine gewisse Rastlosigkeit weist diese Biografie hin, und diese Unstetigkeit hat McKinty auch seinem Helden Michael Forsythe mitgegeben. In "Der sichere Tod", dem ersten Roman der Reihe, die zwischen 2003 und 2007 entstanden ist, aber erst jetzt vollständig auf Deutsch vorliegt, zieht es Forsythe in die USA. Er flüchtet vor seiner verpfuschten Vergangenheit, der trostlosen Gegenwart und fehlenden Zukunftsaussichten. Doch auch das New York der frühen Neunziger, immer noch verkatert nach den gierigen Achtzigern, hält nicht viel für ihn bereit. Und so landet er bei einer Bande von mäßig erfolgreichen Kriminellen, fängt ein Verhältnis mit Bridget an, der Freundin des irischen Paten, wird schließlich zum Mörder und Verräter. Und zum Most Wanted Man der New Yorker Unterwelt.

"Todestag", der Abschluss der Trilogie, spielt zwölf Jahre nach Forsythes Anfängen in den USA. Inzwischen hat er die Begegnung mit einer IRA-Splittergruppe gerade so überlebt ("Der schnelle Tod") und ist in Lima untergetaucht, wo er als Security-Mann arbeitet. Doch auch hier finden ihn Killer, die ihm seine Ex-Geliebte Bridget auf den Hals gehetzt hat, und stellen ihn vor die Wahl: Entweder begleitet er sie nach Irland, wo Bridgets zwölfjährige Tochter entführt wurde, oder er wird sofort exekutiert. Forsythe, der mitunter daherkommt wie eine Punk-Version von "24"-Held Jack Bauer - rücksichtslos gegen sich selbst und andere und stets einen Song von Radiohead oder Oasis im Walkman -, findet einen dritten Weg: Erst tötet er die Männer, dann macht er sich auf die Reise zurück in die Heimat, zum Ende seiner bizarr-blutigen Odyssee.

Das Finale findet am Bloomsday statt, dem James Joyces Roman "Ulysses" gewidmeten irischen Volksfest. Und wie Bauer, so hat auch Forsythe nur einen Tag Zeit, seinen Auftrag zu erfüllen. Mögen seine Methoden dem CTU-Agenten geschuldet sein, so ist sein Weg von Joyce (und Homer) vorgeschrieben. Mit einer deutlichen Anspielung auf den ersten Satz von "Ulysses" beginnt der Roman, mit dem gleichen Wort wie Joyces Mammutwerk ("Ja") endet er; die Kapitelüberschriften lassen sich Ereignissen und Personen in Homers "Odyssee" zuordnen und entsprechen wiederum einem gängigen Interpretationsschema von "Ulysses". Man kann sich auf diese literarische Spurensuche einlassen, muss es aber nicht. Denn jenseits aller intertextueller Spielereien ist "Todestag" einfach ein mitreißender Krimi, in dem es Adrian McKinty kompromisslos krachen lässt. Marcus Müntefering

Buchtipp
Als der Kaffee noch echte Plörre war: Tony Blacks "Geopfert"

Man rufe sich die Stimme des Radiodampfplauderers eigener Qual in Erinnerung und versuche, sich nur ganz kurz vorzustellen, sein Frühmorgen-Geblubber fließe nicht einfach mit dem Gurgelwasser nach dem Zähneputzen ab, sondern sei schriftlich dokumentiert, und man müsse das lesen, an einem Stück, ohne Unterbrechungen durch Musik, Werbung, Nachrichten und den Verkehrsbericht, rund 400 Seiten lang: Dann hat man eine erste Ahnung von der Wirkung dieses Buchs.

Man stelle sich dann zweitens vor, diese Endlosstimme gehöre einem schottischen Journalisten, den der Suff um Job und Frau gebracht hat und der sich seitdem voller Selbstmitleid im Säufersiff suhlt. Dieser Gus Dury ist zwar erst Mitte 30, aber das Ende sieht er bereits überall kommen: in der Pop-Musik (seit David Bowie), in der Literatur (seit Hemingway), im Journalismus (seit Gus Dury). Natürlich weiß Gus alles besser, vor allem, dass früher alles besser war: Edinburgh noch nicht von Protzbauten aus Chrom und Stahl verschandelt, der Kaffee noch echte Plörre mit Schuss statt irgendeinem italienischen Schnickschnack mit einer Schaumkrone, die leider nicht wie Guinness schmeckt. Gleich allen gernegroßen Langeweilern glaubt Gus, er sei eigentlich so markig wie Steve McQueen und mindestens so witzig wie die Typen in den Sitcoms, deren beste Sprüche er natürlich in petto hat.

Man denke nun drittens aber bitte nicht, der Autor Tony Black habe aus diesem Patchwork geliehener Haltungen einen Charakter geformt: einen verzweifelten Säufer als haltlosen Sabbler, den grotesken Poser im trostlosen Pub. Tony Black möchte lieber glauben machen, das simple mind Gus sei tatsächlich ein extrem cooler Hund, in dem ein original proletarisches Braveheart schlägt, befeuert von echtem Schrot und Whiskey. Der verkommene Alkoholiker Gus verkommt so zur schick desperaten Maske eines toughen Superman-Ermittlers, der es mit der Russenmafia, dem korrupten Polizeiapparat und einem fiesen Minister locker aufnimmt, und entspricht damit genau dem, was ihn an der modernen Architektur Edinburghs ankotzt: ein Fassadenschwindel. So funktioniert das ganze Buch: Es reproduziert, was es angeblich kritisiert, Homo- wie Xenophobie, und ob einer Frau wirklich zu trauen ist, weiß ein schottisches Mannsbild eigentlich nie. Das kann man bigott nennen oder schön altmodisch Schund; der Verlag nennt Gus Dury lieber den Nachfolger von Ian Rankins Detective Rebus.

Man sollte diesen Vergleich möglichst schnell vergessen, nicht zuletzt, weil Tony Black ein halbes Dutzend Autoren aufzählt, aus deren Werken er sein Krimidebüt kompiliert hat, sozusagen in bewährter Morgenradio-Tradition mit dem Besten von Derek Raymond, Andrew Vachss, Ken Bruen, Horace McCoy, David Peace und Barry Gifford. Das Ergebnis ist weniger eine Essenz als ein übler Verschnitt und gleicht jener Soße, die Gus über alles kippt, was er in sich stopft: Pommes im Brötchen, wie lecker. Das Zeug haut er so fraglos weg wie seinen Gegnern die Zähne - und wie sein Autor die Seiten mit halbverdautem Hingehacktem im Glauben, der Fraß schmecke den Massen. Denn anders als Gus will Tony Black nicht witzig sein; er hält sich nur für ziemlich gewitzt.

Und so könnte man schließlich fragen, ob der einzige Gag dieses Buchs der deutsche Titel sei, der garantiert keinen Bezug zum Inhalt hat. Die Pointe aber, was Black alles für seinen Serienstart geopfert hat, wäre so lang, dass sie es mit Gus' Gesabbel aufnehmen könnte. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp
Dahinter steckt das Rätsel überhaupt: Sandro Veronesis "XY"

Sandro Veronesis "XY" ist so etwas wie die katholische Antwort auf die Filme M. Night Shyamalans: Hinter einer meisterhaft ausgemalten, geheimnisvollen Kulisse verbirgt sich ein Rätsel. Nicht irgendeines, versteht sich, sondern das Rätsel überhaupt. "XY" beginnt mit der Entdeckung eines Blutbads: Nach einer winterlichen Schlittenfahrt durch die das italienische Bergdorf Borgo San Giuda umgebenden Wälder kehrt nur das völlig verängstigte Zugpferd zurück. Als sich die Einheimischen auf die Suche nach den verschwundenen Touristen machen, finden sie elf Leichen, fürchterlich zugerichtet. Das allein würde schon einen spektakulären Kriminalfall ergeben.

Was die Behörden in der norditalienischen Provinz Trient allerdings dazu bringt, die Umstände des Gemetzels zu vertuschen, ist, dass die Opfer in kürzester Zeit auf völlig unterschiedliche, zum Teil rational nicht erklärbare Weise umgekommen sind. Den grotesken Höhepunkt einer ganzen Reihe grausamster Todesarten bildet der tödliche Biss eines Hais - mitten im italienischen Bergwinter. Dass die spezielle Haiart längst ausgestorben ist, erscheint angesichts der geballten logischen Unmöglichkeit aller elf Todesfälle als geradezu vernachlässigbares Detail.

Sandro Veronesi erzählt "XY" in einem literarischen Tempo, gegen das sich durchschnittliche Kriminal- oder Mysterienromane wie unbeholfener Boulevardjournalismus ausnehmen. Im Mittelpunkt des Romans steht Don Ermete, ein knapp fünfzigjähriger Priester mit gut verleugneter Vergangenheit in den Befreiungsbewegungen der siebziger Jahre - sein spezieller Hausheiliger ist Judas Thaddäus, nicht etwa der biblische Verräter, sondern einer der zwölf Apostel und in der katholischen Tradition zuständig für die besonders hoffnungslosen Fälle.

Unterstützt wird Ermete beim Versuch, das Rätsel von Borgo San Giuda zu lösen, von der jungen Psychologin Giovanna Gassion. Auch sie trägt ein verdrängtes Schuldgefühl mit sich. Klassisch kriminaltechnische Indizien spielen bei ihren Ermittlungen bald keine Rolle mehr. In "XY" rieseln die moraltheologischen und psychologischen Verweise so unablässig vom Himmel, wie die Schneeflocken rund um das gewaltige Massiv des örtlichen Hausberges, der den Ort sogar vom Fernsehempfang abschneidet.

Der Leser tut gut daran, seine eigenen Ermittlungen anzustellen - besonders gegen den Autor Sandro Vernosi. Dabei dürfte ihm nicht nur auffallen, dass die Psychologin Gassion genau so heißt wie die Sängerin Edith Piaf, bevor sie ihren Künstlernamen annahm - einer der vielen Effekte des Buchs, die vielsagend wirken sollen, für die Romanhandlung aber letztlich nicht nötig sind.

Der entscheidende Hinweis findet sich im Nachwort: Dort bedankt der Autor sich bei einer Freundin, die ihm die "Tür gezeigt" habe, um aus diesem Roman herauszufinden. Ein bemerkenswert ehrliches Eingeständnis. So bravourös es Veronesi verstehen mag, Stimmungen aufzubauen - zuletzt fällt alles zusammen. Das Finale verpufft. Und wo im Buch Schnee fiel, da bleibt nur noch Matsch. Sebastian Hammelehle

Buchtipp



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